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Beinamputierte Fußballer in Afrika: Kick der Ausgestoßenen

Aus Accra berichtet

Opfer als Sporthelden: Beim Afrika-Cup der amputierten Fußballer treten Krüppel, Bettler und Kriegsversehrte gegeneinander an und begeistern die Fans mit ihrem geschmeidigen Spiel - der Kampf um den Titel gerät zu einem rauschenden Fußball-Fest.

Jane Hahn

Sierra Leone tanzt. Die Spieler in den blauen Trikots jubeln, als hätten sie soeben die Champions League gewonnen. Vor ihrem Trainer Kemoh Sheriff bilden sie eine Reihe, springen auf und ab, wackeln mit den Hüften. Der Coach tippelt rhythmisch von einem Bein aufs andere, zwei junge Auswechselspieler machen Handstand und brüllen Siegesschreie.

Gerade hat Linksfuß Mohammed Sesay, Spitzname Eto'o, nach einem Fehlpass eines ghanaischen Verteidigers zum 2:1 für Sierra Leone getroffen. Es ist das Eröffnungsspiel beim "Cup of African Nations of Amputee Football", wo die Opfer von Bürgerkriegen, Unfällen und Krankheiten um den goldenen Siegerpokal kämpfen.

Sierra Leone führt nun gegen Gastgeber Ghana, der als einer der Turnierfavoriten gilt. Doch noch sind zehn Minuten zu spielen. Der Schiedsrichter muss die Spieler in Blau ermahnen, wieder aufs Feld zurückzukehren. Sie heben ihre Krücken auf, die sie beim Jubeltanz auf den Boden fallen ließen, und hüpfen mit großen Sätzen wieder auf ihre Positionen.

Etwa tausend Fans sind ins El-Wak-Stadion von Accra gekommen, sie veranstalten mit Trommeln, Vuvuzelas und Tuben einen Lärm wie zehntausend. "Yes we can", steht auf einem Banner im Grün-Gelb-Rot der ghanaischen Flagge. Auf dem Militär-Sportplatz neben dem Flughafen der Hauptstadt Ghanas, umgeben von den Baracken der Soldaten aus Beton und Wellblech, wird heute ein Fußballfest gefeiert.

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Afrika-Cup der amputierten Fußballer: Rauschendes Fußballfest in Accra
Es ist ein Fest, wie es Ghana selten erlebt hat. Denn die Helden des Tages sind Krüppel, Bettler und Kriegsversehrte. Den Feldspielern fehlt ein Bein, den Torhütern ein Arm. Die silberfarbenen Krücken reflektieren vom Rasen aus die grelle Nachmittagssonne.

Zwölf Mannschaften waren eingeladen, nur sechs konnten kommen: neben Ghana und Sierra Leone sind das Liberia, Angola, Nigeria und Niger. Ruanda und Kongo mussten absagen, weil sie keine Teams zusammenbekamen, anderen Ländern fehlte das Geld für die Anreise. Es ist nicht einfach, für diesen Sport Sponsoren zu finden.

Spieler wurden als Kind Opfer von Greueltaten

Seit Anfang der achtziger Jahre gibt es ein klares Regelwerk für Amputierten-Fußball: Auf einem 50 Meter langen Feld mit kleinen Toren treten zwei Teams mit jeweils sieben Spielern an, gespielt werden zweimal 25 Minuten. Wenn jemand den Ball mit der Krücke berührt, gibt es Freistoß für den Gegner. Auch mit dem Beinstumpf dürfen die Fußballer den Ball nicht spielen, das würde denen Vorteile bringen, deren Amputationen weniger umfangreich waren.

"Amputierte sind immer noch häufig Ausgestoßene der Gesellschaft", sagt Theodore Viwotor, einer der Organisatoren des Turniers. "Wir versuchen, diese Wahrnehmung zu verändern." Doch vielerorts in Afrika gelten Krüppel immer noch als Unheilsbringer, mit denen man nichts zu tun haben sollte. Es gibt viele von ihnen in Ländern wie Angola, Liberia oder Sierra Leone, wo Maschinengewehre und Landminen Zehntausende verstümmelten.

In Sierra Leone, bis 2002 vom Bürgerkrieg erschüttert, zogen die Ruf-Rebellentruppen mit drogenberauschten Kindersoldaten durch Städte und Dörfer. Sie waren berüchtigt dafür, dass sie mit ihren Macheten Zivilisten die Gliedmaßen abhackten. Einige Spieler des heutigen Teams wurden als Kind Opfer dieser Greueltaten, sahen Brüder und Eltern sterben. Andere verloren durch Schussverletzungen ihr Bein.

Bei fast jedem Spiel gehen Krücken kaputt

Wie Mannschaftskapitän Maxwell Fornah, ein quirliger 29-Jähriger mit rot gefärbten Haaren, der sich nun mutig in einen Ball des Gegners wirft. Er stürzt, die linke Krücke bricht in der Mitte durch, kurz bleibt er benommen liegen. Dann hüpft er zur Seitenlinie und lässt sich vom Coach eine neue Stütze geben, weiter geht's. Bei fast jedem Spiel geht eine Krücke zu Bruch.

Die Zuschauer trommeln und singen ohne Unterbrechung, nur ab und zu werden sie von einer startenden Boeing 737 übertönt, die in weniger als 200 Meter Höhe über das Spielfeld donnert. Seit dem Rückstand stürmt nur noch Ghana. Im vergangenen Jahr wurde die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Argentinien als bestes afrikanisches Team Sechster, 2007 gewannen sie in Sierra Leone den ersten Afrika-Amputierten-Cup.

Ein artistischer Fallrückzieher, bei dem sich Richard Opentil in seine Krücken stemmt und volley abzieht, geht knapp am rechten Pfosten des Tores von Sierra Leone vorbei. Er ist jetzt der stärkste Mann auf dem Platz, bei seinen Dribblings vergisst man sein Handicap, so geschmeidig wirken die Täuschungen und Richtungswechsel. Geschickt schirmt er den Ball mit den Krücken vor den Gegenspielern ab. Opentil überlebte Ende der Neunziger einen Autounfall, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen. Sein Wagen geriet auf die Gegenfahrbahn, Frontalcrash, seitdem hat er kein linkes Bein mehr. "Fußball hilft mir, nicht mehr über den Unfall nachzudenken", sagt der gelernte Architekt.

Dieser Sport kann in Afrika Wunder bewirken. Wer gut mit dem Fußball umgehen kann, wird respektiert. Das Publikum staunt über die Akrobatik der Spieler mit ihren durchtrainierten Schultern und Oberarmen, über die Fähigkeit der Torhüter, einhändig Bälle aufzufangen. Ihre Idole, das sind Weltstars wie Didier Drogba oder Samuel Eto'o. Afrikaner, die es geschafft haben, durch den Fußball ein besseres Leben zu haben.

Schlusspfiff. Enthemmt springen strahlende Männer in blauen Trikots zur Seitenlinie, schlagen in der Luft ihre Krücken zusammen, umringen ihren Coach Sheriff. "Wir waren mental, physisch und spirituell perfekt vorbereitet", ruft der Trainer von Sierra Leone in die Mikros des ghanaischen Fernsehens. "Dies ist ein Zeichen dafür, dass wir die Mission für unser Land erfüllen können." Die Mission, das ist der Turniersieg in Ghana, die Revanche für 2007. Noch lange schallen aus der Kabine des Gastteams die Siegesgesänge. "Wenn Amputierte es schaffen können, Fußball zu spielen, dann können sie noch viel mehr", sagt Cup-Organisator Viwotor.

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1. Toll und beneidenswert
slider 21.11.2011
Zitat von sysopOpfer als Sporthelden: Beim*Afrika-Cup der amputierten Fußballer treten*Krüppel, Bettler und Kriegsversehrte gegeneinander an und begeistern die Fans mit ihrem geschmeidigen Spiel - der Kampf um den*Titel gerät zu einem*rauschenden Fußball-Fest. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,798928,00.html
Lange nicht mehr so einen lebensbejahenden Artikel gelesen. Beneide die Spieler dort um ihre Lebensfreude, die sie sich trotz allem Leid, was ihnen widerfahren ist, behalten haben. Da kann kann sich so ein alter Grisgram wie ich sich eine Scheibe abschneiden.
2. Danke..
mm01 21.11.2011
für diesen schönen, aber traurigen Artikel.
3. Sind keine Krüppel
Reqonquista 21.11.2011
Zitat von sysopOpfer als Sporthelden: Beim*Afrika-Cup der amputierten Fußballer treten*Krüppel, Bettler und Kriegsversehrte gegeneinander an und begeistern die Fans mit ihrem geschmeidigen Spiel - der Kampf um den*Titel gerät zu einem*rauschenden Fußball-Fest. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,798928,00.html
Beinamputierte sind keine Kruppel! Was ist in Ihren Augen den ein Krüppel? Ich habe einen "Krüppel" in der Familie und er wäre verärgert, wenn ich ihn so bezeichnen würde! Die Wortwahl ist SPON nicht würdig!
4. Was lernen wir daraus?
pedites 21.11.2011
Niemals aufgeben!
5. Unnötiger Voyeurismus
dirk.kunkel.ronnenberg 22.11.2011
Das Ganze wirkt eher -Entschuldigung und mit Verlaub- wie eine Freakshow und muss nicht auch noch zur Belustigung der SPON-Leser hier breitgetreten werden. Die armen Teufel haben es schon schwer genug.
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