Bayerns Skandaltreffer gegen Florenz: "Das ist kein Abseits, oder?"

Aus München berichtet Sebastian Winter

Wutschäumende Italiener, peinlich berührte Bayern: Den Champions-League-Sieg der Münchner gegen Florenz begünstigte der norwegische Schiedsrichter mit einer krassen Fehlentscheidung. Miroslav Klose stand bei seinem Siegtreffer im Abseits - und befeuert die Diskussion um den Videobeweis.

Bayern-Stürmer Klose: Beim entscheidenden Tor meterweit im Abseits Zur Großansicht
dpa

Bayern-Stürmer Klose: Beim entscheidenden Tor meterweit im Abseits

Das Ergebnis hätte kaum deutlicher sein können: Bayern München gegen Florenz 3:0. Jenes Champions-League-Gruppenspiel ist rund 16 Monate her. Miroslav Klose erzielte damals das 1:0. Fast hätte er in der 45. Minute noch ein Tor gemacht - wenn es ihm der Schiedsrichter nicht wegen Abseits aberkannt hätte. Eine Fehlentscheidung.

Das Champions-League-Achtelfinale am Mittwochabend, wieder gegen Florenz, musste Klose wie ein Déjà-vu vorgekommen sein, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Als Robbens Verzweiflungsschuss in der 89. Minute an den Händen des Florentiner Torwarts Sébastien Frey abprallte, der reaktionsschnelle Ivica Olic den Ball per Kopf zu Klose schob und dieser gegen Florenz zum 2:1-Endstand traf, gab es jedenfalls wieder einen kleinen Haken: Klose, das sah so ziemlich jeder der 66.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion, stand nun tatsächlich meterweit im Abseits.

"Das habe ich sogar von der Bank gesehen", sagte Florenz-Kapitän Riccardo Montolivo, der fünf Minuten zuvor ausgewechselt worden war. Jedoch erkannten weder der norwegische Schiedsrichter Tom Henning Övrebö noch sein Assistent die Abseitsstellung - und nahmen Florenz damit einen entscheidenden Vorteil: mit einem Unentschieden ins Rückspiel gegen die Bayern am 9. März (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu gehen.

Van Gaal fordert technische Mittel

"Das ist peinlich in einem Achtelfinale und schade, dass man so betrogen wird", schob der wütende Montolivo in seiner Schiedsrichter-Schelte hinterher, während sich Bayern-Kapitän Mark van Bommel in Humor flüchtete: "Das ist kein Abseits, oder? In Holland ist das kein Abseits." Die umfassendste Aussage traf jedoch ein anderer: Louis van Gaal. Auf die Frage eines italienischen Journalisten, was er denn von dem Abseitstor halte, sagte der Bayern-Trainer: "Das Interesse an der Fußballwelt ist so groß geworden, dass technische Mittel nötig sind. Es wird immer schwieriger, diese Dinge mit dem Auge zu erkennen. "

Auch van Gaal ist das Tor, das seiner Meinung nach "klar abseits" war, also bitter aufgestoßen, obwohl er noch sagte, "dass wir jetzt glücklich sind".

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Champions League: Florenz ruppig, Bayern mit Dusel
Letzteres bezog er nicht nur auf den irregulären Treffer, sondern auch auf den Umstand, dass das Spiel seiner Mannschaft lange Zeit fahrig und voller Fehlpässe war, die Stürmer kaum Anbindung an den Rest der Mannschaft hatten und nicht einmal die von dem gut organisierten Tabellenelften der Serie A heftig bewachten Robben und Ribéry große Akzente setzen konnten. Zumindest nicht bis zur 45. Minute, als Robben Ribéry in den Strafraum schickte, dieser fiel und wiederum Robben den Strafstoß verwandelte. Nachdem Per Kröldrup in der 50. Minute das 1:1 schoss, fielen die Bayern in eine Schockstarre, aus der sie erst in der 89. Minute erwachten.

Der Holländer van Gaal ist ein Verfechter des modernen Fußballs. Die Verfechter der konservativen Fußballlehre werden wieder die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters heranziehen, den menschlichen Makel. "Fußball ist ein Spiel mit menschlichem Gesicht, mit Irrtümern von Menschen. Von Trainern, Spielern und Schiedsrichtern", hat Fifa-Präsident Sepp Blatter bereits vor Jahren gesagt, und: "Solange ich Präsident bin, gibt es keinen Videobeweis." Der Chip im Ball sollte schon vor gefühlten 20 Jahren eingeführt werden. Und wo ist er jetzt? Auch die Welle der Empörung nach Thierry Henrys nicht geahndetem Handspiel im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel Frankreich gegen Irland, das den Franzosen den Weg nach Südafrika ebnete, hat der Schweizer verebben lassen.

Verzwickter Abseitsfall

Im Abseitsfall ist die Sache noch verzwickter als bei einem Handspiel im Sechzehn-Meter-Raum, das zum Elfmeter führen könnte, oder einem Ball, der möglicherweise in vollem Umfang hinter der Torlinie ist. Zumindest, wenn der Spieler ein reguläres Tor erzielt, der Schiedsrichter jedoch auf Abseits entscheidet - wie bei Kloses aberkanntem 2:0 im damaligen Gruppenspiel gegen Florenz. Die Entscheidung kann auch zukünftig kaum zurückgenommen werden, denn die gegnerische Mannschaft wird argumentieren, dass sie nach dem Schiedsrichter-Pfiff aufgehört habe mit dem Spielen. Grauzonen sind hier kaum zu vermeiden. Klarer liegen die Dinge, wenn ein Spieler ein Abseitstor erzielt, das der Schiedsrichter übersieht - wie bei Kloses 2:1 am Mittwochabend gegen Florenz. Der Schiedsrichter könnte den Videobeweis heranziehen und seine Entscheidung revidieren.

Övrebös Fehler vom Mittwochabend ist auch deshalb ein so geeignetes Beispiel für diese Debatte, weil sie nicht nur aus einem Unentschieden einen Erfolg für die Bayern machte, sondern auch die taktische Ausrichtung im Rückspiel prägen wird. Durch das Auswärtstor hätte Florenz dann ein 0:0 gereicht. "Nun müssen sie kommen", wie es Bayern-Rechtsaußen Robben ausdrückte, also Druck machen, mindestens ein Tor erzielen. Und gewinnen. Dafür können nun die Bayern abwarten, auf Konter lauern. Nichts kommt Robben, Ribéry und Olic mehr entgegen.

"Vom Gefühl her habe ich gedacht, dass ich im Abseits stehe", gab selbst der Torschütze Klose nach seinem 2:1 zu. Er wird sich an sein 16 Monate zurückliegendes, geklautes Tor gegen Florenz erinnert haben. Und daran, dass es wohl auch im Fußball eine Art ausgleichende Gerechtigkeit gibt - ganz ohne technisches Zubehör.

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Forum - Quo vadis Bayern München?
insgesamt 3531 Beiträge
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    Seite 1    
1. Quo vadis FCB ?
Dylan1941 22.08.2009
Wie ich bereits vor 2 1/2 Jahren schrieb ist die dominante Ära vorbei und UH hat den grössten Anteil daran.
2. ...
thiber 22.08.2009
Mit den Auswirkungen der "Ära" Klinsmann werden die Bayern noch einige Zeit zu kämpfen haben. Van Gaal ist auch nicht unbedingt der Richtige, um die Aufarbeitung umzusetzen. Der macht selbst zuviele Baustelle auf. So beruht der schlechte Start insbesondere auf den Weggängen von Lucio und Zé Roberto. Und die waren haus-/Van Gaal-gemacht. Drei falsche Trainer hintereinander wird wohl auch die Führung der Bayern nicht einstellen. Die Nach-Van Gall-Zeit wird wohl wieder besser werden.
3. Der Untergang
Ylex 22.08.2009
Das Ende des fußballerischen Weißwurst-Wahns ist nah, nur noch Mau-Mau bei Weiß-Blau, Deutschland atmet auf, endlich befreit vom bajuwarischen Joch - Uli, denk' an Ludwig II, der Starnberger See ist nicht weit.
4. Mir san mir....
leopoldy 22.08.2009
Ja, der viel gescholtene JK ist scheinbar doch besser als der Mann aus Hollland. Der hatte 5 Punkte auf dem Konto. War von Anfang an fraglich, ob eine Hollandisierung des FCB sich wirklich auszahlt. Habe ich so schon vor einigen Wochen geschrieben. Wenn es mit dem FCB abwärts gehen sollte, stört mich relativ wenig. Der arrogante Vorstand mit dem naturgesetzmäßigen Anspruch auf die Meisterschaft hätte mal einen ordentlichen Dämpfer verdient. Der deutsche Fußball muß sogar aus mehr bestehen, als nur aus dem Fc Bayern.
5. Super Verstärkungen
Viper2024 22.08.2009
Man verkauft mit Ze Roberto und Lucio die besten Bayernspieler der letzten Jahre, kauft dafür nur mittelmäßige Ergänzungsspieler (Braafheid, Pranjic,...) und wundert sich dann über so einen Saisonstart. Man hätte lieber Van Buyten, Ribery und Schweinsteiger verkaufen sollen und dafür richtige Verstärkungen kaufen sollen. Die Abwehr ist jedenfalls anfällig und das weiß man nicht erst seit dem Spiel gegen Barca sondern bereits seit St. Petersburg. Und dem Mittelfeld fehlt ohne Ribery jegliche Kreativität, weshalb ich schnellstens Van der Vaart verpflichten würde.
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