Bayern-Star Thiago Herrscher über Ball und Raum

Thiago Alcántara ist der vielleicht wichtigste Akteur in Bayerns Rekordmeister-Ensemble. Die Taktikanalyse zeigt, warum der Spanier Pep Guardiolas Schlüsselspieler ist.

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Als Rafinhas Flanke angeflogen kam, schnellte Thiago in die Luft, holte aus und traf den Ball perfekt. Sein Ausnahmetor bescherte dem FC Bayern gegen Stuttgart den Sieg. Es ist die Szene, die die meisten Bundesliga-Fans mit dem Namen Thiago Alcántara assoziieren; die Szene, die zu belegen scheint, weshalb Trainer Josep Guardiola einst von seinen Vorgesetzten forderte: "Thiago oder nix!"

Dabei sind es nicht die Tore, die Thiago für Guardiola und dessen Team, das am Dienstagabend die schnellste Meisterschaft der Geschichte feierte, so wichtig machen. Sondern Handlungsschnelligkeit und die Fähigkeit, sich an wechselnde Spielsituationen anzupassen. Thiago hat, was Guardiola fordert.

23. November vergangenen Jahres, Bundesliga-Gipfel zwischen Dortmund und Bayern. Beim Stand von 1:0 für die Münchner gewinnt Dante nahe der Eckfahne den Ball. Es folgt ein Pass zu Thiago. Noch während der Ball auf ihn zurollt, blickt der Spanier über die Schulter in Richtung Dortmunder Hälfte. Es ist eine schnelle, leicht zu übersehende Bewegung. Eine, die entscheidend ist für das, was folgt: Mit der linken Fußinnenseite nimmt er den Ball an, mit dem rechten Spann schlägt er ihn weit nach vorne. Ein Traumpass in den Lauf von Arjen Robben, 2:0, die Entscheidung zugunsten der Bayern.

Die Aktion charakterisiert den 22-Jährigen besser als das Traumtor von Stuttgart, denn sie offenbart mehrere von Thiagos Stärken. Die vielleicht wichtigste ist die Analyse seiner Umgebung. Vor jeder Ballannahme folgt ein Schulterblick, Thiago prüft die relevanten Bereiche des Spielfelds und die Positionen der übrigen Spieler.

Im Heimspiel gegen Frankfurt sorgte Thiago mit 185 Ballkontakten für einen Bundesliga-Rekord.
Opta

Im Heimspiel gegen Frankfurt sorgte Thiago mit 185 Ballkontakten für einen Bundesliga-Rekord.

Automatisch erfasst er seine Optionen: Gehe ich ins Dribbling? Spiele ich ab? In welche Zone des Feldes sollte der Ball befördert werden? Um die beste Wahl zu treffen, müssen viele Faktoren einbezogen werden. Welche Aktion erwartet der Gegner? Wo werden Lücken entstehen? Es gilt, die nächsten Momente in Gedanken durchzuspielen.

Unter Guardiola gab er sein Debüt bei Barcelona

Thiago benötigt kaum eine Sekunde, um alle Möglichkeiten zu erfassen und eine Entscheidung zu treffen. Bereits das hebt ihn heraus. Die Quote, wie häufig er die richtige Wahl trifft, macht ihn endgültig außergewöhnlich. Der Spanier verdankt dies auch seiner Technik. Dank ihr muss er keine Konzentration auf die Verarbeitung des Balls zu verschwenden.

Und da ist noch etwas, das ihn unverzichtbar macht für die Bayern: die Verbindung mit Guardiola. Beide arbeiten mit Unterbrechung seit sechs Jahren zusammen. Unter Guardiola debütierte Thiago als 16-Jähriger in Barcelonas B-Team, später dann bei den Profis. Niemand in München hat Guardiolas Spielweise derart verinnerlicht.

Thiago traut sich fast alles zu

Der Schlüssel dazu liegt im Verständnis von Räumen. Guardiolas Mannschaften sind auf Ballbesitz fixiert. Für den Trainer geht es nicht nur darum, Abwehrriegel zu knacken. Es geht ihm um das Wie. Das ist neu in München und neu in der gesamten Liga.

Guardiolas Mannschaft manipuliert den Gegner, lenkt die gegnerische Abwehr, ohne dass diese es bemerkt. Für die Herrschaft über Ball und Raum eignet sich Thiago perfekt. Nie bleibt er stehen, nicht für eine Sekunde, seine Bewegungen zeugen davon, dass er sich unablässig Gedanken über die aktuelle Spielsituation macht. Und über die nächste. Flexibilität, ständiges Erfassen neuer Hürden: Thiago verkörpert geradezu das Ideal seines Trainers. Beide tragen es hinein in einen Club, von dem es vor der Saison schien, er könne unmöglich noch stärker werden. Er konnte.

Oft ist zu beobachten, wie Thiago urplötzlich die Laufrichtung ändert und sich derart vom Gegenspieler absetzt, dass ein Dreieck entsteht aus dem Spanier, dem ballführenden Mitspieler und einem Teamkollegen. Er spielt bewusster als viele andere. Denkt in Passwinkeln. Führt er den Ball, bricht er ständig die Erwartungshaltung des Gegners. Zum Beispiel, indem er in eine Richtung blickt, um ansatzlos in die andere zu passen. Verteidiger wissen nie, wohin Thiago das Spiel als Nächstes tragen wird.

Er verliert kaum Bälle, weil ihn Gegenspieler überraschen und in Zweikämpfe verwickeln. Er ist für sie nicht zu greifen. Und doch leistet sich Thiago Ballverluste, mehr als Philipp Lahm oder Toni Kroos. Die Fehler resultieren oft aus zu großem Selbstbewusstsein: Thiago traut sich fast alles zu. Mitunter wagt er zu viel, sein Spiel wirkt dann nicht ernsthaft, sondern leichtsinnig. In solchen Momenten wird deutlich, was ihm im Vergleich zu manchem Mitspieler noch fehlt. Dann wiederum gelingen ihm Aktionen wie das Tor gegen Stuttgart.

Je weiter er reift, desto seltener werden die Fehler. Dabei ist Thiago schon jetzt nicht wegzudenken aus dem vielleicht besten Mittelfeld einer Clubmannschaft weltweit. Dasselbe dürfte schon bald für Nationalteams gelten. Bei Spanien saß Platzhirsch Xavi im jüngsten Test gegen Italien (1:0) 90 Minuten auf der Bank. Thiago spielte durch. Er kam auf 139 Ballkontakte.

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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
patsm 26.03.2014
1.
Ich stimme dem Artikel zu, Thiago ist jetzt schon auf Augenhöhe mit sämtlichen arrivierten Bayernspielern im Mittelfeld. Es wäre schön, wenn der Artikel das mehr an Fakten untermauern würde, anstatt nur Behauptungen aufzustellen. Denn die Statistiken belegen vieles von dem Geschriebenen.
patsm 26.03.2014
2.
Ich stimme dem Artikel zu, Thiago ist jetzt schon auf Augenhöhe mit sämtlichen arrivierten Bayernspielern im Mittelfeld. Es wäre schön, wenn der Artikel das mehr an Fakten untermauern würde, anstatt nur Behauptungen aufzustellen. Denn die Statistiken belegen vieles von dem Geschriebenen.
ge1234 26.03.2014
3. Thiago ...
... und auch Götze machen aus dem Weltklasseteam, das der FCB letztes Jahr schon hatte, ein phänomenales Team!
theinvisibleone 26.03.2014
4. Wahr!
Die Verpflichtung von Thiago war/ist das peferkte Mittel die Philosophie von Guardiola auf den Platz zu bringen. Seine überragende Technik und sein Spielverständnis sind meiner Meinung nach einzigartig in der Bundesliga. Ich denke dass er sogar stärker als Xavi oder Iniesta ist.
puyumuyumuwan 26.03.2014
5. Ist sicherlich ein guter Spieler
Und hat den Vorteil, dass er Guardiola verstehen kann. Wie sonst nur Martinez. Dass er ein "Schlüsselspieler" ist, wage ich mal zu bezweifeln. Das sind Schweinsteiger, Lahm, Ribery. Deren Abwesenheit merkt man der Mannschaft sofort an. Die anderen sind alle gleichstark aus dem Kader zu ersetzen.
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