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Flüchtlingsaktion der Bundesliga: Nur Verlierer

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BVB-Fans in der Europa League: Protest gegen die "Bild"-Zeitung Zur Großansicht
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BVB-Fans in der Europa League: Protest gegen die "Bild"-Zeitung

Geplant war eine Charity-Aktion für Flüchtlinge, am Ende steht ein PR-Gau. Fans gegen "Bild", Fans gegen Vereine: Chronologie zweier frustrierender Tage für den deutschen Fußball und den guten Zweck.

Am Abend empfängt Zweitliga-Spitzenreiter VfL Bochum den Tabellen-15. Fortuna Düsseldorf, das ist der sportliche Rahmen des Duells der beiden Traditionsklubs. Doch um Sport geht es im Vorfeld dieser Partie nicht. Es geht um die Trikots, genauer gesagt um den linken Ärmel. Die Düsseldorfer Spieler laufen dort mit dem "Wir helfen"-Logo auf, einer Aktion zugunsten von Flüchtlingen. Die Bochumer Profis werden diesen Button nicht tragen.

Zur Vorgeschichte: Dieser linke Trikotärmel sämtlicher Erst- und Zweitligisten ist eine Werbefläche, für die das Logistikunternehmen Hermes bezahlt, damit sein Logo dort zu sehen ist. Eine Vereinbarung mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) sieht vor, dass zweimal pro Jahr diese Fläche für gesellschaftlich relevante Aktionen zur Verfügung gestellt werden kann.

In der vergangenen Saison etwa hatte Hermes zugunsten der Deutschen Krebshilfe auf die Abbildung des eigenen Logos auf dem Ärmel verzichtet. An diesem Spieltag der ersten und zweiten Liga wird dort der "Wir helfen"-Schriftzug prangen, eine Aktion der "Bild"-Zeitung, deren Logo ebenso zu sehen ist wie das von Hermes. Die Teilnahme der 36 Erst- und Zweitligisten an dieser Aktion ist freiwillig.

Am Mittwoch erklärte der FC St. Pauli, er werde nicht an der Aktion teilnehmen. Daraufhin warf "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann dem Klub vor, kein Herz für Flüchtlinge zu haben - und löste eine Welle der Empörung aus.

Nun gehört es zur DNA von "Bild" und ihrem Chef zu provozieren, so versucht die Zeitung ihre Auflage zu steigern. Dass Diekmann aber ausgerechnet dem FC St. Pauli mit dieser Unterstellung kam, also jenem Klub, der mehr als andere in Deutschland für sein soziales Engagement bekannt ist und der eine Woche zuvor ein Freundschaftsspiel gegen Borussia Dortmund zugunsten von Flüchtlingen am Millerntor ausgetragen hatte, darf - um in der Fußballsprache zu bleiben - als klassisches Eigentor gewertet werden.

Spieler vom FC St. Pauli und von Borussia Dortmund: "Refugees welcome" Zur Großansicht
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Spieler vom FC St. Pauli und von Borussia Dortmund: "Refugees welcome"

Diekmann wurde nicht nur von Fans heftig kritisiert, er sorgte auch dafür, dass erst danach andere Vereine dem Beispiel des FC St. Pauli folgten. Der VfL Bochum etwa schrieb, ihn habe "die scharfe Reaktion seitens der 'Bild'-Chefredaktion ob der Absage eines anderen Klubs an die Aktion dazu gebracht, sich mit diesem Verein solidarisch zu zeigen". Daher verzichtet der Klub auf das "Wir helfen"-Logo, ebenso wie der 1. FC Nürnberg, der SC Freiburg, Union Berlin, der MSV Duisburg und der 1. FC Kaiserslautern. Insgesamt sind es also schon sieben. 1860 München wählt einen eigenen Weg und läuft mit dem Logo auf, klebt aber die dazugehörige Bild-Werbung ab.

Geht es nach den Fans, würde sich auch Fortuna Düsseldorf einreihen, Bochums heutiger Gegner. Der Supporters Club Düsseldorf schrieb auf seiner Internetseite: "Daher fordern wir als aktive Fanszene Düsseldorf den Vorstand unseres Vereins auf, sich nicht als Werbeträger für populistische Meinungsmacher herzugeben und sich dieser Aktion ebenfalls zu verweigern." Fortunas Chefetage musste daraufhin einen Tag später erklären, warum das Team dennoch bei der Aktion mitmacht und veröffentlichte auf der F95-Homepage: "Wir als Vorstand stehen bei aller berechtigter Kritik am Vorgehen einer Boulevard-Zeitung für die Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen - Flüchtlingshilfe zählt mehr als ein Boykott."

Viele andere Vereine befinden sich in der ganzen Angelegenheit in einer ähnlichen Zwickmühle wie die Fortuna. Einerseits halten sie die Flüchtlingsaktion an sich für gut und wollen sie auch unterstützen; andererseits wird der Druck von Fanseite mit jedem ausscherenden Klub größer, es Bochum und Co. gleichzutun und sich mit St. Pauli solidarisch zu zeigen (hier eine Übersicht, welche Fangruppen ihren Verein auffordern, sich nicht an der Ärmelaktion zu beteiligen).

So wie der Fortuna-Vorstand denken im Übrigen auch viele Erstligisten. SPIEGEL ONLINE hat alle 18 Klubs schriftlich gefragt, warum sie die Aktion unterstützen. Außer dem FC Bayern München, Borussia Mönchengladbach und Schalke 04 haben alle Vereine geantwortet. Allgemeiner Tenor: Eine Aktion zugunsten von Flüchtlingen ist grundsätzlich gut und daher zu unterstützen. Allerdings sind viele Klubs überhaupt nicht glücklich mit der aktuellen Diskussion.

Mainz 05 etwa schreibt: "Wir schätzen den Wert und die Aussagekraft einer gemeinsamen Aktion höher ein als die derzeit geführte Diskussion und bedauern im Sinne des eigentlichen Themas sehr, dass wir nun zu Erklärungen aufgerufen werden, ob wir uns mit dem FC St. Pauli oder der "Bild"-Zeitung solidarisieren. Unsere Unterstützung und Solidarität gilt den Flüchtlingen." Und in der Antwort des 1. FC Köln heißt es: "Die momentane Kontroverse wird dem eigentlichen Ansinnen nicht gerecht."

Am Ende gibt es bei einer Aktion, bei der die Flüchtlinge die Gewinner sein sollten, nur Verlierer. Was die DFL und Hermes als positives Signal in die (Fußball-) Welt senden wollten, verkehrte sich binnen 48 Stunden ins Gegenteil. Die Klubs müssen sich nun vor ihren Fans rechtfertigen, warum sie einer an sich guten Idee folgen.

Eine Reaktion von Hermes gab es trotz Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht. Die DFL teilte mit, sie werde sich zu der gesamten Diskussion nicht äußern.

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insgesamt 139 Beiträge
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1.
erst nachdenken 18.09.2015
Ich hoffe auf mindestens ein großes Bildnotwelcome Banner in jedem Stadion.
2. St. Pauli
hakmak 18.09.2015
hat nun mal eine bessere Kredebility als Bild. Darum ist es richtig, die Aktion zu boykottieren und stattdessen im Publikum "refugees welcome"-Plakate aufzuhängen.
3. Als Club Fan (Nuernberg)
GueMue 18.09.2015
ist dies die erste Aktion des Club seit dem Pokalsieg dem man Respekt entgegenbringen kann. Hoffe auf Auswirkungen in Spielen.
4. Runter mit dem Logo
mein_standpunkt 18.09.2015
Die BVB Fans auf dem Foto hätten es nicht besser formulieren können! Das Schlimme: Und keiner kapiert es rechtzeitig. Nur langsam wächst die Erkenntnis bei den Vereinen. BILD hetzt (offen und auch subtil) zuerst gegen Griechen, dann gegen sog. Wirtschaftsflüchtlinge und als die sie merken, dass die Grundhaltung in Deutschland gegen sie ist, wird eine Gegenkampagne inisziiert. Der "gute Wille" läßt sich auch ohne BILD Logo zeigen. Imagewerbung getarnt als (preiswertere) soziale Initiative auf den Ärmeln der Spieler: zum K*****. Diekmann wäre bei vielen anderen Redaktionen für seinen Tweet gefeuert worden. Nicht so bei BILD. Denn das ist ja die wirkliche Meinung der Redaktion.
5. Das kommt davon!
Peter Eckes 18.09.2015
Das kommt davon wenn man solche blöden Aktionen initiert und Leute (in diesem Fall Vereine) dazu zwingt "freiwillig" mitzumachen. Solte noch viel öfter schiefgehen so ein Mist! Wer helfen will - gerne, aber dann wirklich freiwillig und nicht von außen erzwungen.
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