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Berger in der Türkei: "Eine geradezu gespenstische Erfahrung"

Jörg Berger hat schon einige Teams trainiert. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm seine Zeit beim türkischen Club Bursaspor. Dem Magazin "11 FREUNDE" erzählte Berger, wie die Vereinsbosse wild wurden, als es mit der Meisterschaft nicht klappen wollte.

Ich liebe das Abenteuer. Aber mein Engagement 2000 in der Türkei war eine geradezu gespenstische Erfahrung. Bursaspor war über eine Agentur an mich herangetreten. Schon im Vorfeld reiste ich in die Türkei, machte mir ein Bild von den Gegebenheiten und verpflichtete schließlich die Spieler Martin Spanring, Marc Ziegler und Ion Lupescu. Meine Familie zog auch nach Bursa, ich sah diese Anstellung also keineswegs als Zwischenepisode.

Fußballtrainer Berger: Handy aus, Haus verwüstet
DPA

Fußballtrainer Berger: Handy aus, Haus verwüstet

Erstmals irritiert war ich jedoch, als man mir mein Gehalt in einer Plastiktüte überreichte. Zudem stellten sich die Erwartungen als extrem hoch heraus - man wollte sofort Titel gewinnen. Das war utopisch. Aber ich sah darüber fürs Erste hinweg, schließlich waren die äußeren Bedingungen beinahe perfekt.

Das Trainingsgelände war klasse, auch die Unterbringung genügte höchsten Ansprüchen. Wenn meine Frau in Istanbul landete, wurde sie mit dem Helikopter abgeholt und nach Bursa weitergeflogen. Doch das hörte schon auf, als wir die ersten beiden Spiele verloren hatten. Nun musste sie sechs Stunden mit dem Auto auf die andere Seite des Marmarameers fahren.

Das zeigte mir: Wenn man gewinnt, ist alles möglich; wenn man verliert, bricht alles zusammen. Genauso dachten die 19 Präsidenten, mit denen ich es zu tun hatte. Jeder von ihnen hatte einen Spieler gekauft und wollte, dass der auch spielt. Irgendwann sagte ich zu ihnen: "Jetzt mache ich einmal die Aufstellung so, wie ihr es wollt."

Prompt verloren wir zu Hause 2:5 - und die Hölle brach los. Meine Frau und meine Kinder mussten unter Polizeischutz aus dem Stadion geleitet werden. In der Kabine erwarteten mich schon drei der 19 Präsidenten: "Das ist zu gefährlich, verlassen Sie besser das Land." Klar: Sie wollten mich loswerden, ohne mir eine Abfindung zahlen zu müssen.

Aber ich bewahrte die Ruhe. "Ich bleibe hier", sagte ich. "Ich habe einen Vertrag." Wenige Stunden später war schon mein Handy tot, am nächsten Morgen fehlte das Nummernschild am Wagen. Aber ich wollte mich nicht davonjagen lassen. Bei der nächsten Unterredung mit den 19 Präsidenten forderte ich auf Anraten meines Anwalts Christoph Schickhardt, dass man mir eine schriftliche Kündigung ausstellen solle.

"Warum?", riefen sie. "Wir sind Ehrenmänner." Das Gespräch zog sich über Stunden. Dass ich dabei so ruhig blieb, störte einen von den Clubbossen derartig, dass er plötzlich eine Pistole zog und sie auf den Tisch warf. "Das ist die Sprache, die wir sprechen", schrie er. "Jetzt geht ja gar nichts mehr", dachte ich und fuhr zu meinem Haus. Es war verwüstet.

Zur Person
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Jörg Berger wurde am 13. Oktober 1944 geboren. Der Trainer, der 1979 aus der DDR in die Bundesrepublik flüchtete, machte sich als so genannter Retter einen Namen: Frankfurt, Köln und Schalke bewahrte er vor dem Abstieg aus der Bundesliga. 2009 erschien sein Buch "Meine zwei Halbzeiten: Ein Leben in Ost und West", in dem er auch über die Drohungen der Stasi nach seiner Flucht in den Westen berichtete. Im Alter von 65 Jahren ist er an Krebs gestorben.

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Am Abend fuhr auch noch ein Bus mit Randalierern vor. "Berger, verlasse Bursa!", sangen sie und rüttelten am Zaun. Tags darauf war dann ein neuer Trainer da. Der schlachtete erst mal eine Kuh im Mittelkreis. Ich hingegen wurde nicht mehr auf das Vereinsgelände gelassen.

Nun war der Punkt erreicht, an dem wir das Land wirklich verließen. Wir fuhren morgens um sechs, schwer bepackt, mit der Fähre nach Istanbul und flogen von dort nach Deutschland. Schickhardt wollte sich noch einmal mit den Offiziellen treffen. Sie hatten ihn in eine Absteige nach Istanbul bestellt - als er die sah, drehte er gleich wieder um.

Das folgende Gerichtsverfahren zog sich über fünf Jahre hin. Erst vor Kurzem rief Schickhardt mich an uns sagte: "Wir haben gewonnen." Und dennoch: So schnell werde ich nicht wieder Trainer in der Türkei.

Protokoll: Dirk Gieselmann

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