Von Peter Ahrens, Potsdam
Zum Wesen einer Turbine gehört Unruhe, gehört Bewegung. Eine ruhende Turbine bedeutet Stillstand. Bernd Schröder versteht es als seinen Auftrag, die Maschine am Laufen zu halten. Seit 40 Jahren führt er bei Turbine Potsdam das Regiment, als Trainer, zwischendurch auch mal als Manager. Er hat den Club zum Vorzeigeverein des deutschen Frauenfußballs gemacht - und regelmäßig sorgt er dafür, dass sich bei Turbine alles dreht. Derzeit ist es mal wieder so weit.
Der Verein führt die Tabelle der Frauen-Bundesliga an, im Champions-League-Viertelfinale wurde der neureiche russische Meister FC Rossijanka am Mittwoch souverän 2:0 bezwungen. Es gäbe wenig Anlass für schlechte Stimmung. Und dennoch war in den Vorwochen mehr als von Erfolgen davon die Rede, dass das Erfolgsmodell Turbine auf der Kippe stehe. Und dabei fällt immer wieder der Name des Trainers.
Vor drei Wochen haben die drei Nationalspielerinnen Viola Odebrecht, Bianca Schmidt und Babett Peter erklärt, den Verein zum Saisonende verlassen zu wollen. Das ist ungefähr so, als würden beim FC Bayern gleichzeitig Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Mario Gomez ihren Abschied verkünden.
Schröder hat das alles schon mal erlebt
In seiner ersten Reaktion darauf hat Schröder gekontert: "Wenn Spielerinnen nicht mehr mit Herzblut und Leidenschaft beim Verein sind, muss man sich trennen." Wer Abwehrchefin Peter oder Mittelfeldspielerin Odebrecht am Mittwoch gegen die Russinnen spielen sah, konnte vom fehlenden Herzblut, von mangelnder Leidenschaft, allerdings nichts entdecken. Die drei abwanderungswilligen Spielerinnen gehörten zu den Besten auf dem Platz.
Für Schröder ist das, was sich derzeit in Potsdam tut, eine Art Déjà-vu. Er hat das vor fünf Jahren schon einmal erlebt. Damals bereits wurde das Ende des Potsdamer Erfolgsmodells heraufbeschworen. Als Nationaltorfrau Nadine Angerer den Verein verlassen hatte und Kapitän Ariane Hingst nach zehn Jahren Potsdam von Bord ging, beide landeten in Frankfurt, beim großen Konkurrenten FFC. Dort, wo auch Nationalspielerin Fatmire Bajramaj mittlerweile ihr Geld verdient. Sie hat Turbine im Vorjahr den Rücken gekehrt.
Auch damals hat Schröder emotional reagiert, er hat Bajramaj vorgeworfen, ihre Berater hätten ihr den Kopf verdreht. Auch jetzt macht er keinen Hehl daraus, dass er den Abgang seiner drei Leistungsträger persönlich nimmt: "Es ist ja ein wenig so, als wenn sich jemand aus der Familie verabschiedet", sagte er am Mittwoch.
Die Spielerinnen empfinden das durchaus ähnlich. Peter soll nach Schröders abwertender Kommentierung ihres Abgangs ein paar Tränen verdrückt haben. Odebrecht, Schmidt und Peter sind mit Turbine sozialisiert worden, sie sind seit der Jugend in Potsdam, sie sind hier zu Nationalspielerinnen gereift.
Der Umgangston des Trainers kann vor den Kopf stoßen
Es heißt, ihr Abschied habe auch damit zu tun, dass sie nach all den Jahren von Schröders autoritären Führungsstil genug haben. Ihre künftigen Vereine 1. FFC Frankfurt und VfL Wolfsburg haben sie zudem mit finanziellen Angeboten gelockt, bei denen Potsdam nicht mithalten kann. Peter hat auf ihrer Website allerdings vehement bestritten, dass sie des Geldes wegen wechsle.
Der Berliner "Tagesspiegel" hat mal geschrieben, der Einzige, der bei Turbine wirklich unersetzlich sei, sei Schröder. 1971 wurde die Frauenfußball-Abteilung in Potsdam gegründet, Schröder war an diesem Abend, so geht die Geschichte, eigentlich nur anwesend, um etwas zu essen. Am Ende des Abends war er der Trainer, und er ist es bis heute. Schröder ist jetzt 69 Jahre alt.
Sein Umgangston mit den Spielerinnen gilt als ruppig, Schröder ist ein Patriarch. Er hat eine knorrige Art, die Leute vor den Kopf stoßen kann, Bundestrainerin Silvia Neid gehört zu seinen Lieblingsfeindinnen. Der Coach mag altmodisch sein, aber er hat es bisher immer hinbekommen, ein Spitzenteam zu formen. In den vergangenen elf Jahren ist Turbine in der Liga am Ende immer unter den ersten Drei gewesen. Manchmal hat man gar den Eindruck, Schröder betreibe den personellen Umbruch aktiv. Damit er wieder neu anfangen kann. Und er seine nächste Turbine-Generation an den Start bringen darf.
Frankfurts umtriebiger Manager Siegfried Dietrich hat gesagt, er sei "überzeugt, dass Schröder mit Potsdam weiter oben mitmischen wird". Aus Dietrichs Position des Stärkeren klingen solche Sätze allerdings von oben herab: Frankfurt hat sich ein Team zusammengekauft, bei dem in der kommenden Saison elf aktuelle deutsche Nationalspielerinnen spielen werden. Bei Potsdam dann keine mehr.
Schröder sagte am Mittwoch: "Bei uns funktioniert ohnehin alles nur im Kollektiv." Nur sich selbst dürfte er davon ausnehmen.
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