Philipp Lahms 100. Länderspiel: Der Überragende

Von Peter Ahrens, München

Er ist noch keine 30 Jahre alt, aber gegen Österreich absolviert DFB-Kapitän Philipp Lahm schon sein 100. Länderspiel. Mit der Nationalmannschaft stand er viermal kurz vor einem Titelgewinn - und scheiterte viermal. Das will er nicht auf sich sitzen lassen.

Seit diesen Tagen wissen wir, dass Philipp Lahm auch beim Windelwechseln ein Musterprofi ist. Die Münchner "Abendzeitung" hat bei seiner Mutter nachgefragt, und die hat ihren Sohn in den höchsten Tönen für seine Qualitäten am Wickeltisch gelobt. Wenn Lahm etwas macht, macht er es eben perfekt. Der Kapitän der Nationalmannschaft, der am Freitag gegen Österreich (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ARD) in der Heimatstadt München sein 100. Länderspiel absolviert, hat es jederzeit verstanden, aus seinen Möglichkeiten das Allerbeste herauszuholen.

Bayern-Trainer Josep Guardiola hat den 29-Jährigen als den "vielleicht intelligentesten Fußballer, mit dem ich je gearbeitet habe", bezeichnet. Er hätte noch hinzufügen können, dass er auch einer der zielstrebigsten Fußballer ist, den er kennengelernt haben dürfte. Der Münchner weiß stets, was er will. Es ist diese Punktgenauigkeit, die den Fußballer Philipp Lahm eine so überragende Karriere hat bestreiten lassen.

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Philipp Lahm: Der Musterknabe
Wer Lahm in der Öffentlichkeit erlebt, sieht den Prototyp des modernen Fußballers. Verbindlich im Umgang, freundlich im Ton, eloquent, ohne sich inhaltlich zu weit aus dem Fenster zu lehnen, zuweilen auf der Grenze zur Phrase balancierend. 100. Länderspiel? "Ist natürlich eine schöne Sache für mich, aber wichtiger ist es, morgen zu gewinnen." Lothar Matthäus? "War ein großartiger Fußballer." Michael Ballack? "Ein verdienstvoller Nationalspieler." WM-Chancen? "Wir haben einen hochwertigen Kader, aber es gibt nie die Garantie, einen Titel zu holen." Lahm, der Chefdiplomat des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

In der Schule hätte man so jemanden einen Streber genannt. Aber Lahm ist viel mehr als das.

Überragend auf beiden Flügeln

Er ist zuallererst ein überragender Außenverteidiger geworden. Allein die Fähigkeit, genauso problemlos zwischen links und rechts die Position zu wechseln wie er die Windeln seines kleinen Sohnes austauscht, macht ihn im internationalen Fußball zu einem Ausnahme-Exemplar. Eigentlich kann man bis heute nicht sagen, ob der Links- oder der Rechtsverteidiger Lahm der bessere Abwehrspieler ist.

Er hat im Verein und in der Nationalmannschaft auf beiden Flügeln beeindruckende Leistungen abgerufen. Manche sagen, es passe zu ihm, dass man Lahm überall hinstellen könne. Guardiola hat ihn neulich auch mal ins Mittelfeld gepackt. Er spielte dort wie immer: solide bis souverän.

Das war früher nicht immer so. Kritisiert wurde er für seine schwächeren Spiele trotzdem nicht, auch das gehört zum Phänomen Philipp Lahm. Wenn Lahm Fehler machte - und die gab es zum Beispiel bei der Europameisterschaft 2008 - waren sie nie so gravierend, dass dies sofort auf den ersten Blick aufgefallen wäre. Krasse Ausfälle gab und gibt es bei ihm selten, man könnte sagen: Eigentlich gibt es sie nie.

"Ein Spieler, auf den immer Verlass ist"

Und die Fehler hat er im Lauf der Jahre auch weitgehend abgestellt. Heutzutage ist Lahm einer, der ein gewisses Niveau nie unterschreitet. Ein starker Philipp Lahm ist der Normalzustand, im Verein wie beim DFB. Es gibt im Kreis der Nationalmannschaft nicht viele, die eine solche Konstanz aufbringen können.

"Er ist ein Spieler, auf den als Trainer immer Verlass ist", hat Bundestrainer Joachim Löw vor dem Österreich-Spiel gesagt. Lahm und Löw bauen aufeinander. Es wäre zu viel gesagt, von einer Schicksalsgemeinschaft zu sprechen, in solchen Kategorien denkt der rationale Lahm nicht. Dennoch: Der Bayern-Profi wirkt zuweilen wie der gefühlte Trainerassistent der Nationalmannschaft, die Verbindung zwischen Bundestrainer und Kapitän ist seit Jahren unerschütterlich.

Es ist eine ähnliche Beziehung wie die zu Bayerns Triple-Trainer Jupp Heynckes oder nach kurzer Zeit auch zu dessen Nachfolger Guardiola: Lahm ist immer die erste Anlaufstelle der Fußballlehrer, ihr Lieblingsschüler.

Der sich gegen Homophobie einsetzt, gegen das Rasen auf Autobahnen, der sich für benachteiligte Kinder und Jugendliche starkmacht - dieser vermeintlich stets nette Herr ist aber auch in der Lage, Härte zu zeigen. Michael Ballack, der ausgerechnet zum 100. Länderspiel von Lahm die offizielle Verabschiedung durch den DFB erhält, kann davon viel erzählen und hat dies auch gerne getan.

Lahm hat zu seinem Länderspiel-Jubiläum gesagt: "Es ist schon speziell, wenn man sieht, welche Fußballer es nicht geschafft haben, diese Zahl 100 zu knacken." Ballack gehört zu denen, die es nicht geschafft haben. Er ist bei 98 Länderspielen steckengeblieben, weil er nach seiner Verletzung und nach dem WM-Turnier 2010 nicht mehr ins Schema dieser Mannschaft passte. Ballack hat dies öffentlich auch Philipp Lahm angekreidet, der sein Nachfolger als DFB-Kapitän wurde und diesen Wechsel wenig emotional begleitete.

So ist Lahm einer geblieben, der von den Massen eher bewundert als geliebt wird, zudem eine Art Symbolfeind derer, die dem Wirken von Löw und seinem Team ohnehin wenig abgewinnen können. Lahm steht wie kein anderer für das System Joachim Löw. Gemeinsam jagen sie seit 2006 einem großen Titel in der Nationalmannschaft hinterher. Bisher haben sie es viermal versucht, viermal sind sie knapp gescheitert.

100 Länderspiele - übrigens alle von Beginn an -, ohne einmal einen Pokal in der Hand gehalten zu haben: Der DFB-Kapitän wird das nicht auf sich sitzen lassen. In seinem fußballerischen Karriereplan ist es die letzte Leerstelle.

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insgesamt 105 Beiträge
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1. Alles ist relativ
dasbeau 05.09.2013
Ohne die Leistungen Lahms bewerten zu wollen, ist in den letzten Jahren einfach die Zahl der Länderspiele sprunghaft gestiegen. Matthäus brauchte für seine 150 Länderspiele 20 Jahre, Lahm für seine 100 gerade einmal 9 und das liegt nicht daran, dass Matthäus nur in jedem zweiten Spiel eingesetzt worden wäre. Eine Spielergeneration vorher war die Spiele-Dichte noch geringer. Uwe Seeler hat für 72 Spiele 15 Jahre gebraucht. Diese Vergleiche hinken hinten und vorne. Genauso wie der mit Kloses "Torrekord". Mehr als doppelt soviele Spiele hat er benötigt, um Müllers Trefferzahl zu erreichen (nach Torquote ist Klose nur auf Rang 6). Es spricht für Klose, dass er dies immer wieder betont und runterspielt, sobald das Thema aufkommt.
2. Musterschüler
jp larsen 05.09.2013
Lahm ist für mich der typische Musterschüler: eifrig, immer ein wenig opportunistisch zum Lehrer schielend, nicht wirklich Spitze, eben oberes Mittelfeld, nicht mehr aber auch nicht weniger. Manchmal sogar unfair gegenüber den gerade schwächeren Mitschülern. Am Ende wird meist nichts wirklich großes aus ihnen. Mit dem Abstand der Jahre erinnert man sich nur noch dunkel an den oft kleinen, etwas pickligen Mitschüler aus der frühen Schulzeit.
3. Lahm ist mit Abstand der beste deutsche Fußballer
kiefernwald 05.09.2013
Lahm spielt schon seit Jahren konstant auf hohem Niveau. Zudem schafft er es immer fair zu spielen und kommt weitestgehend ohne Fouls aus.
4. .
hfftl 05.09.2013
Zitat von jp larsenLahm ist für mich der typische Musterschüler: eifrig, immer ein wenig opportunistisch zum Lehrer schielend, nicht wirklich Spitze, eben oberes Mittelfeld, nicht mehr aber auch nicht weniger. Manchmal sogar unfair gegenüber den gerade schwächeren Mitschülern. Am Ende wird meist nichts wirklich großes aus ihnen. Mit dem Abstand der Jahre erinnert man sich nur noch dunkel an den oft kleinen, etwas pickligen Mitschüler aus der frühen Schulzeit.
Letztere verdienen allerdings kaum 10 Millionen in ihrem ganzen Leben, geschweige denn pro Jahr.
5. Lahm
Levator 05.09.2013
ist seit Jahren eine Konstante, kommt mit verhältnismässig wenigen Fouls über die Runden und liefert nahezu immer zu 100% seinen Leistungsbeitrag. Da gibt es nix zu meckern. Selbst wenn mir sein Verein nicht in den Kram passt, habe ich speziell vor Philipp Lahm höchsten Respekt...
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  • AFP
    Tor: René Adler (Hamburger SV), Manuel Neuer (Bayern München), Ron-Robert Zieler (Hannover 96)

    Abwehr: Jerome Boateng (Bayern München), Benedikt Höwedes (Schalke 04), Mats Hummels (Borussia Dortmund), Philipp Lahm (Bayern München), Per Mertesacker (FC Arsenal), Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund)

    Mittelfeld: Sven Bender (Borussia Dortmund), Julian Draxler (Schalke 04), Sami Khedira (Real Madrid), Toni Kroos (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Mesut Özil (Real Madrid), Sidney Sam (Bayer Leverkusen), André Schürrle (FC Chelsea)

    Sturm: Mario Gomez (AC Florenz), Miroslav Klose (Lazio Rom), Max Kruse (Borussia Mönchengladbach)