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Beckenbauer-Attacke gegen Warentest: "Besserwisser, Wichtigtuer, Olivenöl-Kenner"

"Teilweise erhebliche Mängel" fanden die Mitarbeiter der Stiftung Warentest bei ihren Besuchen in den deutschen WM-Stadien. Inzwischen stehen die Tester selbst in der Kritik. Franz Beckenbauer platzt der Kragen. Doch das Institut wehrt sich.

Hamburg - In der Dortmunder Arena kritisierten die Kontrolleure den "spiegelglatten Steinboden im Logenflur" und einen "spitz zulaufenden Handlauf im Presseraum". Insgesamt schreibt die Stiftung Warentest von "teilweise erheblichen Mängeln" in den Stadien und will das gesamte Testergebnis bereits am heutigen Dienstag vorstellen. Ursprünglich war der 19. Januar als Termin gedacht gewesen.

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WM-Stadien: Vorübergehend geschlossen

"Wir haben das gewaltige Interesse unterschätzt. Eigentlich laden wir immer zwei Wochen vorher zu einer Pressekonferenz ein. Das funktioniert bei Olivenöl wunderbar, beim Thema WM-Sicherheit offensichtlich nicht", sagte Warentest-Pressesprecherin Heike van Laak. Nun stellt die Stiftung ihre Studie bereits vor dem Druck des hauseigenen Heftes vor und riskiert im Falle einer einstweiligen Verfügung ein Vertriebsverbot.

Panikforscher bei der Untersuchung dabei

Denn die Untersuchungsmethoden der Stiftung sind nicht unumstritten. In einer Umfrage des Nachrichtendienstes sid beklagten sich die Betreiber der WM-Stadien vor allem über die kurzen Kontrollen, deren Dauer nur zwischen drei und vier Stunden betragen haben sollen. "Die haben sich angemeldet, waren dann einen Nachmittag hier und haben sich gewisse neuralgische Stellen angeschaut. Es ist aber sehr schwierig, sich an einem Nachmittag ein genaues Bild zu machen und Einblick in die Unterlagen zu nehmen. Das geht normalerweise nicht in ein paar Stunden. Ich bin deshalb wie alle meine Kollegen der anderen Stadien äußerst skeptisch, was diese Geschichte angeht", sagte Jürgen Muth, Betriebsleiter der Münchner WM-Arena.

Geschäftsführer Patrik Meyer vom Stadion Frankfurt Management (SFM) berichtete, dass bei der Stadionbegehung mit der Stiftung im Oktober ein Panikforscher beteiligt gewesen wäre. "Dem haben wir gesagt, dass das Stadion nach den Bauschriften gebaut wurde. Er meinte aber, dass ihn die Bauvorschriften nicht interessierten", berichtete Meyer.

Auch Mitglieder des WM-Organisationskomitees reagierten erbost über das Untersuchungsergebnis. "Wir können uns nur wundern, dass aus einer reißerisch formulierten Einladung zu einer Pressekonferenz der Stiftung Warentest der Eindruck entstanden ist, unsere WM-Stadien seien nicht sicher. Wir kennen kein einziges Untersuchungsergebnis und sind auch vom Gegenteil überzeugt, weil alle Bauten strengsten behördlichen Genehmigungsprozessen unterliegen", sagte OK-Vizepräsident Wolfgang Niersbach. "Wenn also in der Pressekonferenz von - so wörtlich - verheerenden Folgen im Falle einer Panik gesprochen wird, dann wäre ja wohl der Gesetzgeber gefragt. Aber dann gewiss nicht nur im Hinblick auf die WM-Stadien, sondern zumindest für alle Stadien der ersten und zweiten Bundesliga, wo ja Woche für Woche gespielt wird. Und zwar seit vielen Jahren ohne schlimme Unfälle", betonte Niersbach.

Beckenbauer poltert gegen "Besserwisser"

"Mir reicht's jetzt mit diesem Heer der Besserwisser und Wichtigtuer, die sich über die WM profilieren wollen. Die Stiftung Warentest kennt sich vielleicht mit Gesichtscreme, Olivenöl und Staubsaugern aus. Dabei sollten sie bleiben", sagte Franz Beckenbauer, Präsident des WM-Organisationskomitees in einem Interview der "Bild"-Zeitung. "Hier wird groß angekündigt, dass in unseren Stadien Panik ausbrechen könne mit verheerenden Folgen, ohne konkrete Fakten zu nennen. Dabei laufen die Baumaßnahmen - ich weiß es aus München - mit strengsten Kontrollen der Behörden ab. Solche Einrichtungen wie die Stiftung Warentest wollen doch nur Werbung für sich machen und zeigen: Schaut her, wir sind wichtig. Sind sie aber nicht!", sagte Beckenbauer weiter.

Der OK-Chef glaubt zudem an einen Imageschaden: "Dieses Gerede entspricht dem Zustand unseres Landes. Wenn wir bei der Bewerbung vor sechs Jahren gewusst hätten, was da jetzt hochkommt, dann hätten wir die Probleme heute nicht - weil wir mit solchen Nörgeleien nie die WM bekommen hätten. Manchmal fragt man sich: Wozu machen wir das eigentlich? Aber die WM wird trotzdem ein Riesenfest werden."

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Beckenbauer-Attacke

Einigen gilt er als Luftikus, anderen als letzte Instanz - Fakt ist, wenn Franz Beckenbauer spricht, wird zugehört. In der Diskussion um die Sicherheit der WM-Stadien und die Stiftung Warentest erklärte der WM-OK-Chef nun, die Kritik sei beispielhaft "für den Zustand dieses Landes". Was sagen Sie? Sind die Deutschen ein Volk der Nörgler?

Fedor Radmann, Berater des OK, bezeichnete das Ergebnis der Stiftung als Skandal. "In den Stadien wird Woche für Woche in der Champions League oder in der Bundesliga gespielt. Und auf einmal wird so getan, als wäre kein Brandschutz vorhanden. Das kann ich mir bei den Bestimmungen in Deutschland nicht vorstellen", wetterte Radmann.

Allerdings waren in den Stadien in Frankfurt, Nürnberg und Kaiserslautern erhebliche Baumängel aufgetreten, die Reparaturarbeiten notwendig gemacht hatten.

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