Bizarre Kampagnen zur Fußball WM #Wirfuer4 sind #Breitwienie

Die WM ist noch nicht angepfiffen, da nerven Marketing-Strategen und Trittbrettfahrer mit anbiedernden Fußball-Kampagnen. So richtig schlimm wird es, wenn sogar vermeintlich neutrale Journalisten das WM-Fieber packt.

Von

Kommentator Buschmann, Ex-Handballer Kretzschmar: Unterstützer von #wirfuer4

Kommentator Buschmann, Ex-Handballer Kretzschmar: Unterstützer von #wirfuer4


Spätestens, wenn der Nachbar, der sich nur alle zwei Jahre für Fußball interessiert, seinen Wagen mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen behängt, ist es amtlich: Deutschland ist im WM-Fieber. Dass Fieber ungesund ist, zeigt sich dabei nicht nur am Autoverschandlungsritual, das als Überbleibsel des Sommermärchens 2006 vielleicht sogar seine Berechtigung haben mag.

Was für ungesunde Auswirkungen eine Fußball-WM besonders auf Marketingabteilungen und Werbeagenturen hat, konnte man in den vergangenen Wochen wieder deutlich sehen. Zum Beispiel bei Listerine, dem Hersteller eines antibakteriellen Mundwassers, der kein offizieller Sponsor der eingetragenen Fifa-Marke "Worldcup" ist. Im Werbespot dieses Trittbrettfahrers wird die Bevölkerung davor gewarnt, dass die Mundflora eines Fußballfans während der WM ganz besonders heftiger Attacken ausgesetzt wird (Bier, Chips, Bier).

Gegen so viel konstruierte Dämlichkeit wirkt Brasiliens Nationalspieler Dante, der für ein musikalisches Kombi-Anfeuerungs-Lärmgerät namens Combinho von Media Markt wirbt, geradezu authentisch. So richtig unangenehm wird es, wenn die Werbestrategen ihren Marken Kumpanei verordnen. Am besten im Social Media, weil das gerade so in ist.

So wie es Mercedes macht, der offizielle Autopartner der DFB-Elf, der seine Anbiederungskampagne unter dem Slogan #bereitwienie startete. Die Retourkutsche aus eben diesen sozialen Medien fiel entsprechend hämisch aus: Zahlreiche Fußballfans verständigten sich via Twitter darauf, bei dem ein oder anderen WM-Spiel einfach mal "#breitwienie" zu sein.

Fünf Bier für die Männer vom Sägewerk

So richtig zum Fremdschämen wird es, wenn sich vermeintlich unabhängige Journalisten zur PR-Abteilung des deutschen Fußballs erklären. Wenn das Ganze dann noch wie bei Sport1 in einer Social-Media-Kampagne mit dem Namen #wirfuer4 mündet, darf man wohl von Fieberwahn sprechen. Zur Erklärung: Bei #wirfuer4 sollen sich Menschen mithilfe eines selbstgeschossenen Fotos von sich - dem sogenannten Selfie - dazu bekennen, dass Deutschland in Brasilien seinen vierten WM-Titel holt.

Als sei das nicht schon schlimm genug, müssen diese Menschen dabei krampfhaft vier Finger mit aufs Bild bekommen - sozusagen als Symbol der Bewegung. Sieht man die Bilder, muss man unfreiwillig an den alten Witz denken, in dem der Protagonist mit exakt dieser Geste fünf Bier für die Männer vom Sägewerk bestellt.

Die passende Antwort von Menschen in den sozialen Medien, die völlig genervt auf diese Art der Anbiederung reagieren, ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Sie wandelten den Hashtag in eine Parole um, die wohl am Ende wirklich die meisten Fußballfans unterschreiben dürften: #wirfürbier.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.