Bayern-Sieg beim VfB: Schauspieler Robben, Meister der Schmerzen
Die Konkurrenz verliert, die Bayern gewinnen: Beim Rekordmeister gab es eigentlich Grund zur Freude. Doch der theatralische Auftritt von Arjen Robben überschattete den Sieg in Stuttgart. Der umstrittene Superstar provozierte eine Rote Karte für einen Gegenspieler - und kassierte heftige Kritik.
Es wird derzeit viel über Fairness im Fußball geredet. Darüber, ob man die Schiedsrichter besser vor dem Zorn des Volkes schützen könne, indem man ihnen technische Hilfsmittel an die Hand gibt. Man will ja eigentlich vermeiden, dass die Referees in jedem zweiten Spiel wegen einer etwaigen Fehlentscheidung zu Buhmännern der Nation werden.
Doch solange derartige Fragen noch immer nicht geklärt sind, wäre es sinnig, wenn die wohl größte Unsportlichkeit im Fußball etwas konsequenter geächtet würde: die theatralische Schmerzsimulation, um den Platzverweis eines Gegenspielers zu provozieren. Am Sonntagabend krümmte sich Bayerns Arjen Robben auf dem Rasen, als habe er gerade mit Mühe und Not den Angriff eines Killerkommandos überlebt.
Insgeheim dürfte er sich während all des Geächzes und Gewälzes diebisch darüber gefreut haben, dass Stuttgarts Cristian Molinaro gerade vom Platz flog. Zum Tatvorwurf des wiederholten groben Foulspiels: Tatsächlich war der bereits (zu Recht) verwarnte Italiener einigermaßen ungestüm herangerauscht. Doch andererseits hatte er dabei erkennbar den Vorsatz, den Ball zu spielen - und dies auch getan.
Wäre Robben aufgestanden, weil er allenfalls mit der Wucht eines Papierfliegers niedergestreckt worden war - Schiedsrichter Manuel Gräfe hätte ziemlich sicher weiterlaufen lassen. Kein Vorsatz, kein böses Foul. Freistoß, vielleicht nicht einmal das. Jedenfalls hätte das Spiel regulär fortgesetzt werden können. "Ich weiß nicht, ob man bei jeder Situation immer gleich die Gelbe Karte zeigen muss", sagte der starke VfB-Keeper Sven Ulreich.
"Einer, den ich nicht spielen sehen mag"
Sein Kollege Martin Harnik wurde da deutlicher: "Da war Molinaro vielleicht etwas übermotiviert. Aber Robben ist einer, den ich nicht spielen sehen mag, weil er ziemlich leicht fällt und schon vor dem Kontakt in der Luft steht." Robben selbst sah die Szenen etwas anders: "Die Fans sind sicher emotional gewesen. Aber im Hinterkopf wissen sie auch, dass der eigene Verteidiger das nicht so schlau macht. Es war zweimal dunkelgelb und fertig."
So war das Spiel nach 29 Minuten zumindest vorentschieden, denn "gegen eine Mannschaft, deren Stärke die Ballzirkulation ist, wird es zu zehnt eben auch nicht leichter", sagte VfB-Manager Fredi Bobic. Der ehemalige Angreifer wollte die Schauspielerei Robbens übrigens nicht moralisch bewertet wissen. Bei Stürmern, sprach der Ex-Nationalspieler, liege das Herumgehampele nach harten Zweikämpfen nämlich quasi in den Genen.
Überhaupt verstanden sich die Stürmer generationsübergreifend wieder einmal prächtig in Stuttgart. Bayern-Torjäger Mario Gomez, der beim 2:1 (1:1)-Sieg seine Saisontreffer 14 und 15 erzielte, habe ihn gerade gefragt, "ob er denn jetzt hier Einreiseverbot bekommt." Das, so Bobic, habe er verneint: "Ich habe ihm gesagt, dass er ja selbst sieht, was er hier für eine gute Ausbildung bekommen hat."
In der Tat waren beide Tore des beim VfB groß gewordenen Stürmers (13. Minute/57.) der Kategorie "Schießt nicht jeder" zuzuordnen, wie überhaupt der Münchner Sieg vor allem der "enormen individuellen Qualität der Bayern" (Bobic) geschuldet war.
Angefangen beim traumwandlerischen Stellungsspiel von Keeper Manuel Neuer über die Passsicherheit seiner Kollegen bis hin zu Spielzügen wie dem vor dem 2:1 über Toni Kroos, Philipp Lahm und Gomez gab es einiges zu sehen, was man als hohe Fußballkunst werten darf. Der FC Bayern ist seit Sonntagabend de facto Herbstmeister. Und es gibt nicht viele, die das für unverdient halten.
Und dennoch: So richtig überzeugend war der Münchner Auftritt in Stuttgart nicht. Dazu überließen die Gäste nach ihrem zweiten Treffer dem dezimierten Gegner viel zu sehr die Initiative, spielten zu selten zielstrebig nach vorne und konnten am Schluss froh sein, dass die eingewechselten Pawel Pogrebnyak (78.) und Cacau (80.) das Spiel nicht doch noch drehten.
Bayerns Thomas Müller, der die Gelb-Rote Karte ("Geht ungeschickt hin") für gerechtfertigt hielt, fand deshalb gleich noch einen Grund, warum sich der VfB unterm Strich "nicht beschweren" dürfe: "Wir haben gegen elf Leute sowieso besser gespielt als gegen zehn, insofern hat der Schiri den Stuttgartern eher einen Gefallen getan." So konnte man das auch sehen.
Zumal das schon sehr stimmungsvolle Derby nach dem Platzverweis noch mehr den Charakter eines Reißers annahm. Bei jeder Ballberührung des Niederländers - also alle 30 Sekunden - gellten schrille Pfiffe durch die Arena, beide Fangruppen beschimpften sich mit Inbrunst, und die Spieler kämpften um jeden Zentimeter. "Für die Zuschauer war das doch ein tolles Spiel", fand Bayerns Müller. Recht hatte er.
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