Von Lukas Rilke
Hamburg - Jupp Heynckes weiß ganz genau, wann eine kurze Leine gefordert ist. Als Hundebesitzer übt der 67-Jährige jeden Tag, sein Vierbeiner fordert durchaus mal beherztes Durchgreifen: "Cando", so der Name des Heynckesschen Haustiers, ist ein Schäferhund.
Bei seinen Spielern muss sich der Bayern-Trainer keine Sorgen machen, dass sie Radfahrer anspringen oder jemanden beißen. Heynckes sah zuletzt ein anderes Problem bei seinen Profis: Sie waren ihm zu verspielt, vor allem aber "zu positiv, zu euphorisch".
Er erwarte viel mehr, hatte Heynckes noch nach dem 3:0-Sieg beim Hamburger SV gesagt, der von vielen als bislang beste Saisonleistung der Mannschaft angesehen worden war.
Wie dieses "viel mehr" aussehen kann, zeigten die Münchner nun in der Champions League in den ersten 45 Minuten gegen eine hilflose Mannschaft aus Lille: 5:0 stand es zur Halbzeit, 6:1 nach 90 Minuten. Mit neun Punkten liegt der FCB hinter Valencia auf dem zweiten Rang der Gruppe F. "Wie aus einem Guss" habe sein Team gespielt, sagte Heynckes nach dem Abpfiff, "mit super Ballpassagen und wunderschönen Toren". Natürlich vergaß er auch nach dieser Partie nicht, zu mahnen. "Auch das heutige Spiel muss man relativieren. Der Gegner war nicht allererste Klasse."
"Die Mahnung vom Trainer kam gut an in der Mannschaft", sagte Bastian Schweinsteiger nach dem Sieg: "Er ist der Chef, er hat uns drauf hingewiesen - und wir haben es umgesetzt."
So einfach, wie es klingt, so einfach machte es der Gegner, der überforderte OSC Lille, dem deutschen Rekordmeister. Im Gegensatz zum Hinspiel, als die Franzosen den Gegner mit einer sehr rustikalen Gangart erfolgreich am Kombinieren gehindert hatten, am Ende aber doch 0:1 verloren hatten, genossen die Münchner nun alle Freiheiten. Selbst wenn die Lille-Spieler die Bayern zu foulen versuchten - sie kamen zu spät.
"Wir haben sehr gut gespielt und sind überglücklich", sagte Schweinsteiger, dessen Spielfreude gleich zweimal in einem "Tunnel" Ausdruck fand, als er dem Gegner den Ball durch die Beine spielte. "Bis auf meine Gelbe Karte hat es heute echt Spaß gemacht", fasste der Mittelfeldspieler zusammen.
Da Mario Mandzukic mit einem Infekt ausfiel, hatte Claudio Pizarro von Beginn an in der Sturmspitze gespielt. Der Peruaner traf in der ersten Halbzeit dreimal. Ein Muster, das sich bisher durch die gesamte Bayern-Saison zieht: Fällt ein Spieler aus, wird er gleichwertig ersetzt. Und auch gegen Lille glänzte der FC Bayern wieder mit einer starken Mannschaftsleistung, alle Offensivspieler arbeiteten selbst bei einer Fünf-Tore-Führung noch mit nach hinten.
Neben Franck Ribéry und Pizarro sorgte diesmal auch wieder Arjen Robben für viel Schwung nach vorne, der Niederländer traf mit einem abgefälschten Freistoß und erarbeitete sich viele weitere Chancen - vergab aber auch viele. "Morgen üben wir ein bisschen Toreschießen", so Robben, der insgesamt aber zufrieden war: "Im Moment läuft alles super. Die erste Halbzeit war vom Allerfeinsten."
Bayern München - OSC Lille 6:1 (5:0)
1:0 Schweinsteiger (5.)
2:0 Pizarro (18.)
3:0 Robben (23.)
4:0 Pizarro (28.)
5:0 Pizarro (33.)
5:1 Kalou (57.)
6:1 Kroos (66.)
München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger (67. Tymoshchuk), Martínez - Müller (61. Kroos), Robben, Ribéry (72. Shaqiri) - Pizarro
Lille: Landreau - Debuchy, Basa, Chedjou, Beria - Rozehnal (46. Mavuba), Balmont, Pedretti - Kalou (72. Martin), Roux, Payet (46. de Melo)
Schiedsrichter: Hategan
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schweinsteiger, Ribéry, Tymoshchuk - Debuchy, Balmont, Mavuba
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