Bayern-Profi Timoschtschuk: Notnagel auf Identitätssuche

Von Tim Röhn, München

Es ist eine Mammutaufgabe: Anatoli Timoschtschuk soll im Champions-League-Finale Chelsea-Stürmer Didier Drogba stoppen. Der Ukrainer muss in der Innenverteidigung aushelfen, dabei ist er Mittelfeldspieler. Allerdings war er schon einmal an einem wichtigen Sieg beteiligt.

Anatoli Timoschtschuk: Der Allround-Ersatz Fotos
REUTERS

Eines wird Anatoli Timoschtschuk vor dem Anpfiff des Champions-League-Endspiels ganz sicher nicht machen: sein Handy aus der Tasche kramen und etwas bei Twitter schreiben. Das hatte er vor dem Bundesliga-Rückrundenstart bei Borussia Mönchengladbach getan. Die Bayern seien "bereit", schrieb er. Im Spiel führte Gladbach die Bayern beim 3:1-Sieg vor. Den Club-Bossen gefiel das gar nicht, Timoschtschuk wurde intern gerüffelt.

Am Samstagabend befindet sich der 33-Jährige in einer ähnlichen Situation. Gegen Gladbach ersetzte der Ukrainer Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld - und auch jetzt wird er als Notnagel gebraucht. Timoschtschuk spielt für den gesperrten Innenverteidiger Holger Badstuber. Damals wie heute war es ein wichtiges Spiel, und Timoschtschuk spielt nur, weil andere nicht dürfen.

Der Unterschied: Nun heißt der Gegner FC Chelsea, es ist das Endspiel der Champions League im eigenen Stadion (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei SPIEGEL ONLINE).

Timoschtschuk, 1,81 Meter groß, wird in der Innenverteidigung an der Seite von Jérôme Boateng vor allem mit dem neun Zentimeter größeren Didier Drogba beschäftigt sein. Der Stürmer von der Elfenbeinküste bringt auch mit 34 Jahren noch gute Leistungen, im Halbfinal-Hinspiel gegen den FC Barcelona schoss er beim 1:0-Sieg das einzige Tor.

Timoschtschuk soll Drogba bearbeiten

Es ist wahrscheinlich, dass Chelsea wie gegen Barcelona auch gegen die Bayern auf Konter setzen wird. Drogba, der in 74 Champions-League-Spielen 38 Tore erzielte, hat die Aufgabe des Vollstreckers. Timoschtschuk soll den Plan durchkreuzen, er ist der wichtigste der drei Ersatzspieler, die Trainer Jupp Heynckes bringen muss.

Nicht nur Badstuber ist nach seiner dritten Gelben Karte gesperrt, das gleiche Schicksal ereilten Linksverteidiger David Alaba, für den Diego Contento aufläuft, und Luiz Gustavo. Für den Brasilianer rückt Toni Kroos ins defensive Mittelfeld, Thomas Müller übernimmt dessen Spielermacher-Position. Am heikelsten ist angesichts Drogbas Klasse aber der Wechsel in der Innenverteidigung.

Für Timoschtschuk spricht vor allem seine Erfahrung. Der Bayern-Profi ist in der Ukraine ein Volksheld, Rekordnationalspieler, Hoffnungsträger für die anstehende Europameisterschaft. Vor seinem Karriereende will er unbedingt noch einmal in seiner Heimat spielen.

Bisher nur Mitläufer in München

In München wird er weit weniger geschätzt. Für zehn Millionen Euro war er vor drei Jahren von Zenit St. Petersburg in die Bundesliga gewechselt, über den Status als Mitläufer kam er nie hinaus. Timoschtschuk spielt meist ordentlich, für Glanzlichter sorgen andere. Im defensiven Mittelfeld der Bayern ist Bastian Schweinsteiger der Stratege, Luiz Gustavo der nimmermüde Racker, Mark van Bommel war das Raubein. Wofür Timoschtschuk steht, ist nicht klar. Er hat es nicht geschafft, in München eine Identität zu entwickeln, sich unverzichtbar zu machen.

So war auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld auch selten Platz für ihn, er wurde stattdessen in die Viererkette abgeschoben. In den vergangenen drei Bundesliga-Spielen war das so. Ein paar Wochen später fällt es schwer, sich an eine Aktion des Ukrainers zu erinnern.

An eine Begegnung, in der Timoschtschuk eine tragende Rolle spielte, erinnern sich Bayerns Anhänger aber gern. Es war das Halbfinal-Hinspiel der Champions-League-Saison 2009/2010, in der die Münchner Zweiter wurden. Olympique Lyon war damals zu Gast, Timoschtschuk wurde zur Pause eingewechselt und spielte im defensiven Mittelfeld groß auf.

Die Angriffsversuche der Franzosen unterband er früh, Timoschtschuk räumte alles ab. Nach 66 Minuten rannte er zudem mit dem Ball nach vorne, passte zu Arjen Robben, der den 1:0-Endstand erzielte. Gegen Chelsea ist sein Job eigentlich viel einfacher. Offensivaktionen sind nicht gefordert. Es reicht schon, wenn er Didier Drogba nicht vorbeilässt.

FC Bayern München - FC Chelsea Samstag, 20.45 Uhr (in München)
(voraussichtliche Aufstellungen)
FC Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Timoschtschuk, Contento - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribéry - Gomez
FC Chelsea: Cech - Bosingwa, Cahill, Luiz, Cole - Mikel, Essien - Lampard - Kalou, Mata - Drogba
Schiedsrichter: Proença (Portugal)

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