WM-Geheimfavorit Belgien Rot ist die Hoffnung

Belgien? Ja, Belgien! Das kleine Land gilt als große Hoffnung des Weltfußballs und Geheimfavorit der WM. Trainer Marc Wilmots hat mit Leidenschaft und Ehrgeiz ein Team geformt, dem man alles zutrauen kann.

Aus Brüssel berichtet

AP/dpa

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Trifft man den Trainer Marc Wilmots, hat man sofort wieder den Spieler Wilmots vor Augen. Das Wettkampfgewicht von 85 Kilogramm mag in den zehn Jahren seit seinem Karriereende etwas gelitten haben, aber man spürt noch immer die Kraft des Offensivspielers von einst, nicht nur beim Händedruck.

44 Jahre alt ist Wilmots inzwischen, seit Mai 2012 trainiert er die belgische Nationalmannschaft. Lässt man ihn erzählen von seiner Arbeit, seinen Zielen, seinen Problemen, dann blitzen sie auf, die Eigenschaften, die auch den Schalke-Profi, den "Eurofighter" und das "Kampfschwein" von einst ausmachten. Ehrgeizig, direkt und leidenschaftlich wirkt Wilmots, auch wenn er sich in seinem Büro in der Verbandszentrale in Brüssel entspannt in seinem Ledersessel zurücklehnt.

Seine Sätze kommen mit Nachdruck, Zweifel schwingen nicht mit. "Noch haben wir nichts erreicht", sagt er im Interview und macht schnell klar, dass er von Träumereien nicht viel hält. Ganz anders als Belgien.

Belgien-Coach Wilmots im Interview
Belgien träumt. Wenn am Nachmittag im brasilianischen Ferienort Costa do Sauípe die Gruppen für die WM 2014 ausgelost werden, ist das Land nicht bloß unter den 32 Teilnehmern, sondern in allerbester Gesellschaft (SPIEGEL ONLINE berichtet ab 17 Uhr mit Liveticker, Analysen und Reaktionen).

In Topf 1 findet man die Favoriten, Brasilien, Spanien, Deutschland und Argentinien, und man findet Kolumbien, Uruguay, die Schweiz. Und Belgien, plötzlich Geheimfavorit, der große Hype der Fußball-Welt, oder "das heißeste Versprechen im europäischen Fußball", wie es der ehemalige Bayern-Torhüter Jean-Marie Pfaff nennt. Wie konnte es soweit kommen?

Im Achtelfinale der WM 2002 in Japan und Südkorea war Belgien gegen den späteren Weltmeister Brasilien ausgeschieden, nach starker Leistung und großem Kampf. Die Mannschaft verabschiedete sich erhobenen Hauptes. Keiner hätte damit gerechnet, dass es ein Abschied für zwölf Jahre sein sollte.

"2007 war der Tiefpunkt"

Denn es folgten triste Jahre ohne Erfolge, ohne Ideen und ohne Rückhalt bei den Fans. Der Königlich Belgische Fußballverband merkte: er musste umdenken und seine Strukturen erneuern, vor allem in der Nachwuchsarbeit. Er stellte höhere Anforderungen an die Trainerausbildungen und gab taktische Empfehlungen an die Vereine aus, diese kooperierten, der Anfang war gemacht. So ähnlich, wie es in Deutschland nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 geschah. Trotzdem in Belgien keine Kopie der deutschen Entwicklung.

In Deutschland gab es auch während der Reform Höhepunkte, durch den Vize-Titel bei der WM 2002 oder das "Sommermärchen" 2006 blieb die Nationalmannschaft der Liebling der Bevölkerung. In Belgien war das anders. Neben den Weltmeisterschaften verpasste das Team auch die Europameisterschaften 2004, 2008 und 2012.

Der Tiefpunkt, so Wilmots, war 2007 erreicht: "Wir haben nicht mehr daran geglaubt, dass das Team überhaupt auch nur ein Tor schießt, egal gegen welchen Gegner." Selbst der ehemalige Spieler sah sich keine Spiele der "Roten Teufel" mehr an. Der Verband verschenkte damals Eintrittskarten zu den Länderspielen, die Stadien blieben dennoch leer.

Vor zwei Monaten machte Belgien dann in der Partie in Kroatien die Qualifikation zur WM perfekt, für das abschließende Gruppenspiel gegen Wales waren bereits nach 15 Minuten keine Tickets mehr zu haben, das König-Baudouin-Stadion (ehemals Heysel) war restlos ausverkauft - wie schon bei allen Qualifikationsheimspielen zuvor.

Das ist Belgiens Luxus-Kader
Der Grund für diese neue Begeisterung heißt Thibaut Courtois, Eden Hazard, Kevin de Bruyne oder Romelu Lukaku. Die Liste der jungen Spieler mit Anlagen zur Weltklasse ließe sich lange fortführen, die Fotostrecke zeigt die Breite und Qualität des Kaders.

Das ist zum einen das Verdienst einiger Clubs wie Standard Lüttich, RSC Anderlecht oder FC Brügge, die in ihren Jugendakademien inzwischen hochprofessionell arbeiten. Doch viele Spieler der aktuellen Nationalmannschaft wechselten schon in der Jugend ins Ausland. Die Verteidiger Thomas Vermaelen, Toby Alderweireld und Jan Verthongen etwa wurden bei Ajax Amsterdam ausgebildet, Superstar Hazard ging bereits mit 14 Jahren nach Frankreich zum OSC Lille, im Sommer 2012 zahlte Chelsea 42 Millionen Euro für den Flügelstürmer.

Insgesamt wurden allein in den vergangenen beiden Sommertransferperioden knapp 250 Millionen Euro für belgische Nationalspieler ausgegeben, längst stehen die meisten bei großen europäischen Vereinen wie dem FC Arsenal, Chelsea oder Atletico Madrid unter Vertrag. Dort sollten sich die Talente eigentlich optimal weiterentwickeln können. Eigentlich.

Mit einem Knall landet die Faust von Wilmots auf dem Tisch: "Ich habe ein Problem", sagt er: "Meine Jungs sind bei tollen Clubs, aber sie spielen zu wenig!" Tatsächlich kommt etwa Kevin de Bruyne, den im Sommer die halbe Bundesliga händeringend verpflichten wollte, beim FC Chelsea kaum zum Einsatz. Den Mittelfeldspielern Moussa Dembélé (Tottenham Hotspur) und Marouane Fellaini (Manchester United) geht es ähnlich.

Wilmots nutzt seine Macht im Verband

Forderungen an die Vereine, dass seine Spieler mehr Einsatzzeiten bekommen müssen, will Wilmots nicht stellen. Das sei nicht sein Job, zudem verbiete es ihm der Respekt vor den Kollegen. Er setzt lieber auf die vier Wochen Vorbereitungszeit zwischen Saisonende und der Weltmeisterschaft, um die Sorgenfälle noch fit für das Turnier zu bekommen.

Prognosen für ein Abschneiden seiner Mannschaft in Brasilien will Wilmots nicht abgeben, er selbst kennt die Eigendynamik, die eine WM bekommen kann, aus eigener Erfahrung. Lieber denkt er an die Zeit danach. Auch wenn sein Vertrag vorerst nur bis nach dem Turnier läuft, plant der Nationaltrainer schon weiter. Vor kurzem erst hat er in den Jugendmannschaften durchgesetzt, dass Spieler ab 14 Jahren nur noch positionsspezifisch ausgebildet werden, statt wie bisher für mehrere Aufgaben.

Der bisherige Erfolg verleiht Wilmots die nötige Macht, um Assistenz- und Expertenstellen mit seinen Wunschkandidaten zu besetzen. Früher hätten Personen hohe Posten bekleidet, die wenig Verständnis vom Fußball hatten. Nun öffnet sich der Verband, immer mehr Ex-Profis geben ihr Wissen weiter.

Nach zehn Jahren Planungszeit ist nun zudem das zentrale Leistungszentrum des Verbandes fertig. Ähnlich wie die Franzosen in Clairefontaine kann Wilmots seine Spieler bald in Tubize, gut 20 Kilometer südwestlich von Brüssel gelegen, unter optimalen Bedingungen versammeln. 2020 soll dann das neue Nationalstadion fertiggestellt sein.

Dem belgischen Fußball kann die Zukunft gehören, sogar Marc Wilmots klingt ein bisschen verträumt, wenn er sagt: "Der Frust ist weg, die Hoffnung ist da."



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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
jackson132 06.12.2013
1.
Erwähnenswert wären auch noch Vincent Konpany, Anker von Manchester City. Wie kann man so einen wichtigen Spieler nicht erwähnen? Hinzuzufügen wäre auch noch Christian Benteke, letztes Jahr 22 Tore, wenn ich mich recht erinnere, in der Premier League!
troy_mcclure 06.12.2013
2. Na ja
Die Belgier sind sicherlich eine bärenstarke Mannschaft, die die gruppenphase überstehen sollte. Sie als Geheimfavorit zu bezeichnen ist allerdings übertrieben.
gorkamorka 06.12.2013
3.
Die Belgier sind jedenfalls stärker als die Engländer, soviel ist sicher. Viertelfinale ist für Belgien auf jeden Fall drin. Geheimfavorit ist aber etwas zu hoch gegriffen, denke ich.
wittentoni 06.12.2013
4. Falsche Informationen
Es ist komisch, dass so eine seriöse Zeitung so falsche Informatioen gibt. Das entscheidende Spiel, welches die roten Teufel 2:1 gewannen, fand nicht in Brüssel, sondern in Zagreb statt. So eine Fehlinformation dürfte eigentlich nicht weiter gegeben werden, zumal man auch noch schreibt, dass dieses Spiel ausverkauft gewesen sei.
Hans Klopek 06.12.2013
5.
Zitat von sysopAP/dpaBelgien? Ja, Belgien! Das kleine Land gilt als große Hoffnung des Weltfußballs und Geheimfavorit der WM. Trainer Marc Wilmots hat mit Leidenschaft und Ehrgeiz ein Team geformt, dem man alles zutrauen kann. http://www.spiegel.de/sport/fussball/belgien-fussball-nationalmannschaft-geheimfavorit-fuer-die-wm-a-937000.html
Die sogenannten "Geheimfavoriten" haben es an sich, dass sie immer grandios floppen. Dieses Etikett ist meistens gleichbedeutend mit Vorrundenaus.
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