Vorwürfe gegen DFB-Chefausbilder: "Solche Aussagen gehen gar nicht"

Von Timo Prüfig

Fußballlehrer Böhm: Uefa-Pro-Lizenz trotz Amputationen Zur Großansicht
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Fußballlehrer Böhm: Uefa-Pro-Lizenz trotz Amputationen

Mit drastischen Worten zu einem armamputierten Traineranwärter hat DFB-Chefausbilder Frank Wormuth für Entsetzen gesorgt. Coach Rüdiger Böhm geht scharf mit ihm ins Gericht - er ist im Besitz der höchsten Trainerlizenz im Fußball, obwohl ihm beide Beine amputiert wurden.

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Als Traineranwärter mit einer körperlichen Behinderung hat man es beim DFB offenbar nicht leicht. Das belegte zuletzt die "Sport Bild", die von einem Streit zwischen Chefausbilder Frank Wormuth und dem Lehrgangsteilnehmer Mohamad Yassine berichtete. "Du bist nur hier, weil (DFB-Präsident Theo, Anm. d. Red.) Zwanziger keine Eier hat und einen Behindertenplatz geschaffen hat", soll Wormuth dem Libanesen, dem als Zwölfjähriger nach einem Unfall beide Unterarme amputiert werden mussten, gesagt haben. Wormuth bestätigte den Zwischenfall in der Zeitschrift.

Rüdiger Böhm ist seit einem schweren Unfall im Jahr 1997 beidbeinig amputiert. Trotzdem ist der 43-Jährige seit 2006 im Besitz der höchsten Stufe der Trainerscheine, der Uefa-Pro-Lizenz. Mehrere Jahre arbeitete Böhm als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim derzeitigen Zweitligisten Karlsruher SC und anschließend als U21-Trainer beim Schweizer Erstligisten FC Thun.

"Die Aussagen von Wormuth gehen in meinen Augen gar nicht", sagt Böhm im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Wer es schafft, bei so einem einfachen Spiel wie Fußball von einer 'diametral abkippenden Sechs' zu reden, dem darf so etwas nicht passieren."

DFB-Chefausbilder Wormuth (Archiv): "Absolut inakzeptabel" Zur Großansicht
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DFB-Chefausbilder Wormuth (Archiv): "Absolut inakzeptabel"

Zwar arbeitet der DFB-Chefausbilder seit dem Zwischenfall mit Yassine aus dem Jahr 2012 auf Bewährung. Böhm meint dazu allerdings vielsagend: "In der Politik mussten schon Leute wegen weniger zurücktreten. Zudem würde mich einmal interessieren, ob Herr Wormuth solch einen Satz auch zu einem gestandenen Trainerkollegen sagen würde, der durch einen tragischen Schicksalsschlag eine körperliche Behinderung erleidet."

Böhm hält Behindertenquote für "sehr fragwürdig"

Wormuth selbst wollte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nichts zu dem Fall sagen. Der DFB verwies auf die getätigten Aussagen in der "Sport Bild". Dafür äußerte sich jedoch DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock. "Nachdem uns der Vorgang bekannt wurde, habe ich ein Gespräch mit Frank Wormuth geführt und ihm deutlich gemacht, dass ein solcher Satz absolut inakzeptabel ist", sagte Sandrock. Im Wiederholungsfall würde es klare Konsequenzen nach sich ziehen. Wormuth bedauere, dass er sich im Ton vergriffen habe, so Sandrock weiter: "Gleichzeitig hat uns unter anderem der Prüfungsausschuss bestätigt, dass die fachliche Bewertung von Herrn Yassine korrekt gelaufen ist."

Der 43-jährige Böhm kritisiert aber nicht nur Wormuth, sondern auch den eingerichteten "Behindertenplatz" von DFB-Präsident Zwanziger: "Ich halte die Behindertenquote für sehr fragwürdig", sagt Böhm: "Ich weiß natürlich, was Herr Zwanziger bezwecken wollte, aber die Behindertenquote suggeriert, dass man als körperlich eingeschränkter Trainer weniger kann als andere. Sie stellt die Behinderung wieder einmal in den Fokus, viel mehr sollte aber die Qualität als Trainer und im Umgang mit Menschen im Vordergrund stehen."

Böhm selbst weiß aus seiner jahrelangen Erfahrung als Fußball-Trainer, "dass es bei der Arbeit mit den Spielern keine Rolle spielt, welche körperlichen Voraussetzungen man mitbringt. Respekt und Gehör verschafft man sich schließlich durch die Art und Weise, wie du mit den Spielern umgehst. Vormachen muss man ab einem bestimmten Niveau ja sowieso nichts mehr."

Aber auch trotz der erstklassigen Ausbildung beim DFB und dem Besitz der Uefa-Pro-Lizenz ist sich Böhm darüber im Klaren, dass er vermutlich nie einen Bundesligisten trainieren wird: "Ich muss leider selber sagen, dass man als behinderter Trainer auf dem höchsten Niveau keine Chance hat", sagt Böhm, "aber nur, weil die Gesellschaft noch nicht so weit ist. Das kann derzeit ja noch kein Verein in der Öffentlichkeit verkaufen."

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1. Absolut nicht akzeptabel!!
spmc-126521672352922 15.01.2014
Sollte Wormuth dieser Eklat nachgewiesen werden, gibt es fuer den DFB nur eine Konsequenz: den Kerl entlassen.
2. Sprachlosigkeit
aurichter 15.01.2014
Weshalb ist dieser arrogante Spinner noch im Amt? Nur festzustellen, das andere Menschen in Positionen weitaus härtere Konsequenzen ertragen mussten ist reichlich dünn. Und weshalb ein Behinderter, trotzdem hochqualifizierter Pro Schein Trainer für bspw einen BL Verein untragbar ist erschließt sich mir auch nicht. Bei den Paralympics werden von diesen Sportlern Leistungen gebracht, da wird sich die über wiegende Mehrheit die Zähne ausbeissen, aber ein geprüfter Trainer ist nicht tragbar? Absolut lächerlich bereits heute und nicht erst morgen oder über morgen.
3. Ser geehrter Servius!
erich21 15.01.2014
Es geht doch gar nicht um den TN. Selbst wenn er sich in der von Ihnen beschriebenen Weise disqualifiziert hat, darf ein Verantwortungstraeger dieses Kalibers nicht in der Art entgleisen, weder dem Teilnehmer noch dem honorigen Theo Zwanziger gegenueber! Im Gegenteil, der Herr entlarvt sich doch selbst mit seinem Hormonspruch.
4. Der einzige Fakt der zählt,
JKStiller 15.01.2014
ist in diesem Fall die offensichtliche Tatsache, dass Herr Wormuth sich in beleidigender Weise gegenüber Mohamad Yassine geäußert hat. Dessen Qualifikation als Trainer mag sogar bei Null liegen, aber die menschliche Qualifikation des Chefausbilders, und um die geht es hier, ist definitiv unterirdisch.
5. Das gleiche wie mit der Frauenquote,
Cybär 15.01.2014
sie suggeriert Frauen sind behindert, können nichts und müssen in Positionen gehievt werden die sie allein wegen ihrer Qualifikation nicht erreichen könnten. Diese Quoten brauchen wir nicht!! Ist doch egal ob einer behindert ist oder ob jemand seine Fortpflanzungsorgane innen oder aussen hat.
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