Berliner Kiezclub Türkiyemspor: "Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt existieren"

Von Ronny Blaschke

Der Club ist das Herz des türkischen Fußballs in Berlin - und seit fast 30 Jahren ist Türkiyemspor auch Integrationsprojekt. Der Hass Rechtsradikaler begleitet den Verein seit Jahren. Gestern kam es in Leipzig zu Übergriffen auf Jugendspieler.

Wie ein Aussätziger fühlte sich Celal Bingöl im eigenen Verein. Als er zum Elfmeter antreten musste, blickte er zu den Fans seiner Mannschaft, die keine Fans von ihm waren. In ihren Augen sah er die Abneigung, den Hass – nur weil er nicht aussah wie sie. Er lief an und schoss, doch der Torwart parierte. Aus der Kurve seines Clubs zischte Gelächter, verbunden mit einem donnernden Chor: "Bingöl abschieben!" Sein Team, der BFC Dynamo, gewann trotzdem. Seine Kollegen bedankten sich später brav bei den Fans. Celal Bingöl schlich in die Kabine, mit gesenktem Kopf und schlaff herunter hängenden Schultern. Ein Jahr spielte er für den Ostberliner Problemverein, dann zog er weiter, denn er konnte das Gefühl nicht mehr ertragen, unwillkommen zu sein.

Türkiyemspor-Präsident Bingöl: Stundenlang im Graben
Ronny Blaschke

Türkiyemspor-Präsident Bingöl: Stundenlang im Graben

Mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen. Celal Bingöl, 38, geboren in der Türkei, aufgewachsen in Deutschland, sitzt in einer Teestube am Kottbusser Tor, im Herzen von Kreuzberg, dem multikulturellen Zentrum Berlins. Er spricht mit seinem ganzen Körper, lässt sich regelrecht in seine Erinnerungen fallen. Seine aktive Laufbahn hat er aufgegeben, doch dem Fußball wird er treu bleiben. Nicht nur wegen der Siege, nicht wegen der Tore, sondern, weil der Fußball in seinen Augen weiter reicht als bis zur Eckfahne. "Ich habe dem Sport viel zu verdanken", sagt er: "Er hat mir das Leben leichter gemacht." Inzwischen ist der Unternehmer Bingöl Präsident von Türkiyemspor, einem Verein gelebter Integration. So wie Kreuzberg ist, ist auch sein bekanntester Fußballclub. Allein sieben Nationalitäten sind in der ersten Mannschaft vertreten.

Das war nicht seine Freiheit

Es war Anfang der siebziger Jahre, als die Familie von Celal Bingöl aus einem Dorf in Anatolien nach Berlin übersiedelte. Die Großstadt war für den Jungen wie eine fremde Welt, das Tempo, die Sprache, die Vielfalt. Mit seiner Schwester spielte er oft an einem Grenzübergang an der Mauer. Eines Tages warf ihm ein afroamerikanischer Soldat einen bösen Blick zu, Bingöl hatte noch nie einen Farbigen gesehen, er erschrak und versteckte sich in einem Graben, stundenlang. "Heute habe ich viele dunkelhäutige Freunde", sagt er und lächelt: "auch dank des Fußballs."

Mit sieben Jahren fing er bei Anadoluspor an, einem Verein aus der Nachbarschaft mit türkischen Wurzeln. Kinder aus ganz Europa traten gemeinsam gegen den Ball und erweiterten ihren kulturellen Horizont. Celal Bingöl lernte viel über das Leben, er spielte später für andere Berliner Vereine, und er fand sich fast immer zu Recht. Als er Anfang der Neunziger zum Karrieresprung ansetzte und in die türkische Provinz wechselte, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Frauen trugen Schleier und wurden von den Stadien fern gehalten. Das war nicht die Freiheit, mit der er erzogen wurde – schnell kehrte er zurück nach Berlin.

Die Erfahrungen, die Celal Bingöl gemacht hat, haben viele Kinder in Berlin noch vor sich. Von den mehr als 100.000 Berlinern, die organisiert Fußball spielen, ist etwa ein Drittel ausländischer Herkunft, rund 20.000 stammen aus der Türkei. Mehr als ein Viertel aller Berliner Clubs haben einen Migranten-Hintergrund, inzwischen sind es 52 Vereine, 36 wurden von Türken ins Leben gerufen. Der größte ist Türkiyemspor, seit 1978 bietet er nicht nur türkischen Einwanderern Vertrautheit und Kontakte.

Dritte Kraft in Berlin

In einem sozialen Brennpunkt des eingemauerten Westberlins hatten sich Gastarbeiter dem Hobbyfußball verschrieben. Im Zuge des sportlichen Aufstiegs strömten immer mehr Anhänger ins Katzbachstadion nach Kreuzberg. Ende der Achtziger hatte sich Türkiyem, was so viel bedeutet wie "meine Türkei", hinter Hertha BSC und Tennis Borussia zur dritten sportlichen Kraft in Berlin entwickelt. Tausende Zuschauer verfolgten die Heimspiele, und sie mussten mit ansehen, wie ihre Mannschaft 1991 den Aufstieg in die zweite Bundesliga knapp verpasste.

Seitdem ist es ruhiger geworden um den bekanntesten Migrantenverein Deutschlands, der seit 1999 in der viertklassigen Oberliga spielt und insgesamt mehr als 40 Spieler in türkische Profivereine entsandt hat. "Wir träumen alle vom Profifußball, wir sind schließlich ein Leistungsverein", sagt Celal Bingöl: "Aber das allein kann es nicht sein. Der Fußball ersetzt in vielen Fällen sogar die Familienerziehung."

Am Abend ist Training der ersten Mannschaft, nicht in Kreuzberg, sondern weiter draußen in Treptow. Cetin Özaydin sitzt auf einer Bank am Rande des Trainingsplatzes, er wählt kritische Worte, doch seine Stimme überschreitet den Flüsterton kaum. Jeden Tag muss er bei den Behörden nachfragen, ob das Training gesichert ist. Türkiyemspor hat keine feste Anlage, die Spieler müssen sich in anderen Bezirken fit halten. Seit Jahren soll sich das ändern, versprächen Politiker, die in der Clubgeschäftsstelle in der Admiralstraße vorbeischauen, vor allem im Wahlkampf. "Chancengleichheit gibt es nicht. Es ist ein Wunder, dass wir überhaupt existierten", sagt Özaydin, 41. Er spricht nicht wie ein Funktionär, eher wie ein Sozialarbeiter. Tagsüber ist er als Krankenpfleger tätig, und irgendwie trifft diese Bezeichnung auch auf seine Tätigkeit bei Türkiyemspor zu. Der Verein leidet unter den Angriffen von Rechtsextremisten – seit seiner Gründung vor fast 30 Jahren.

Spalier mit Baseballschlägern

Cetin Özaydin leitet den Förderverein, der 2000 von Fans gegründet wurde, sie wollten den täglichen Terror nicht mehr schweigend in Kauf nehmen. Unmittelbar nach der Wende war es am schlimmsten. Als sich in Cottbus die Spieler Türkiyemspors aus dem Bus Richtung Kabine aufmachten, standen Jugendliche Spalier, ausgestattet mit Baseballschlägern und Springerstiefeln. Auf dem Rückweg wurde die Mannschaft von einer Polizeieskorte bis zur Autobahnauffahrt begleitet. Erst gestern wurde das A-Jugendteam von Türkiyemspor während des Regionalligaspiels bei Lokomotive Leipzig beschimpft, bedroht und bespuckt. "Das habe ich noch nicht erlebt", sagt Trainer Hasan Keskin. "Wir hatten Angst um unsere Gesundheit."

Nach dem 1:0-Sieg wurden einige seiner Spieler von Dutzenden Leipziger Zuschauern umzingelt und am Betreten der Kabine gehindert, später verließen sie über einen Seiteneingang das Stadion. Das ist keine Seltenheit, sondern Alltag für einen der bekanntesten Migrantenklubs Europas. Ein anderes Mal, in Neuruppin, im Norden Brandenburgs, bat Türkiyemspor um eine Schweigeminute für zwei Spieler, die bei einem Autounfall ums Leben kamen. Der Gastgeber erfüllte den Wunsch, doch die Zuschauer zerrissen die Trauer mit ihrem Jubel: "Zwei Alis weniger. Jawohl!"

Die rechtsradikale Musikband Landser widmete Türkiyemspor ein eigenes Schmählied. Von diesen Geschichten könnte Cetin Özaydin Dutzende erzählen. Dass seine Spieler bespuckt, beleidigt, mit Fladenbrot beworfen und mit Bier begossen werden, erwähnt er schon gar nicht mehr – der Hass ist längst Alltag geworden.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Wie Türkiyemspor mit seinem vielfach ausgezeichneten Netzwerk im Kiez Hilfe leistet - und doch manchmal verzweifelt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Gewalt im Fußball
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback