Von Sven Simon
Nein, sagt DaShaun Wood, sicher sei er sich nicht, dass er MVP werden wird. Am Tag zuvor hatten die Cheftrainer und Teamkapitäne der 18 Bundesligisten sowie rund 30 Medienvertreter ihre Stimme bei der Wahl zum "wertvollsten Spieler der Saison" abgegeben. Nach den üblichen politisch korrekten Antworten, zeigt sich doch, dass es den Point Guard der Skyliners Frankfurt schon ziemlich freuen würde, wenn er die Auszeichnung bekäme. Während seine Teamkollegen die Halle nach dem Training bereits verlassen haben, philosophiert Wood noch über die Definition des "most valuable players".
Eine Woche später gab die Basketball-Bundesliga (BBL) das Ergebnis der Wahl bekannt: Wood wird mit deutlichem Abstand MVP der Saison 2010/2011. Es gibt unterschiedliche Blickweisen auf die wichtigste individuelle Auszeichnung im Basketball, aber in der Bundesliga steht diese Saison Wood am Ende jedes logischen Gedankengangs.
Einige sagen, der MVP-Award gebühre dem besten Spieler des besten Teams. Das wäre diese Saison eigentlich ein Bamberger Profi. Aber es fällt schwer, aus dem ausgeglichen Team einen Akteur herauszupicken. Bei den Skyliners dagegen, dem zweitbesten Team der Hauptrunde, kommt nach Topscorer Wood lange nichts. Und beim zweiten Argument - MVP sollte der Spieler werden, der seinem Team am meisten fehlen würde -, ist klar, dass kein Bamberger Profi auch nur annähernd so wichtig für seine Mannschaft ist wie Wood für Frankfurt. Oft werden als Messlatte auch die Statistiken der Kandidaten genommen. Auch aus diesem Blickwinkel findet sich zu Wood als ligaweit bestem Werfer (19,0 Punkte pro Spiel) und zweitbestem Vorlagengeber (5,8 Assists) keine Alternative.
Der vielleicht beste BBL-Spieler der Geschichte
Wichtig für die MVP-Erwägung ist auch die Frage, ob der Anwärter Spiele auch in der Schlussphase entscheidet. Dass dies bei Wood der Fall ist, können einige BBL-Teams bezeugen. Braunschweig, Düsseldorf, Tübingen, Göttingen - gegen alle hat Wood entweder durch selbst erzielte Punkte oder per Pass die Entscheidung herbeigeführt. "Das ist die Qualität von großen Spielern, in wichtigen Situationen Nervenstärke zu beweisen", sagte Braunschweigs Co-Trainer Philipp Köchling.
In Situationen, in denen Wood passen oder werfen könnte, zieht er zu Beginn eines Spiels oft auch das Anspiel vor, in der sogenannten Crunchtime, der Schlussphase, entscheidet er sich öfter für den eigenen Abschluss. "Viele Spieler nehmen diese Würfe, um sie zu werfen, ich aber nehme sie, um sie zu treffen", sagt er. "Das ist ein großer Unterschied."
"Selbst ich habe noch Dinge von ihm über das Spiel gelernt", sagt Frankfurts Trainer Gordon Herbert. "Er ist der beste Spieler, den ich jemals hatte. Und wenn dein bester Spieler dazu noch einen so hohen Basketball-IQ hat, kann dir das nur helfen." Das sei auch der Grund, warum Wood in der Offense so viel Entscheidungsfreiheit habe.
Auch Frankfurts Urgestein Pascal Roller schüttelt den Kopf auf die Frage, ob er - abgesehen von Dirk Nowitzki im Nationalteam - schon mal mit einem derart guten Profi zusammengespielt habe. In der Liga wird das ähnlich gesehen. Man habe erst kürzlich zusammengesessen und sich über Wood unterhalten, sagt beispielsweise Berlins Geschäftsführer Marco Baldi, aber an einen zweiten Spieler, der in der Geschichte der Liga eine derart überragende Saison hingelegt habe, "konnten wir uns nicht erinnern".
Das Ziel ist die NBA
Frankfurts Manager Gunnar Wöbke versucht deshalb alles, um seinen Ausnahmespieler am Main zu halten. Vor der Saison war Wöbke mit der Verpflichtung des US-Amerikaners ein Coup gelungen. Wood hatte die komplette vorangegangene Saison pausiert, um sein Knie nach einer Operation komplett heilen zu lassen. Davor hatte der Aufbauspieler an der Universität (Wright State) und in Italien bei Pallacanestro Cantu bereits Top-Leistungen gezeigt. 2008/2009 hatte Wood die Erwartungen im Trikot des italienischen Spitzenclubs Benetton Treviso wegen einer Entzündung im Knie allerdings nicht erfüllen können.
Bereits zum Ende des vergangenen Winters hat Wood bei den Frankfurtern einen neuen Vertrag über zwei Jahre unterschrieben. Doch ob er bleibt? Wood selbst ist längst klar, wohin er lieber heute als morgen möchte - und er hat auch Beispiele aus der Bundesliga, die ihn in seinen Plänen bestätigen.
Bobby Brown, so sagte er, habe ein Jahr in der Bundesliga für Berlin gespielt und sei anschließend in der NBA untergekommen. "Eine Rolle als Backup-Aufbau traue ich mir für den Anfang auf jeden Fall auch zu", sagt Wood.
Es ist also ungewiss, ob Wood kommende Saison weiter in der Bundesliga zaubert. Die am Samstag beginnenden Playoffs (ab 18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) sind die vielleicht letzte Möglichkeit, Wood noch einmal live in einer deutschen Halle zu sehen. Dies sollten die Fans auch tun. Denn so einen wie ihn hat es in der Bundesliga noch nie gegeben.
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