Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Blatters Wiederwahl: Fair Play - vergesst es!

Ein Kommentar von

Fifa-Chef Joseph Blatter hat es wieder einmal geschafft. Allen Korruptionsvorwürfen zum Trotz haben ihn die Delegierten für weitere vier Jahre an die Spitze des Fußballweltverbandes gewählt. Dieses Signal ist für den Sport fatal.

Fifa-Boss Blatter: Vier letzte Jahre an der Spitze des Fußballweltverbandes Zur Großansicht
Getty Images

Fifa-Boss Blatter: Vier letzte Jahre an der Spitze des Fußballweltverbandes

Joseph Blatter spricht ausnehmend gerne von der Fifa-Pyramide. Unten ist sie breit. Dort sind all die jugendlichen Fußballspieler weltweit, die kleinen Vereine, die Amateure. Oben läuft sie spitz zu, und ganz oben thront der Fifa-Boss selbst. Dort bleibt er nach seiner deutlichen Wiederwahl vom Mittwoch auch noch einmal vier Jahre. Das System Blatter hat wieder einmal gesiegt, und von der Spitze der Pyramide geht nach diesen turbulenten Tagen von Zürich ein Signal an die gesamte Fußballwelt aus: Ehrlichkeit, Transparenz, Fair Play - vergesst es einfach!

Von Offenheit, von Aufklärung war in Zürich viel die Rede. Das waren Worte. Tatsächlich ging es um Machterhalt, um Intrigen, um Posten, um Geld. Das alles ist an sich nichts Neues bei der Fifa. Blatter ist immer ein Meister der Mehrheitsbeschaffung gewesen, unschlagbar darin, seine Gegner gegeneinander auszuspielen und Bündnispartner für sich zu organisieren.

Aber diesmal waren die Vorwürfe gegen maßgebliche Funktionäre zu massiv geworden, das Image des Verbands zu ramponiert, das Ansehen der Fifa dermaßen beschädigt, dass nur ein nachhaltiger Befreiungsschlag der Organisation zu neuem Renommee hätte verhelfen können. Und das hätte nichts anderes bedeutet als ein personeller Neuanfang an der Spitze des Verbandes.

Nichts davon ist passiert. Blatter hat das alles gedeckelt.

Der Zürcher Kongress bot ein erbärmliches Bild, die Rednerliste war eine einzige Ansammlung aus Ergebenheitsadressen an den alten und neuen Präsidenten, vorgetragen von Claqueuren aus Benin, Zypern oder den Fiji-Inseln. Der englische Delegierte David Bernstein, der wacker für eine Verlegung der Wahl und eine Kampfabstimmung um den Vorsitz warb, wurde wie ein Störenfried und Querulant behandelt. Keiner der großen Sportverbände Europas sprang den Engländern zur Seite. Auch DFB-Chef Theo Zwanziger, der erwartungsgemäß ins Fifa-Exekutivkomitee aufrückte, hatte sich frühzeitig von der Forderung der Briten distanziert.

Eine Familie hat eigene Vorstellungen von Recht und Unrecht

Und immer wieder fiel das Wort von der Fifa-Familie, die sich sämtliche Einmischungen von außen verbittet. In einer Familie gelten nun einmal andere Regeln als in einem staatlichen System. Eine Familie hat ein ganz eigenes Verständnis von Recht, Unrecht, Schuld und Sühne.

Blatter hat angeregt, die WM-Turniere künftig von der Fifa-Vollversammlung, nicht mehr vom Inner Circle des 24köpfigen Exekutivkomitees vergeben zu lassen. Das dürfte Bestechungsversuche in Zukunft möglicherweise ein wenig schwieriger und deutlich teurer machen, mehr aber auch nicht. Zudem ist überhaupt nicht ausgemacht, ob es tatsächlich zu dieser Änderung kommen wird. Blatter hat im Lauf seiner Karriere häufig genug Reformen angekündigt, die dann nie umgesetzt wurden.

Die Suspendierungen der beiden Fifa-Vizepräsidenten Mohammed Bin Hammam und Jack Warner erfolgten erst, als beide sich gegen Blatter zu verbünden begannen. Dann plötzlich wurde die sogenannte Ethikkomission des Verbandes aktiv. Dass Warner und Bin Hammam schon seit Jahren im Ruch der Korruption standen, hat die Fifa dagegen wenig gekümmert, schließlich waren der Asiate Bin Hammam und Warner, der Mann aus Trinidad und Tobago, bis dahin zuverlässige Stimmenlieferanten für den Präsidenten. Es würde niemanden wundern, wenn Blatter beide, jetzt wo seine Wahl gelaufen ist, nach einer gewissen Schamfrist wieder in Ehren aufnimmt. Wie es in einer Familie so üblich ist.

Ein Jugendspieler, der nur seinen Vorteil auf dem Platz ausnutzt, ein Wettbetrüger im Weltfußball, ein Schiedsrichter, der ein Team klar benachteiligt - über all das kann man im Grunde nur noch mit den Schultern zucken. Schließlich lebt der eigene Weltverband vor, worum es im Fußball augenscheinlich geht: Ums eigene Vorwärtskommen, um das Absichern der eigenen Machtposition, um maximalen Profit. Das ist das letztlich Fatale an dem Signal von Zürich. Für die breite Öffentlichkeit sind Fifa und Korruption Schwestern.

Wenn Blatter turnusgemäß 2015 im Alter von 79 Jahren abtreten sollte, hätte er die Fifa insgesamt 16 Jahre geführt. Schon jetzt hat er mehrere handfeste Skandale unbeschadet überstanden, viele wollten ihn schon stürzen, er hat sie alle dank seines Machtinstinkts überlebt. Die Fifa ist durch ihn zu einem Riesen-Konzern geworden, die Weltmeisterschaft sind mittlerweile Gelddruckmaschinen für den Verband. Im WM-Jahr 2010 machte die Fifa einen Gewinn von 202 Millionen Dollar, wie am Mittwoch den Kongressdelegierten als frohe Botschaft mitgeteilt wurde. Der Spitze der Pyramide geht es glänzend. Wie es unten aussieht, ist den alten Männern egal.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. xy
heinz4444 01.06.2011
Wie wäre es dann mit einem Boykott der Unternehmen,die der FIFA viel Geld für Werbung in den Rachen stopfen?
2. Wie lange...
CitizenTM 01.06.2011
... lässt die Schweiz der FIFA die Steuerfreiheit noch durchgehen. €202m Gewinn in 2010. Gemeinnützigkeit kaum zu erkennen. Ein Profit-orientierter Konzern mit einem 100m Hauptsitz. Leider sind die Engländer in diesem Fall die einzigen, die ein richtiges Gespür haben für die Lage. Nicht nur weil sie um die WM betrogen wurden.
3. Sponsoren, macht was!
backfeed 01.06.2011
Zitat von sysopFifa-Chef Joseph Blatter hat es wieder einmal geschafft. Allen Korruptionsvorwürfen zum Trotz haben ihn die Delegierten für weitere vier Jahre an die Spitze des Fußballweltverbandes gewählt. Dieses Signal ist für den Sport fatal. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,766104,00.html
Sollen doch die Sponsoren was machen. Die Geldgeber sind die Einzigen, die was bewegen können. Über uns lacht sich Blatter doch heimlich schlapp.
4. Fifa
Freifrau von Hase 01.06.2011
"Der Spitze der Pyramide geht es glänzend. Wie es unten aussieht, ist den alten Männern egal." Die Fifa - ein Abbild der realen Welt.
5. Pyramide
co2lüge 01.06.2011
Wer kann die FIFA noch eintragen: http://www.talkmoneycafe.com/images/pyramid_of_power.jpg
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Die Präsidenten der Fifa
Amtszeit Präsident
1904-1906 Robert Guérin (Frankreich)
1906-1918 Daniel B. Woolfall (England)
1921-1954 Jules Rimet (Frankreich)
1954-1955 Rodolphe W. Seeldrayers (Belgien)
1955-1961 Arthur Drewry (England)
1961-1974 Stanley Rous (England)
1974-1998 João Havelange (Brasilien)
seit 1998 Joseph Blatter (Schweiz)
Fotostrecke
Fifa-Skandal: Warner suspendiert, Blatter entlastet

Konföderationen der Fifa
Verband Bereich Präsident
AFC Asien Mohamad bin Hammam*
Caf Afrika Issa Hayatou
Concacaf Nord-, Mittelamerika, Karibik Jack Warner**
Conmebol Südamerika Nicolas Leoz
OFC Ozeanien David Chung
Uefa Europa Michel Platini
* nach Suspendierung vertreten durch Jilong Zhang
** nach Suspendierung vertreten durch Lisle Austin
Fotostrecke
Uefa-Kongress: Zwanzigers Aufstieg


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: