Bayern unterliegt Mailand Same Pleite as every year

Beim FC Bayern in der Champions League geht es zu wie bei "Dinner for one". Die Party ist zeitweise ganz lustig, endet aber jedes Jahr gleich: Spätestens im Viertelfinale gehen die Lichter aus. Schuld daran ist der Zauderkurs des Vereins.

Von Jörg Schallenberg


Hamburg - War da was? Ein neuer Geist beim FC Bayern, mit dem sich Spiele gegen Giganten wie Real Madrid und den AC Mailand noch drehen lassen? Die Sonne, die aufgeht, sobald Ottmar Hitzfeld die Szene betritt - wie es Hasan Salihamidzic vor dem Viertelfinal-Rückspiel der Champions League so schön in einem Zeitungsinterview beschrieben hatte? Nein. Es muss wohl alles eine Illusion gewesen sein.

93 Minuten gegen ein alles andere als überragendes Team von Milan, das nicht viel mehr als Cleverness und Routine zu bieten hatte, zeigten eines: Beim FC Bayern ist alles so, wie es immer war, seit 2001 die Champions League gewonnen wurde. Jahr für Jahr spielt sich die einzige deutsche Mannschaft, die halbwegs so etwas wie europäisches Format besitzt, bis ins Achtel- oder Viertelfinale der Königsklasse, um sich dann dort kräftig vorführen zu lassen und geknickt aus der Arena zu schleichen.

2005 setzte es ein 2:4 in Chelsea, das ein gefühltes 1:6 war, im vergangenen Jahr ging man 1:4 in Mailand unter, und dieses Mal demonstrierte das Team von Ottmar Hitzfeld sogar im eigenen Stadion seine geballte Harmlosigkeit. Oberflächliche Gründe für die Niederlage ließen sich schnell finden.

Da wäre die Offensive, wenn man sie so nennen will. Die prächtigen Chancen, die Lukas Podolski in diesem Jahr schon vergeben hat, lassen wehmütige Erinnerungen an vergleichsweise treffsichere Bayern-Stürmer wie Alexander Zickler und Roland Wohlfarth aufkommen. Roy Makaay trifft entweder nach zehn Sekunden oder gar keinen Ball im gesamten Spiel. Immerhin legte der Niederländer in der 13. Minute gekonnt für Podolski auf. Doch dann - siehe oben.

Die völlige Abwesenheit von Ideen im Mittelfeld fällt besonders dann unangenehm auf, wenn keine eher zufälligen Tore wie jene von van Bommel in Madrid oder van Buyten in Mailand das Spiel retten und den Mangel an herausgespielten Möglichkeiten kaschieren. Immerhin belegte die mitleiderregende Einfallslosigkeit, wie wichtig selbst ein formschwankender Bastian Schweinsteiger für die Bayern-Mannschaft ist. Ohne ihn kam es kaum zu bedrohlichen Zweikämpfen in der Nähe des Mailänder Strafraums, von gefährlichen Distanzschüssen ganz zu schweigen. Allenfalls Mark van Bommel zwang den gewohnt unsicheren Mailänder Keeper Dida ein paar Mal zu Boden.

Viertelfinal-Rückspiele

Begegnung Ergebnis
Bayern München - AC Mailand 0:2 (2:2)
FC Liverpool - PSV Eindhoven 1:0 (3:0)
Manchester United - AS Rom 7:1 (1:2)
FC Valencia - FC Chelsea 1:2 (1:1)
In Klammern die Hinspielergebnisse
Dabei versuchte der FC Bayern nach dem Schock des frühen 0:2-Rückstandes alles, was ihm möglich war. Die Spieler kämpften, rannten, tricksten, rackerten und holten nicht eine klare Chance heraus. Gern würde man an dieser Stelle die brillant organisierte Defensive von Milan loben. Allein, die Abwehr um Paolo Maldini und Alessandro Nesta wirkte erneut extrem anfällig. Nach der Bayern-Offensive der Anfangsviertelstunde glaubte wohl niemand, dass die Italiener ohne ein Gegentor nach Hause fahren würden. Am Ende kamen sie sogar ohne eine gelbe Karte aus.

Schließlich folgten die genialen fünf Minuten des Clarence Seedorf, der mit einem trockenen Schuss ins Eck und einem Hackenpass auf den - allerdings im Abseits befindlichen - Filippo Inzaghi alles entschied. Danach hätte Schiedsrichter Manuel Mejuto Gonzalez aus Spanien getrost abpfeifen können.

Dass sich die Bayern-Abwehr mitunter verblüffend einfach übertölpeln lässt, dass anfängerhafte Fehler wie jener Ballverlust von Podolski und dem defensiv überforderten Christian Lell Milan viel zu oft zum Kontern einluden, war bereits nach der ersten halben Stunde hinlänglich demonstriert. Dass Oliver Kahn im Gegensatz zu Michael Rensing keine Unhaltbaren mehr hält, ist bekannt. Doch all diese Symptome des Scheiterns wiesen nur auf eine tiefere Wahrheit hin, die auch beim FC Bayern jeder kennt - aber gern totschweigt.

Der Club stagniert seit Jahren international. Die Klasse des Teams, das zwischen 1999 und 2001 mit einem Finaleinzug, einem Halbfinale und schließlich dem Sieg in der Champions League glänzte, konnte nach dem Abgang von prägenden Figuren wie Stefan Effenberg, Giovane Elber und Lothar Matthäus nie mehr erreicht werden.

Eine zögerliche Einkaufspolitik mit Verweis auf ein prall gefülltes Festgeldkonto verhindert seit Jahren, dass sich der FC Bayern vielleicht - abgesehen von Makaay - mal einen oder zwei Spieler auf dem beinhart umkämpften Transfermarkt beschafft, die im Zweifelsfall den Unterschied ausmachen. Das müssen kein Ronaldinho und kein Ronaldo sein - ein Seedorf tut es auch, wie das Spiel gegen Milan zeigte.

Auch die mögliche Alternative zu gezielten Großeinkäufen haben die Bayern-Verantwortlichen konsequent ignoriert. Sie besteht darin, nicht mit den finanziell übermächtigen Clubs aus England oder Spanien auf dem Transfermarkt zu konkurrieren, sondern um einen starken Trainer mit modernen Ideen von Taktik und Mannschaftsführung herum ein klares, erkennbares, verlässliches System zu kreieren, das individuelle Schwächen wettmachen kann. So gewann etwa 2004 der FC Porto mit José Mourinho die Champions League, so agiert auch der FC Arsenal, der in Geldfragen mit Chelsea oder Manchester ebenfalls nie mithalten kann.

Doch beim FC Bayern hat man sich bislang lediglich zur Verpflichtung eines Mittelfeldarbeiters wie Mark van Bommel durchringen können und mit der Rückkehr von Ottmar Hitzfeld auf Sicherheit gesetzt. Nur wenn sich zur kommenden Saison der Zauderkurs entscheidend ändert, darf der vierfache Europacupsieger bei den Landesmeistern irgendwann einmal von mehr träumen als einem ruhmlosen Abgang im Viertelfinale.

Bayern München - AC Mailand 0:2
0:1 Seedorf (27.)
0:2 Inzaghi (31.)
München: Kahn - Salihamidzic, Lucio, van Buyten, Lahm - Ottl (46. Santa Cruz), Hargreaves, van Bommel, Lell (77. Görlitz) - Makaay (61. Pizarro), Podolski. - Trainer: Hitzfeld
Mailand: Dida - Oddo, Nesta, Maldini, Jankulovski - Gattuso (87. Cafu), Pirlo, Ambrosini, Seedorf (80. Gourcuff) - Kaka - Inzaghi (70. Serginho). - Trainer: Ancelotti
Schiedsrichter: Manuel Mejuto Gonzalez (Spanien)
Zuschauer: 66.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: van Bommel (3), Salihamidzic (2)

insgesamt 10398 Beiträge
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Seite 1
Tomislav, 09.08.2006
1.
---Zitat von sysop--- Am Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten? ---Zitatende--- Mit den französischen denke ich schon. Aber mit englischen und spanischen wird es schon etwas schwer. Die italienischen lasse ich mal außen vor. ;)
Dino, 09.08.2006
2.
---Zitat von sysop--- Am Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten? ---Zitatende--- Leider ist außer den Bayern derzeit keine deutsche Mannschaft in der Lage international ganz oben mitzuspielen. Vielleicht schaffen die Bremer dieses Jahr den Anschluß? Eine sehr sympathische Truppe mit einem klugen Management und einem hervorragenden Trainer. Für den HSV sehe ich dieses Jahr einen Platz im oberen Mittelfeld. Gruß Dino
Luers 09.08.2006
3.
---Zitat von sysop--- Am Freitag startet die 44. Saison der Fußball-Bundesliga. Viele Stars wie Michael Ballack haben die Liga verlassen. Können die deutschen Vereine dennoch international mithalten? ---Zitatende--- Natürlich ist immer mal wieder auch ein deutscher Sieg in Championsleague oder dem UEFA-Pokal möglich. Diese werden aber eher positive Ausrutscher bleiben. Auf breiter Front und auf lange Sicht kann die Bundesliga nämlich nicht mit den starken Ligen in Spanien und England mithalten. Es ist schon bezeichnend, dass kein Bundesligist sich beim Juve-Ausverkauf bedient hat und der einzige umworbene Top-Star van Nistelrooy dann doch die spanische Liga vorgezogen hat. Erst mal abwarten muss man, was aus der italienischen Serie A nach dem Skandal wird, aber auch da bleibt zu befürchten, dass sie weiter deutlich vor der Bundesliga rangiert. Wenn nicht mal Liga-Krösus FC Bayern international mehr richtig konkurrenzfähig ist, zeigt sich, dass die Bundesliga grundsätzliche Probleme hat, die vor allem in den hohen Nebenkosten der Spieler begründet liegen. Andere Länder locken die Top-Stars mit Steuernachlässen. Bundesligisten müssen deutlich mehr Geld ausgeben, damit die Spieler das gleiche Nettogehalt wie in anderen Ligen bekommen.
Atos_67 09.08.2006
4.
Wenn es in der Bundesliga guter Fussball gezeigt und es spannend bleibt, ist es mir egal ob die Vereine international erfolgreich sind.
stawrogin 09.08.2006
5.
Ich schaue mir lieber eine international zweitklassige Bundesliga an als eine jenseits aller sportlichen Grundsätze opererierende, mafiotische Serie A. Die Bundesliga hat fantastische Stadien, ausverkaufte Häuser und wird diese Saison auch mal wieder etwas spannender (wenigstens bleibt das zu hoffen). Insofern sollte man nicht bewundernd in die inzwischen wahrhaft langweilig gewordene Premier League oder nach Spanien gucken. Die dortigen Klubs sind mit ihren waghalsigen und mehr als fragilen Finanzierungsmodellen von einem mehr als skurrilen Mäzenatentum abhängig. Das sollte keine Schule machen.
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