Aus Doha berichtet Tim Röhn
Blass, zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern - so kannte man Toni Kroos über Jahre abseits des Fußballplatzes. Doch der 21-Jährige, der es sich im Presseraum des Bayern-Hotels gemütlich macht, hat mit dem "alten" Kroos nichts mehr gemein.
Entspannt lehnt sich der Mittelfeldspieler in seinem Sofa zurück und wartet auf die Fragen der Journalisten. Schüchtern war gestern. Hier, am Rande des FCB-Trainingslagers in Doha, sitzt einer, der zu einem selbstbewussten Leistungsträger des FC Bayern gereift ist.
Kroos ruft in dieser Saison konstant starke Leistungen ab und hat maßgeblichen Anteil an der erfolgreichen Hinrunde des Rekordmeisters. In 26 von 28 Spielen stand er auf dem Platz, schoss vier Tore und bereitete elf Treffer vor. Beim 3:2-Sieg in der Champions League gegen Neapel war er an allen drei Treffern von Mario Gomez beteiligt. Wo Kroos früher gern untertauchte, übernimmt er nun Verantwortung.
Präsident Uli Hoeneß erklärte jüngst: "Er hat eine sensationelle Entwicklung genommen. Wenn du Barcelona packen willst, brauchst du solche Spieler." Kroos hat diese Worte aufgesaugt und schöpft daraus Kraft. Er sagt: "Im Sommer hat der Trainer Gespräche mit mir geführt und gesagt, was er sehen will. Ich habe es direkt angenommen, und auch die Umsetzung hat gut geklappt."
"Fußballerisch muss der Trainer mir nicht viel erklären"
Was Jupp Heynckes damals verlangte: mehr Robustheit und eine andere Körpersprache. "Ich habe zum Beispiel Stabilisierungsübungen gemacht. Außerdem hat er mir erklärt, wie ich mich in den Zweikämpfen verhalten soll. Ich denke, dass ich es so verbessert habe, wie er es sehen wollte." Früher genügte oft ein Rempler des Gegenspielers, und Kroos schlich mit gesenktem Kopf über den Platz. Was Technik und Spielverständnis angeht, sieht sich Kroos ohnehin auf dem richtigen Weg. "Fußballerisch muss der Trainer mir nicht viel erklären. Das hat er selbst gesagt."
Unter Heynckes hat Kroos große Fortschritte gemacht. Schon von Anfang 2009 bis Sommer 2010 hatten beide zusammengearbeitet. Heynckes trainierte Leverkusen, Kroos spielte als Bayern-Leihgabe bei Bayer. Damals schaffte er den Durchbruch in der Bundesliga, der ihm zuvor in München nicht gelang. Seitdem existiert ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen Spieler und Trainer. Der junge, extrem ehrgeizige Nationalspieler und Routinier Heynckes - die Mischung funktioniert.
Zurück in München kam zunächst der Einbruch unter Louis van Gaal. Unter dem niederländischen Trainer, der Kommunikation mit seinen Schützlingen für weit weniger wichtig erachtet als Heynckes, schaffte es Kroos nicht, sein Potential auszuschöpfen. "Ich war eine lange Zeit der Meinung, er packt es nicht und wird nicht mehr besser", so Hoeneß.
Doch unter Heynckes ging es wieder bergauf für Kroos. Ob auf der Sechser-Position oder als Spielmacher - er meistert seine Aufgaben in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft so gut, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn jüngst als "Zwischenspieler" bezeichnete. "Es ist kein Geheimnis, dass ich mich als Zehner einen Tick wohler fühle und stärker sehe, als im defensiven Mittelfeld", sagt Kroos, der angesichts der Wiedergenesung von Bastian Schweinsteiger gute Chancen hat, dauerhaft auf seiner Lieblingsposition zu spielen. Und dort dabei zu helfen, dass der FC Bayern seine Ziele erreicht. Dass es so kommt, davon ist Kroos überzeugt. "Ich freue mich auf die vielen möglichen Titel", sagt er und schmunzelt.
Vom Leisetreter zum Sprücheklopfer
Vor der am 20. Januar in Mönchengladbach startenden Titeljagd ist Trainer Heynckes glücklich ob der Qualitäten seines flexiblen Spielers. "Seine Psyche ist unglaublich stark. Er ist fest im Glauben an sich selbst. Er hat Visionen vom Fußball, wie sie selten jemand hat", lobt Heynckes, der mit Emre Can einen Jugendspieler mit nach Katar genommen hat, dem er langfristig ebenfalls den Durchbruch zutraut.
Der 17-Jährige ist Kapitän der deutschen U-17-Nationalmannschaft - und im Mittelfeld wie Kroos variabel einsetzbar. Junioren-Bundestrainer Steffen Freund bezeichnet ihn als komplettesten Spieler, den er in diesem Alter je gesehen hat. "Für mich ist es etwas ganz Besonderes, hier dabei zu sein. Ich will zeigen, was ich kann. Den Rest muss der Trainer entscheiden", so Can zu SPIEGEL ONLINE. "Er ist ein großes Talent", sagt Heynckes, "wenn er Power, Ehrgeiz und Besessenheit hat, kann er es bei uns schaffen."
Toni Kroos hat es bereits geschafft. Für ihn gibt es in der jetzigen Situation nur einen Wermutstropfen: Seinen Geburtstag am 4. Januar kann er nie mit der Familie feiern. Zu Jahresbeginn stehen stets Trainingslager auf dem Terminplan. 2011 war eine Ausnahme, er fehlte verletzungsbedingt in Katar. "Damals habe ich mich absichtlich verletzt und konnte zu Hause bleiben", scherzt Kroos.
Inzwischen ist er beim FC Bayern sogar für die Witze zuständig.
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