Von Peter Ahrens
Berlin - Wer ist denn nun der Favorit, wenn es am Samstag zum großen Champions-League-Showdown (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) in München kommt ? Der FC Bayern, weil er den Heimvorteil auf seiner Seite hat? Oder der FC Chelsea, weil das Team um seine letzte Chance kämpfen wird, in der kommenden Saison wieder in der Champions League zu spielen? Der FC Bayern, weil der Gegner nur der Sechste der aktuellen Premier-League-Spielzeit ist? Oder der FC Chelsea, weil die Bayern die Demütigung des DFB-Pokalfinals noch nicht verdaut haben?
Uefa-Präsident Michel Platini kennt die einfache Antwort: Es gibt keinen Favoriten.
"Auf diesem Niveau ist alles möglich", hat der Franzose in salomonischer Art und Weise am Freitag verkündet. Und wahrscheinlich hat er damit recht. Vor einem Endspiel in der Champions League ist es meist schwierig, einen klaren Favoriten auszumachen. Diesmal jedoch ist es beinahe unmöglich. Vor- und Nachteile beider Mannschaften gleichen sich aus. Es werden Kleinigkeiten entscheiden. Das mag eine Phrase sein, aber auch Binsenweisheiten sind Weisheiten.
Augenhöhe, wohin man schaut
Wohin man schaut: Augenhöhe zwischen beiden Teams. Das gilt für die Torleute Petr Cech und Manuel Neuer ebenso wie für den Angriff. Ob Drogba der effektivere Stürmer im Vergleich zu Mario Gomez ist, ob die Erfahrung eines Frank Lampard mehr wiegt als die Jugend des Toni Kroos - wer weiß es? Der Sportjournalismus lebt von der Spekulation, er lebt auch von der Prognose. Aber es gibt Spiele, da versagt man sich selbst das vorschnelle Urteil. Bayern gegen Chelsea - das ist so eine Partie.
Einerseits: So wie der Münchner Defensivverband am vergangenen Wochenende von den Angreifern des Deutsche Meisters aus Dortmund pulverisiert wurde, sollte man sich als Bayern-Fan nicht allzu drastisch ausmalen, wie die Chelsea-Stürmer Didier Drogba oder Fernando Torres mit solchen Freiräumen umzugehen wüssten.
Andererseits stellt auch die Abwehrreihe des FC Chelsea, zudem personell geschwächt, kein unüberwindliches Hindernis dar. Die Flügelzange Franck Ribéry und Arjen Robben werden sich auf die Laufduelle mit den in die Jahre gekommenen Außenverteidigern José Bosingwa und Ashley Cole freuen.
Aufstand der alten Männer
Der FC Chelsea ist das ältere Team. Ist es damit auch die reifere Mannschaft oder nur die langsamere? Drogba, Lampard, Cech oder der Ghanaer Michael Essien laufen in ihrer Karriere bei den Blues einem großen internationalen Titel seit langem hinterher. München ist für sie so etwas wie die Endstation Sehnsucht.
Drogba wird nach der Saison vermutlich nach China wechseln, Lampard wird im Juni 34 Jahre alt, Essien ist jetzt schon kein Stammspieler mehr und rutscht wohl nur durch die diversen Gelbsperren in die Anfangself. Für sie wird es der letzte ganz große Auftritt werden. Ex-Chelsea-Coach Gianluca Vialli hat im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Sie würden für diesen Pokal töten."
Auf der anderen Seite steht eine Mannschaft, die das Momentum ergreifen will, ergreifen muss. So unglaublich viel ist in München seit Monaten über diesen Abend gesprochen worden. "Die Stadt hat kein anderes Thema mehr", sagt Robben. Ein europäisches Endspiel des FC Bayern München in München - allen ist klar, welch einzigartige Konstellation man sich selbst geschaffen hat. Ob dies beflügelt oder hemmt - selbst diese Frage ist einen Tag vor dem Endspiel noch völlig offen.
"Bayern und Chelsea haben Real und Barcelona geschlagen. Es gab keinen Betrug, keine Schiedsrichterfehler, keinen Skandal. Sie haben sich durchgesetzt, bravo", um noch einmal die Nonchalance des Uefa-Präsidenten sprechen zu lassen. Selbst die Wege ins Endspiel ähneln einander.
Bei so viel Unsicherheit - es gibt tatsächlich welche, die sich festlegen. Die Dackel-Dame Sissi, eines der bei Fußball-Großereignissen so beliebten Tier-Orakel, hat sich pro FC Bayern positioniert und den Chelsea-Fressnapf links liegen lassen. Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer ist sich auch sicher, dass München gewinnt. Die Aussagekraft des Kaisers und die des Dackels dürften, was den Ausgang des Spiels angeht, ähnlich hoch sein.
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