Bayern-Spieler Müller: Irrläufer mit Instinkt

Von

Für Thomas Müller kann das Champions-League-Finale zur Krönung einer unglaublichen Saison werden: Er lief viel, traf oft und besiegte Barcelona fast im Alleingang. Doch der Offensivspieler ist für Bayern mehr als nur ein wertvoller Profi - er ist die wichtigste Identifikationsfigur des Clubs.

REUTERS

Es ist dieser kurze Moment, der mehr über Thomas Müller erzählt, als alle Statistiken und Spielbögen zusammen: "Mahlzeit!", sagt er zur Begrüßung der versammelten Journalisten in Barcelona, kurz nach dem Halbfinale der Champions League. Seine Mitspieler versuchen, unauffällig durch die Pressezone zu kommen, wenn nicht ungesehen, dann doch so leise wie möglich. Müller aber stellt sich schmalbrüstig vor die Kameras und Mikrofone, er parliert offen über seine schlechte körperliche Verfassung nach Abpfiff, er grinst und sagt: "Jetzt müssen wir dieses Scheiß-Ding holen." Keiner zuckt. Der Müller, der darf das.

Auch das ist Thomas Müller: Beim Training im Münchner Stadion ist er der erste auf dem Platz, er kommt mit einem Ball in der Hand aus der Kabine, dribbelt, jongliert und drängt ungeduldig darauf, dass es losgeht. Bei einer Aufwärmübung schubst er Anatoli Timoschtschuk aus der Reihe, der stemmt sich einmal gegen den Angreifer, nur flüchtig, und Müller trabt ans Ende der Schlange. Mit seinen dünnen Armen und Beinen nimmt er es lieber nicht mit Timoschtschuk auf, aber ein bisschen Spaß machen, das geht gut.

Thomas Müller, 23, spielt gerade die vielleicht beste Saison seines Lebens, er ist es, der für den FC Bayern München, den Überverein, die großen Partien entscheidet. Müller kommt aber nicht daher wie ein Überspieler, er verwirrt mit einer Art, die mal an einen nachlässig erzogenen Lausbub und dann wieder an einen Philosophen erinnert. Müller ist neben dem Platz so kompliziert einzuschätzen wie darauf, Müller ist ganz viel oder wenig, manch einer sagt, Müller pendle zwischen Genie und Wahnsinn.

Müller stand 2009 kurz vor einem Wechsel zu Hoffenheim

Doch das wirklich Wahnsinnige dabei ist: Müller scheint sich dazwischen nicht zu verlieren, sondern genau dort ganz nah bei sich zu sein. In dieser Mannschaft von extrem professionellen und extrem fokussierten Bayern-Spielern ist er es, der am meisten wie er selbst wirkt. Der sich durch das Fußball-Geschäft bislang kaum hat verbiegen lassen, der redet, was ihm in den Sinn kommt.

Wenn der unablässig vom Verein verbreitete Wahlspruch Bayern Münchens lautet: "Mia san mia", dann lautet derjenige Thomas Müllers: "I bin i". Bayern München braucht Müller, wie Müller Bayern München braucht. Seit drei Jahren erst spielt er in der ersten Elf, doch schon jetzt verkörpert er die Identität des Vereins wie wenig andere Spieler, nach innen wie nach außen. Thomas Müller beim Hamburger SV? Bei Borussia Dortmund? Allein die Vorstellung fühlt sich falsch an.

Fotostrecke

9  Bilder
Bayern-Star Müller: Einer wie keiner
Dabei war Müller vor knapp vier Jahren noch ein weitgehend Unbekannter, einer, der unter dem damaligen Coach Jürgen Klinsmann zwar schon einmal den Sprung in die Bundesliga-Mannschaft geschafft hatte, dann aber wieder zu den Amateuren geschickt worden war. Der 19-jährige Müller stand kurz vor einem Wechsel zum aufstrebenden Hoffenheimer Team, als er die Nachricht erhielt, dass Louis van Gaal Klinsmanns Nachfolger werden würde. Müller blieb, van Gaal setzte ihn zu Beginn der Saison 2009/2010 erst als Auswechselspieler und nach fünf Spieltagen in der Stammelf ein.

Bis heute weiß Müller, dass das Vertrauen des exzentrischen Niederländers der wichtigste Impuls in seiner jungen Karriere war. "Ich glaube nicht, dass sehr viele Trainer den Mut gehabt hätten, einen Jugendspieler ins kalte Wasser der Bundesliga und Champions League zu werfen und teure Spieler auf die Bank zu setzen. Das werde ich nicht vergessen, so lange ich spiele", sagt er. Was folgte, wird ihm und vielen anderen ebenfalls unvergessen bleiben: Im März 2010 wurde Müller von Bundestrainer Joachim Löw zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen, im Juli 2010 wurde der damals 20-Jährige bei der Weltmeisterschaft in Südafrika Torschützenkönig.

Laufwege ohne erkennbares Muster

Er war ein Neuling damals, dem alles zuzufliegen schien, der nicht viel nachdachte, sondern machte. Einen außergewöhnlichen Instinkt bescheinigte ihm der Bundestrainer, etwas, das man hat oder eben nicht. Müller hat diesen Instinkt, immer noch, zusammen mit seinem fußballerischen Talent macht er ihn an guten Tagen zu einem der besten und (tor-)gefährlichsten Offensivspieler der Welt. An schlechten Tagen aber sieht seine Art des Fußballs mitunter grotesk aus, sie erinnert dann an Völkerballspielen in der Schule: Müller rennt kreuz und quer über den Platz, ohne erkennbares Muster, ohne nachvollziehbare Laufwege, als sei er mit seinen spinnenartigen Gliedmaßen hektisch auf der Flucht. Vor was? Niemand weiß es genau, nicht einmal der Trainer.

Immer wieder unterlaufen Müller für einen Bundesliga-Profi kaum nachvollziehbare Fehler. Doch weil ihn auch dann der Mut nicht verlässt, kann er kurz darauf eine Aktion von Weltklasse folgen lassen. "Beim Thomas gehört das zum Spiel, er hat unglückliche Aktionen, ist nicht immer ballsicher, aber er ist unberechenbar, agil, laufstark", sagt Bayerns Trainer Jupp Heynckes. Müller selbst kokettiert in solchen Situationen mit seinen Schwächen: "Es spielt wohl niemand auf der Welt so komisch Fußball wie ich", sagt er. Doch er weiß auch genau um seine große Stärke, das Erkennen von Chancen und Situationen, in denen er plötzlich schneller und geschickter ist als seine Gegen- und Mitspieler. "Ich bin ein Raumdeuter", sagt er von sich, und es klingt, als habe er sich diese Rollenzuschreibung eigens ausgedacht.

Müller scheint stolz auf das, was ihm auf den ersten Blick so spielerisch gelingt, weil er weiß, wie viel Anstrengung, wie viele gerannte Kilometer, wie viel Willenskraft dahinterstecken. Beinahe verletzt wirkt er deshalb, wird sein Spiel von ungnädigen Beobachtern kritisiert, wie etwa im vergangenen Jahr von Bayern-Präsident Uli Hoeneß. "Wenn's nicht läuft, heißt es: Was kickt der da für einen komischen Schmarrn zusammen? Ich weiß, dass mein Spiel nicht das allerschönste ist, dass mein Spiel sich stark über Effizienz definiert. Wenn die Effizienz nicht da ist, bietet mein Spiel viele Angriffsflächen", sagte Müller der "Süddeutschen Zeitung".

Das Wembley-Stadion
Seit der WM vor drei Jahren war Müller nicht mehr so effektiv wie in diesem Jahr, so wie die gesamte Bayern-Mannschaft derzeit effektiven und zugleich spielerisch außergewöhnlichen Fußball zeigt. Müller ist zwar nicht das Gehirn des Teams, nicht der Mann für die ausgefeilte Dramaturgie der Spielzüge. Das überlässt er Spielmachern wie Bastian Schweinsteiger und Javier Martínez. Müller ist vielmehr das Herz der Mannschaft, ihr Motor. Kommt er ins Stocken, fehlt der Mannschaft der Antrieb, spielerisch wie emotional. Er sticht heraus aus der Menge technisch und taktisch hervorragender Bayern-Spieler, weil er sich traut, auch mal ungeplant auszubrechen und von allem Vorgegebenen abzuweichen. Es geht nicht immer gut.

Doch, und das ist das große Glück für alle Münchner, Thomas Müller funktioniert in diesen Wochen ganz außerordentlich. Selten zuvor schien er bei allem Flachs so fokussiert auf etwas wie auf den Sieg im Finale der Champions League. "Verlieren bringt doch nichts als Kummer", sagt er. Er lacht und meint es bitterernst.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Attila2009 24.05.2013
Noch ein Bayern - Lobhudel -Song... gähn... Sommerloch kanns doch nicht sein ? Was kann eigentlich der Busfahrer von Bayern München ?
2. Er kann bayrisch
carolian 24.05.2013
Einer muss sich ja noch mit den Fans unterhalten können.....
3.
maynard9791 24.05.2013
Schöner Artikel über einen der wenigen echten "Typen" im heutigen erfolgreichen Profifussball. Ich kann mir gut vorstellen, dass nicht mehr allzuviel Zeit vergeht, bis er auch in der NM Spiel- und Wortführer ist. Vorausgesetzt man lässt ihn. Obwohl ich eher BVB-Sympathisant bin, ihm (und auch Heynckes) würde ich es sehr gönnen, wenn sie das "Scheissding" holen würden.
4. Fan-o-man
tabuleranto1 24.05.2013
Wie ich finde liefert der Artikel eine sehr zutreffende Einschätzung über das Phänomen Müller. Auch als neutraler Fußballfan mag ich Müller wegen seiner andersartigen und anarchischen Spielweise sehr gern. Als Typ ist der halt sehr authentisch und spricht im Gegensatz zu seinen Kollegen aus dem Bauch heraus. Das können und konnten vielleicht auch, Beckenbauer, Basler, Matthäus und Effenberg - Müller dagegen hat nach meiner Einschätzung mehr im Kopf. Zu dem Spieler muss man den Bayern wirklich gratulieren!
5. gelbe Karte
louisdefunes 24.05.2013
Ein witzig geschriebener Artikel über einen sympathischen Spieler. Umso mehr gehen mir diese Bayern-Hasser-Kommentare auf die Nüsse. Hallo jemand zuhause? Morgen ist CL-Finale, da will man sowas lesen, selbst wenn man wie ich dem BVB (und Kloppo!!!) die Daumen drückt. Attila2009 gelbe Karte
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Champions League
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 77 Kommentare
  • Zur Startseite

Countdown zum CL-Finale

Das Finale am 25. Mai 2013 um 20:45

Noch näher dran mit der
SPIEGEL-ONLINE-FUSSBALL-App fürs Iphone.


Tabellen