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Bizarrer Klinik-Auftritt: Patient Daum zwischen Notaufnahme und Seelsorge

Von , Köln

Bühne frei für Christoph Daum: Dem Wunschtrainer des 1. FC Köln war eine branchenübliche Absage offenbar zu unspektakulär. Stattdessen inszenierte er eine Klinik-Show, von der weder Medienvertreter noch der Zweitligist begeistert waren. Immerhin hatten die Patienten Spaß.

Köln-Hohenlind. Es ist ein Auftritt, wie ihn nur Christoph Daum zu inszenieren vermag. Der 53-Jährige, den die meisten Kölner Fußballfans wie einen Messias verehren, betritt durch einem Fahrstuhl die Ebene der Irdischen. Er ist pünktlich, die Uhr zeigt Zehn. Eine Hand kontrolliert die perfekt sitzende Krawatte, dann geht er festen Blickes und mit ernsten Gesichtszügen ein paar Schritte zu einem vorbereiteten Tisch und setzt sich, begleitet von einem lächelnden älteren Herren in einem weißen Kittel.

Die Show kann beginnen. Die Bühne ist ein kleines Foyer im St. Elisabeth-Krankenhaus im gediegenen Kölner Stadtteil Hohenlind, das einen solchen Andrang, ein solches Gewühl mit Sicherheit noch nie erlebt hat. Alle Handlungen und Wege sind hier normalerweise geregelt, die Schilder an den Decken weisen zur "Notaufnahme", zur "Patientenverwaltung/Kasse" oder "Seelsorge".

An diesem Morgen aber sind Chaos und Hektik ausgebrochen, ein wildes Durcheinander, und Schuld ist nicht der Karneval, der eine Stunde später offiziell am Heumarkt unten am Rhein beginnt. "Dass das so eskaliert, hat ja keiner geahnt", stöhnt schon vor der Pressekonferenz Klauspeter Böttler, ein Pfarrer, der hier arbeitet. "Das war so nicht gewollt und geplant", sagt der freundliche Mann, und dann blickt er kopfschüttelnd auf die rund 100 Journalisten und fast 20 TV-Kameras, deren Objektive längst eingerichtet und scharf gestellt worden sind.

Auch viele Patienten nutzen die Gelegenheit und mischen sich unter die Berichterstatter. Im Bademantel und in Hausschuhen schauen sie neugierig abwechselnd auf Daum und in die Blöcke der Journalisten.

Es herrscht Gedrängel im Vorraum der katholischen Klinik. Aber es geht ja auch um etwas. Um den krisengeschüttelten Zweitligisten 1. FC Köln. Und um Christoph Daum, der seit Donnerstag ein konkretes Angebot des Clubs vorliegen hat – das offiziell erste von einem deutschen Verein, seitdem er im Jahr 2000 wegen der spektakulären "Kokain-Affäre" in Leverkusen gefeuert wurde.

Daum sieht ein wenig angeschlagen aus. Aber er hat große Mühe zu verbergen, wie sehr er diese Szene dennoch genießt, diese Aufmerksamkeit, die in diesem Moment nur ihm gilt. Dass er wie kein anderer mit den Medien spielt, dokumentiert jede einzelne seiner Bewegungen. Er schaut nach vorn, dann dreht er sich nach links, dann in aller Seelenruhe nach rechts, jeweils prasselt ein Blitzlichtgewitter auf ihn nieder, bis jeder Fotograf sein Bild hat. Dann räuspert er sich und sagt, nach einer Kunstpause, wie sie sonst nur Schauspieler beherrschen: "Es war eine sehr bedrohliche Situation." Er meint nicht die Lage des FC. Er meint seinen Gesundheitszustand.

"Keine Geschwüre"

Dann übergibt er das Wort an seinen Arzt Jochen Wustrow, der neben ihm Platz genommen hat. Dessen Bulletin fällt knapp aus. "Als Christoph Daum hier am 6. November notfallmäßig eingewiesen wurde, hatte er folgende Beschwerden: Kiefernklemmen, leichte Atemstörung, starke Schluckbeschwerden", sagt der Professor und dementiert Gerüchte um eine Hautkrebserkrankung, eine Spekulation der "Bild"-Zeitung. "Keine Geschwüre", betont Wustrow. Die Mandeln seien entfernt worden, Daum werde sich zwei, drei Wochen erholen müssen. Und: "Es fällt ihm noch schwer zu sprechen." Jedes Wort wird mitgekritzelt, begierig aufgesogen, auch wenn es sich nur um eine Mandeloperation handelt. Aber es sind ja die Mandeln von Christoph Daum.

Danach ergreift wieder die Hauptfigur in diesem Theater das Wort. "Mir geht es etwas besser, aber es ist wichtig, dass ich auf Schonung achte", sagt Daum und fragt dann rhetorisch: "Besteht noch irgendeine andere Frage?" Das ganze Foyer schmunzelt. Und dann erzählt er, jeden Satz auskostend, von der Anfrage des Kölner Managers Michael Meier. "Du bist unser Wunschkandidat", habe Meier ihm am Krankenbett übermittelt. Nur wenige Stunden, nachdem der FC Trainer Hanspeter Latour nach sechs sieglosen Spielen beurlaubt hatte. Daums Antwort: Er wolle demnächst bei einem Club mit "internationalen Perspektiven" arbeiten, in der Champions League. Aber das, und das ist die Antwort, "ist beim 1. FC Köln nicht der Fall". Außerdem sei er "im Moment nicht arbeitsfähig". Er benutzt das Wort Absage nicht, aber natürlich ist es eine.

Der Mann, der von 1986 bis 1990 bei den "Geißböcken" zum Trainerstar aufstieg, übrigens mit dem Manager Michael Meier, drückt es diplomatischer aus, medienkompatibler: "Ich bin hier zu Hause, hier bin ich groß geworden. Da ist sehr emotional, das macht die Sache schwierig. Beim 1. FC Köln ist alles anders, die Leute hängen an diesem Club. Es ist nicht so einfach zu sagen: Nein, das kommt nicht in Frage." Und dann spricht er noch davon, dass der Verein bald wieder "in die Spitzenposition" gebracht werden müsse, "die er vor 16 Jahren hatte" – als er damals geschasst wurde.

Exakt 18 Minuten dauert das bizarre Schauspiel, das kein Dramaturg hätte erfinden können. Abschließend bedankt Daum sich bei denjenigen, die ihm Gesundheit gewünscht haben. "Ich bekam viel Unterstützung und Liebe in den letzten Tagen." Und dann geht er ab, begleitet von den Fotografen, in den Bereich des Hauses, der den Patienten vorbehalten ist. Ihm folgt ein älterer Mann, er schiebt eine rollbaren Ständer vor sich her, an dem eine Flasche mit Kochsalzlösung befestigt ist. Der Mann schüttelt den Kopf und lächelt. Von diesem Tag, an dem der große Fußballtrainer Christoph Daum die Welt über sein Befinden informierte und dem FC absagte, wird auch er noch lange erzählen.

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