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04. November 2010, 10:22 Uhr

Bayern-Sieg in Cluj

Triumph des Trainers

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Mario Gomez glänzt beim Champions-League-Sieg in Cluj mit drei Treffern, doch der Gewinner des Abends ist der Trainer. Die Mannschaft stellt sich hinter Louis van Gaal, der Vorstandschef lobt ihn in den höchsten Tönen. Von Streit redet beim FC Bayern keiner mehr.

Für Bayern-Trainer Louis van Gaal war es eine exzellente Woche. Der Niederländer und seine Elf sind in der Bundesliga wieder einigermaßen in der Spur, in der Champions League hat das Team nach dem 4:0-Sieg beim rumänischen Vertreter aus Cluj die Teilnahme im Achtelfinale vorzeitig gesichert, und van Gaals Autorität ist nach dem medienwirksamen Disput mit Präsident Uli Hoeneß gestärkt wie lange nicht. Stürmer Mario Gomez stand mit seinen drei Treffern von Cluj im Mittelpunkt des Interesses, der wirkliche Sieger des Abends heißt jedoch Louis van Gaal.

Hoeneß und van Gaal scheinen mit ihrem vermeintlichen Konflikt genau das erreicht zu haben, was bezweckt werden sollte. Die Spieler, die bei dem Coach so lange ein Schattendasein führten und die Hoeneß in seiner General-Kritik am Trainer als unterbewertet gelobt hat, haben jetzt die öffentliche Rückendeckung, die sie brauchen, um mit entsprechendem Selbstvertrauen Topleistung auf dem Platz zu bringen. Anatoli Timoschtschuk gehörte auch in Cluj zu den stärksten im Team, Andreas Ottl spielt im defensiven Mittelfeld einen unauffälligen, aber soliden Part, Martin Demichelis agierte weitgehend fehlerlos in der Innenverteidigung, und vorne trifft Gomez. Nach seinen drei Toren hat er zuletzt achtmal in sechs Pflichtspielen getroffen. Das ist die Quote, die der Verein von ihm erwartet hat, als er den Stürmer vom VfB Stuttgart weggelotst hatte.

Für Timoschtschuk und Gomez allein hat Hoeneß, in seinem damaligen Amt als Manager, extrem viel Geld ausgegeben, insgesamt 41 Millionen Euro. Die öffentlich geführte Auseinandersetzung dieser Woche drehte sich auch darum, dass Hoeneß fürchtete, mit jeder Woche auf der Ersatzbank sinke der Markt- und Wiederverkaufswert dieser Spieler. Auch deswegen mussten beide vom Präsidenten stark geredet werden. Jetzt dürften sie auch wieder für andere europäische Clubs von höchstem Interesse sein - der Präsident Hoeneß, der so viel Geld auf das Festgeldkonto des Vereins legt, kann beruhigter schlafen.

"Van Gaal ist ein Klasse-T rainer"

Der starke Mann im Verein ist allerdings nicht mehr Hoeneß, der heißt van Gaal. Der Streit zwischen Präsident und Trainer war auch ein Lackmus-Test, wie es um die Autorität des Niederländers in der Mannschaft steht. Den Test hat er bestanden. Torwart Jörg Butt lobte nach der Pflichtaufgabe von Cluj, dass "die Mannschaft sehr gut umsetzt, was der Trainer verlangt". Zuvor hatten bereits die Nationalspieler Thomas Müller und Philipp Lahm Stil und Methoden des Trainers in den Himmel gehoben: "Die ganze Mannschaft steht hinter dem Trainer", sagte Müller.

Im "Kicker" holte sich van Gaal dann auch noch die Unterstützung des Vorstandsvorsitzenden. "Van Gaal ist ein Klasse-Trainer, wir haben den Vertrag mit ihm daher auch in vollster Überzeugung verlängert", machte Karl-Heinz Rummenigge klar. Von Trainerschelte war an diesem kalten Abend in Rumänien aber auch gar nichts mehr zu hören. Beim FC Bayern ist es an sich nichts neues, dass der Vorstand dem Präsidenten öffentlich widerspricht. Das war oft so zu den Zeiten, als Franz Beckenbauer Bayern-Präsident war. Meistens übernahm das dann der Manager, den Präsidenten zu rüffeln. Der hieß Uli Hoeneß.

Plötzlich hat der Club wieder Perspektive

Den schlechtesten Start der Liga-Geschichte hatten die Bayern in dieser Saison hingelegt, aber plötzlich steht der Verein wieder gar nicht so schlecht da. Vier Siege in den ersten vier Champions-League-Partien - das hat der FC Bayern noch nie geschafft. Nur der FC Chelsea hat in der Königsklasse so eine Bilanz vorzuweisen.

In der Bundesliga stehen die gewinnbaren Spiele bei Borussia Mönchengladbach und gegen den 1. FC Nürnberg an. Kapitän Mark van Bommel und Offensiv-Trumpfkarte Franck Ribéry könnten nach ihren Verletzungen dann schon ins Team zurückkehren. Rummenigge sagt: "Es ist ein guter Moment, um auch in der Liga der Konkurrenz zu zeigen: Der FC Bayern ist nicht nur in der Champions League und im Pokal stark. Ab sofort beginnt die Klettertour in der Bundesliga."

Von Machtkampf war in den vergangenen Tagen viel die Rede, von einem brüchigen Burgfrieden, von persönlichen Animositäten zwischen Trainer und Präsident. Wer sah, wie sich van Gaal und Hoeneß beim nächtlichen Bankett im Anschluss an das Cluj-Spiel ihren Rotwein schmecken ließen, konnte auch einen ganz anderen Eindruck gewinnen: Hier haben zwei ausgefuchste Cleverles des internationalen Fußballs die Stimmung an der Säbener Straße einmal kräftig aufgemischt, die Mannschaft wachgemacht. Vor einem Jahr hatte eine ähnlich aufgeregt begleitete Auseinandersetzung zwischen Hoeneß und Philipp Lahm denselben Effekt erbracht.

Als der Niederländer nach dem Spiel von Journalisten darauf angesprochen wurde, ob der Streit mit Hoeneß die Mannschaft beflügelt habe, stockte der Trainer kurz und fragte dann zurück: "Was für ein Streit?"

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