Guardiola nach dem Bayern-Aus Pulver verschossen, Pistol-Pep

Eine Kugel habe er noch, sagte Josep Guardiola vor dem Champions-League-Halbfinale. Doch der Einzug ins Endspiel scheiterte. Und dennoch sagt der Trainer anschließend: "Ich bin glücklich."

Aus München berichtet Florian Kinast


Da saß er nun, eine Stunde nach Abpfiff. Josep Guardiola wirkte entrückt, fast beseelt lächelte er vor sich hin. Seine Mannschaft war kurz zuvor aus der Champions League ausgeschieden, zum dritten Mal in drei Jahren erneut im Halbfinale. Wieder war es Guardiola nicht gelungen, mit dem FC Bayern das Finale zu erreichen, wie in den beiden Jahren davor, da gegen Real Madrid und den FC Barcelona, scheiterte er auch nun an einer spanischen Mannschaft. Das 2:1 gegen Atlético Madrid reichte nicht für die Reise nach Mailand, zum Endspiel am 28. Mai.

Man kann verstehen, wenn Trainer in solchen Momenten verzweifelt wirken, den Tränen nahe. Josep Guardiola sagte: "Ich bin glücklich. So happy." Guardiola schmunzelte. Man wusste nicht, ob er das ernst meinte, ob es als Ironie gedacht war oder er es einfach genoss, den Reportern irgendetwas zu erzählen, weil es ihm völlig egal ist, was die über ihn schreiben. Josep Guardiola war ein Rätsel. Wie so oft in seiner Zeit beim FC Bayern.

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Vor fast drei Jahren saß er an gleicher Stelle, bei seiner ersten Präsentation als neuer Bayern-Trainer. Mit einem "Grüß Gott" begann er seinen Auftritt, und als wenig später Philipp Lahm zum neuen Übungsleiter befragt wurde, erwiderte der Bayern-Kapitän: "Ich hoffe, dass wir mit ihm eine Ära begründen können." Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Der Trainer gilt jetzt als der Unvollendete

Ja, Guardiola ist ein erfolgreicher Trainer, vermutlich holt er am Samstag in Ingolstadt den dritten Meistertitel und vielleicht am 21. Mai in Berlin seinen zweiten DFB-Pokal. Den großen Triumph konnte er in seiner Zeit in München nicht feiern. Die großen Trainer in München heißen damit weiterhin Udo Lattek, Dettmar Cramer, Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes. Mit ihnen gewann der FC Bayern den Landesmeister-Pokal oder die Champions League. Guardiola aber bleibt der Unvollendete.

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"Titel sind nur Nummern", sagte Guardiola nach Abpfiff, doch so sehr er es auch herunterspielen wollte, so war ihm während des Spiels anzusehen, wie wichtig ihm das gewesen wäre, den Henkelpott mit den Bayern zu gewinnen. Emotional wie nie zuvor tanzte er die Seitenlinie auf und ab, krümmte sich bei vergebenen Chancen seiner Spieler, echauffierte sich über die fragwürdigen Entscheidungen von Schiedsrichter Cünent Cakir. Er wusste, so nahe war er in den drei Jahren noch nie am Finaleinzug, gegen Real und Barcelona war die Niederlage nach beiden Spielen eindeutig. Diesmal hingegen entschied nur die Auswärtstorregel über das Weiterkommen. Und über das Ausscheiden.

"So ist Fußball", sagte Guardiola später, "der eine gewinnt, der andere verliert." Zumindest diese Aussage war in ihrem Inhalt unmissverständlich. Und tatsächlich kamen von Guardiola noch mehr klare Worte. So glücklich und happy er eben selbst sei über das Spiel seiner Mannschaft, "so traurig bin ich auch für meine Spieler und für unsere Fans." Gefühle, die geteilt wurden vom Vorstandsvorsitzenden. Karl-Heinz Rummenigge erklärte, er sei "traurig für die Mannschaft und den Trainer, weil wir couragiert gespielt und im Prinzip alles richtig gemacht haben." Umso bitterer, wenn es dann trotzdem nicht reicht.

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Pathetisch wurde Guardiola dann auch noch, gerade er, der oft so sachlich wirkte, analytisch, nüchtern und klinisch. Nun sagte er: "Ich habe immer mein Leben gegeben für diese Spieler, immer mein Bestes, vom ersten bis zum letzten Tag. Es ist eine Ehre, dass ich mit ihnen arbeiten durfte. Diese Spieler sind wow."

Guardiola blickte auch schon in die Zukunft, in die Zeit seines Nachfolgers. "Ich hoffe, dass Carlo Ancelotti dieses Niveau, was ich hier geschaffen habe…", sagte er, sprach den Satz aber nicht zu Ende. Meinte er, das Niveau halten kann? Oder steigern? So blieb auch das rätselhaft.

Nach dem Spiel in Madrid letzte Woche hatte Guardiola, befragt nach den Chancen fürs Rückspiel, in eigenartiger Wild-West-Metaphorik erklärt: "Ich bin noch nicht tot. Ich habe noch eine Kugel." Die Kugel ist nun verfeuert. Er hat sein Pulver verschossen, der Pistol-Pep. Der katalanische Cowboy reitet nun weiter nach Manchester, mit Sicherheit gibt er auch da sein Bestes und wird erklären, sehr glücklich zu sein.

Gegen 23.40 Uhr stand Josep Guardiola auf und verließ das Podium. Ja, er hat noch drei Spiele, zwei in der Bundesliga, dazu das Pokalfinale am 21. Mai gegen Dortmund. Gefühlt ging seine Zeit in München aber schon Dienstagabend zu Ende, 20 Minuten vor Mitternacht.



insgesamt 64 Beiträge
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mvp81 04.05.2016
1. Glück braucht man!
Um die Champions League zu gewinnen braucht man auch immer ein bisschen Glück! Das kann man leider nicht trainieren. Die Mannschaft war super eingestellt auf den Gegner das ist der Verdienst des Trainers! Wenn die Mannschaft die klaren Feldvorteile nicht in Tore umsetzt kann der Trainer auch nicht viel ausrichten ;-)
grand finale 04.05.2016
2. Ausgemuellert
zumindest worde in Peps letzten wichtigen Spiel mit dem Mythos "Muellers spielt immer" aufgeraeumt. Das ist doch ein versoehnlicher Abschluss...
Butenkieler 04.05.2016
3. Gottseidank
gewinnt der große Bayern München nicht überall und gegen jeden. Sonst würden die größenwahnsinnig. Bißchen zurück auf den Boden der Tatsachen. Nur Spieler zusammenkaufen, heißt nicht alles gewinnen zu können.
lassie2012 04.05.2016
4. kleine Sünden...
Pep ist ein herausragender Trainer und was die Mannschaft gestern gezeigt hat, das war mehr als herausragend. Es hat einfach Spaß gemacht der Mannschaft zuzusehen. Das zwei "Fehler" gemacht wurden gehört irgendwie zur Dramatik. ATlethico verschoss ja auch einen Elfmeter. Das Pep am Ende das Quentschen Glück fehlte; es sollte vielleicht auch nicht so sein. Ich denke dabei an den Rauswurf vom Doc Wohlfahrt. So was hätte Heinckes nicht gemacht. Kleine Sünden bestraft....
prince62 04.05.2016
5. Seit Wochen schon schwache Offensive der Bayern
Zitat von mvp81Um die Champions League zu gewinnen braucht man auch immer ein bisschen Glück! Das kann man leider nicht trainieren. Die Mannschaft war super eingestellt auf den Gegner das ist der Verdienst des Trainers! Wenn die Mannschaft die klaren Feldvorteile nicht in Tore umsetzt kann der Trainer auch nicht viel ausrichten ;-)
In der Tat, schon seit Wochen zeigen sich die Bayern Stürmer in teilweise erschreckend schwacher Form, man schaue sich nur mal die BuLi-Ergebnisse der letzten Wochen an, selbst gegen schwache Mannschaften nur ein oder zwei Tore: Costa gestern wie im Hinspiel ein totaler Ausfall, Lewandowski genauso, Ribery spielt und spielt und spielt aber bringt nix brauchbares -Ergebnis- zustande und daß Müller dann noch einen wohl entscheidenden Elfmeter verballert, ist dann nur noch das Tüpfelchen auf dem i. Gerade Lewandowski ist seit Rückrundenbeginn nur noch ein Schatten seiner selbst, in der Vorrunde überragend, seit der Winterpause völlig daneben, warum Guardiola gestern wieder den formschwachen Costa statt dem hungrigen Coeman gebracht hat, weiß wohl nur er selber, jetzt wird es sogar mit der Meisterschaft noch knapp, im Pokalfinale hat Bayern mit dem schwachen Sturm keinerlei Chance.
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