Turbine-Trainer Schröder : Der Maschinist von Potsdam

Von , Potsdam

Frauenfußball-Meister Turbine Potsdam steht vor einem Umbruch. Zahlreiche Schlüsselspielerinnen gehen, Trainerpatriarch Bernd Schröder steht wegen seines Führungstils in der Kritik. Für den Coach ist das nichts Neues: Er hat die Mannschaft schon mehrfach umgekrempelt.

Turbine Potsdam: Aderlass beim Vorzeigeclub Fotos
DPA

Zum Wesen einer Turbine gehört Unruhe, gehört Bewegung. Eine ruhende Turbine bedeutet Stillstand. Bernd Schröder versteht es als seinen Auftrag, die Maschine am Laufen zu halten. Seit 40 Jahren führt er bei Turbine Potsdam das Regiment, als Trainer, zwischendurch auch mal als Manager. Er hat den Club zum Vorzeigeverein des deutschen Frauenfußballs gemacht - und regelmäßig sorgt er dafür, dass sich bei Turbine alles dreht. Derzeit ist es mal wieder so weit.

Der Verein führt die Tabelle der Frauen-Bundesliga an, im Champions-League-Viertelfinale wurde der neureiche russische Meister FC Rossijanka am Mittwoch souverän 2:0 bezwungen. Es gäbe wenig Anlass für schlechte Stimmung. Und dennoch war in den Vorwochen mehr als von Erfolgen davon die Rede, dass das Erfolgsmodell Turbine auf der Kippe stehe. Und dabei fällt immer wieder der Name des Trainers.

Vor drei Wochen haben die drei Nationalspielerinnen Viola Odebrecht, Bianca Schmidt und Babett Peter erklärt, den Verein zum Saisonende verlassen zu wollen. Das ist ungefähr so, als würden beim FC Bayern gleichzeitig Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Mario Gomez ihren Abschied verkünden.

Schröder hat das alles schon mal erlebt

In seiner ersten Reaktion darauf hat Schröder gekontert: "Wenn Spielerinnen nicht mehr mit Herzblut und Leidenschaft beim Verein sind, muss man sich trennen." Wer Abwehrchefin Peter oder Mittelfeldspielerin Odebrecht am Mittwoch gegen die Russinnen spielen sah, konnte vom fehlenden Herzblut, von mangelnder Leidenschaft, allerdings nichts entdecken. Die drei abwanderungswilligen Spielerinnen gehörten zu den Besten auf dem Platz.

Für Schröder ist das, was sich derzeit in Potsdam tut, eine Art Déjà-vu. Er hat das vor fünf Jahren schon einmal erlebt. Damals bereits wurde das Ende des Potsdamer Erfolgsmodells heraufbeschworen. Als Nationaltorfrau Nadine Angerer den Verein verlassen hatte und Kapitän Ariane Hingst nach zehn Jahren Potsdam von Bord ging, beide landeten in Frankfurt, beim großen Konkurrenten FFC. Dort, wo auch Nationalspielerin Fatmire Bajramaj mittlerweile ihr Geld verdient. Sie hat Turbine im Vorjahr den Rücken gekehrt.

Auch damals hat Schröder emotional reagiert, er hat Bajramaj vorgeworfen, ihre Berater hätten ihr den Kopf verdreht. Auch jetzt macht er keinen Hehl daraus, dass er den Abgang seiner drei Leistungsträger persönlich nimmt: "Es ist ja ein wenig so, als wenn sich jemand aus der Familie verabschiedet", sagte er am Mittwoch.

Die Spielerinnen empfinden das durchaus ähnlich. Peter soll nach Schröders abwertender Kommentierung ihres Abgangs ein paar Tränen verdrückt haben. Odebrecht, Schmidt und Peter sind mit Turbine sozialisiert worden, sie sind seit der Jugend in Potsdam, sie sind hier zu Nationalspielerinnen gereift.

Der Umgangston des Trainers kann vor den Kopf stoßen

Es heißt, ihr Abschied habe auch damit zu tun, dass sie nach all den Jahren von Schröders autoritären Führungsstil genug haben. Ihre künftigen Vereine 1. FFC Frankfurt und VfL Wolfsburg haben sie zudem mit finanziellen Angeboten gelockt, bei denen Potsdam nicht mithalten kann. Peter hat auf ihrer Website allerdings vehement bestritten, dass sie des Geldes wegen wechsle.

Der Berliner "Tagesspiegel" hat mal geschrieben, der Einzige, der bei Turbine wirklich unersetzlich sei, sei Schröder. 1971 wurde die Frauenfußball-Abteilung in Potsdam gegründet, Schröder war an diesem Abend, so geht die Geschichte, eigentlich nur anwesend, um etwas zu essen. Am Ende des Abends war er der Trainer, und er ist es bis heute. Schröder ist jetzt 69 Jahre alt.

Sein Umgangston mit den Spielerinnen gilt als ruppig, Schröder ist ein Patriarch. Er hat eine knorrige Art, die Leute vor den Kopf stoßen kann, Bundestrainerin Silvia Neid gehört zu seinen Lieblingsfeindinnen. Der Coach mag altmodisch sein, aber er hat es bisher immer hinbekommen, ein Spitzenteam zu formen. In den vergangenen elf Jahren ist Turbine in der Liga am Ende immer unter den ersten Drei gewesen. Manchmal hat man gar den Eindruck, Schröder betreibe den personellen Umbruch aktiv. Damit er wieder neu anfangen kann. Und er seine nächste Turbine-Generation an den Start bringen darf.

Frankfurts umtriebiger Manager Siegfried Dietrich hat gesagt, er sei "überzeugt, dass Schröder mit Potsdam weiter oben mitmischen wird". Aus Dietrichs Position des Stärkeren klingen solche Sätze allerdings von oben herab: Frankfurt hat sich ein Team zusammengekauft, bei dem in der kommenden Saison elf aktuelle deutsche Nationalspielerinnen spielen werden. Bei Potsdam dann keine mehr.

Schröder sagte am Mittwoch: "Bei uns funktioniert ohnehin alles nur im Kollektiv." Nur sich selbst dürfte er davon ausnehmen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. .
herr-vorragend 16.03.2012
Zitat von sysopFrauenfußball-Meister Turbine Potsdam steht vor einem Umbruch. Zahlreiche Schlüsselspielerinnen gehen, Trainerpatrirach Bernd Schröder steht wegen seines Führungstils in der Kritik. Für den Coach ist das nichts neues: Er hat die Mannschaft schon mehrfach umgekrempelt. Turbine-Trainer Schröder*: Der Maschinist von Potsdam - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Sport (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,821470,00.html)
Ohne Turbine Potsdam mit Schröders Herzblut, und speziell deren Jugendarbeit und-förderung, würde Frankfurt ziemlich alt aus der Wäsche gucken. So wie die Nationalmannschaft übrigens auch. Aber Geld regiert die Welt. Also: nochmal Glück gehabt, Frankfurt!
2.
muehle79 16.03.2012
Welcher Praktikant ist denn für die Zusammenstellung der Fotostrecke zuständig? Den DFB-Pokal 2011 hat, wie abgebildet der FFC Frankfurt gewonnen und eben nicht Potsdam. Und im aktuellen Wettbewerb 2011/12 ist Turbine Potsdam leider schon am 04.12.2011 gegen Frankfurt ausgeschieden.
3. ...
murks1000 16.03.2012
Zitat von herr-vorragendOhne Turbine Potsdam mit Schröders Herzblut, und speziell deren Jugendarbeit und-förderung, würde Frankfurt ziemlich alt aus der Wäsche gucken. So wie die Nationalmannschaft übrigens auch. Aber Geld regiert die Welt. Also: nochmal Glück gehabt, Frankfurt!
Turbine hat ja noch nie Spielerinnen eingekauft und Frankfurt hat ja noch nie eigenen Nachwuchs hervorgebracht. Dass man zum Beispiel Fatmire Bajramaj aus Duisburg weggeholt hat (das war sie 21 Jahre), vergißt man anscheinend immer wieder und Bianca Schmidt ist erst 2006 zu Potsdam gekommen, genau wie Babett Peter, die da schon 18 war ... Es wird immer so getan, als ob Turbine Potsdam die Spielerinnen von der Jugend an hochgepeppelt hätten, dem ist aber in Wirklichkeit auch nicht so. Der 1. FFC-Frankfurt hat auch eigenen guten Nachwuchs hervorgebracht, Svenja Huth, Dzsenifer Marozsán ... und Nadine Angerer war auch kein Produkt von Turbine Potsdam, sie kam mit 23 nach Potsdam, so alt ist eine Bianca Schmidt heute nicht einmal.
4. Lieber SPON
murks1000 16.03.2012
Es ist lobenswert, sich auch mal mit dem Frauenfußball zu beschäftigen, aber wenn also Untertitel für die Fotos nur Blödsinn schreibt, dann wäre es besser es zu lassen. Das Erste Foto Herr Schröder ... das zweite Foto zeigt den 1. FFC Frankfurt beim DFB-Pokalsieg 2011. Die Untertitel vom SPON suggerieren, dass dies Schröders Team wäre, der den DFB-Pokal gewonnen hätte ... wenn er das sieht, wird er emotional an die Decke gehen ... irgendwie peinlich
5. ...
cs01 16.03.2012
Ich kann jede Nationalspielerin verstehen, die Potsdam verlässt. Solange man in Potsdam ist, ist man bei Silvia Neid nur Nationalspielerin zweiter Klasse. Und dafür muss man sich dann noch einem Meckerkopp wie Schröder unterwerfen. Da würde ich auch abhauen, unabhängig vom Geld. (Unsummen verdienen die eh nicht.) Um hochzukommen ist Potsdam jedoch ideal.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball
RSS
alles zum Thema Frauenfußball
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite
Sieger im Frauen-Europapokal
Jahr Verein
2011 Olympique Lyon
2010 Turbine Potsdam
2009 FCR Duisburg
2008 1. FFC Frankfurt
2007 FC Arsenal
2006 1. FFC Frankfurt
2005 Turbine Potsdam
2004 Umea IK (Schweden)
2003 Umea IK (Schweden)
2002 1. FFC Frankfurt
Der einzige Europapokal-Wettbewerb im Frauenfußball wurde zur Saison 2009/2010 von "Uefa-Cup" in "Champions League" umbenannt.