Von Mike Glindmeier
Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses Zitat von Kurt Tucholsky beschreibt die Situation in der Fanszene des FC St. Pauli derzeit ziemlich treffend. Eigentlich wollte man am Sonntag gegen den FC Hansa Rostock einmal mehr die Vorreiterrolle in Sachen Wahrung von Fanrechten einnehmen. Doch die Anhänger vom Hamburger Millerntor haben stattdessen eine für viele Fanszenen in Deutschland seit langer Zeit drängende Frage wieder in den Fokus der Diskussion gerückt: Wie weit darf der Einfluss der Ultras in den Kurven gehen?
Auslöser des heftigen Streits war eine Protestaktion, die zahlreiche Fanclubs des FC St. Pauli sowie die Ultra-Gruppierung USP für das Heimspiel der Hamburger gegen Hansa beschlossen hatten. Die Gästefananhänger sollten nach dem gemeinsamen Willen von FC-Vereinsführung und der Hamburger Polizei aufgrund der heftigen Ausschreitungen in der Vergangenheit lediglich 500 personalisierte Eintrittskarten erhalten. Da die St. Pauli-Fans ähnliche Repressalien künftig auch bei ihren Auswärtsfahrten befürchteten, erklärten sie sich solidarisch.
Eine Solidarität, die aufgrund der besonderen Umstände überproportional selbstlos und authentisch hätte wirken können. Schließlich verbindet die Fans beider Vereine eine seit Jahren gewachsene Feindschaft. Doch bei der Durchführung lief so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Geplant war, die Stehplätze in der Südkurve des Millerntor-Stadions erst fünf Minuten nach Anpfiff zu betreten. Doch der freiwillige Stimmungsboykott endete in einer Form von Nötigung und einem tiefen Riss in der St. Pauli-Fanszene.
Schubsereien und gegenseitige Gewaltandrohungen
In den Katakomben der Südkurve spielten sich teilweise unglaubliche Szenen ab. Schwerbehinderte wurden ebenso wenig auf die Ränge gelassen, wie Fans, die sich nicht an der Aktion beteiligen wollten. Ein Augenzeuge spricht bei SPIEGEL ONLINE von Menschen mit Platzangst, die in Panik gerieten, Schubsereien und gegenseitigen Gewaltandrohung an den Aufgängen, die von den Planern des Boykotts blockiert wurden.
"Da zwingen Fans die eigenen Leute dazu, gegen die Einschränkung von Fanrechten zu protestieren, indem sie ihnen das Recht absprechen, selbst zu entscheiden? Das ist völlig absurd", so der Augenzeuge weiter: "Viele wollten ja aus Solidarität draußen bleiben, auch für mich war das selbstverständlich. Aber es geht total über das Ziel hinaus, wenn mich andere Menschen dazu nötigen". Erstmals in der Geschichte des FC St. Pauli wurden die Ultras dann beim Betreten der Kurve fünf Minuten nach dem Anpfiff von den eigenen Leuten massiv bepöbelt: "Scheiß USP" oder "Fußball-Mafia USP" waren noch die druckreiferen Formulierungen.
Viele unorganisierte Anhänger beim FC fragen jetzt sich und den Verein: Wie weit dürfen Ultras gehen? Der Club blieb Antworten darauf bislang schuldig. Dafür wurde umso mehr heiße Luft produziert. "Diese Nötigung wird nicht hingenommen", sagte Corny Littmann nach dem Spiel reflexartig. Dabei gilt ausgerechnet St. Paulis Präsident beim harten Kern der Fans als Verursacher der Proteste, da er die ganze Aktion durch seinen vorauseilenden Gehorsam in Sachen Ausschluss der Gästefans provoziert habe, so die Kritiker.
"Unsolidarisch" und "asozial"
"Wir werden uns zeitnah mit den Organisatoren zusammensetzen und die Vorkommnisse intensiv aufarbeiten", sagte St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ähnliche Antworten hatte es bereits Anfang des Monats gegeben. Damals kochte die Wut gegen die Ultras zum ersten Mal richtig hoch. Da USP die Südkurve selbst verwaltet, ist die Gruppe auch für die Vergabe der rund 2000 Dauerkarten in diesem Bereich zuständig. Der Verein erhofft sich dadurch bessere Stimmung im Stadion.
Doch diese kippte dieses Jahr zum ersten Mal intern, als Hunderte Dauerkartenbesitzer Anfang März leer ausgingen, obwohl sie teilweise über sechs Stunden angestanden hatten. Die Vergabe sei schlecht organisiert gewesen, lautete der Vorwurf. Dadurch hätten sich immer wieder Fans vordrängeln können, während ein Großteil derjeniger, die sich korrekt verhielten, leer ausgingen. Schon damals fielen Adjektive wie "unsolidarisch" und "asozial".
Der Verein demonstrierte in einer Erklärung seine ganze Hilflosigkeit: "Im Nachhinein ist dies nicht zu ändern, wir müssen nun aber sehen, dass wir für die Zukunft besser vorbereitet sind." Gleichzeitig warb der FC in der Erklärung vor rund drei Wochen um Geduld. Um zu sehen, wie man einen Teil der leer ausgegangenen Fans doch noch mit Karten versorgen kann, "müssen aber zunächst eine ganze Menge Daten ausgewertet werden. Von daher bitten wir um Geduld, da dieses Prozedere sich noch etwas hinziehen wird. Wir sind dran!"
Doch die Geduld am Millerntor ist spätestens seit Sonntag restlos aufgebraucht. Selbst St. Paulis Trainer Holger Stanislawski geht mittlerweile auf Distanz zu den eigenen Ultras und lobte nach dem 2:0-Heimsieg gegen den FC Hansa Rostock ausdrücklich die gute Stimmung in der Gegengeraden und der Nordkurve. Ein Schlag ins Gesicht für USP, die stets betonen, alles für den FC St. Pauli zu geben. Das gilt sicher für die Bereiche Choreografie und Anfeuerung, die vor dem Einzug der Ultras zum Jahrtausendwechsel zum Nullpunkt tendierte. Doch die Art und Weise, wie die Ultras auftreten, stößt mittlerweile vielen sauer auf.
Ultra-Ärger auch im Rest der Republik
Mit der Kritik aus den eigenen Reihen müssen derzeit aber auch andere Ultra-Gruppierungen leben. In Bochum zündeten Nürnberger Ultras Rauchpulver und verletzten die eigenen Anhänger zum Teil schwer. Der Verein darf bei zwei Auswärtsspielen keine Stehplatztickets und nur personalisierte Sitzplatzkarten verkaufen. Eine solche Maßnahme trifft aber auch die friedlichen Anhänger und führt mehr und mehr zur Spaltung der Fanszene.
Wie tief die Gräben zwischen Ultras und unorganisierten Fans sind, sieht man auch in Frankfurt. Ultras der Eintracht hatten Ende Februar das Fanprojekt in Karlsruhe überfallen. Solche Einrichtungen gelten jedoch in der Szene als unantastbar. Das Frankfurter Fanprojekt ging daraufhin auf Konfrontationskurs gegen die eigenen Ultras: "Ist die Glorifizierung von gewalttätigen Übergriffen als dem einzigen Mittel der Wahl gegen Feinde aller Art das einzige Überbleibsel einer ehemals lebendigen jugendlichen Subkultur", lautete eine Frage in der Stellungnahme des Projektes.
In ihrer Antwort verwiesen die Frankfurter Ultras auf einen Angriff "auf eine Splittergruppe unseres Mobs auf dem Rückweg von Stuttgart." Hierbei seien "nicht nur Mitglieder unserer Gruppe, sondern auch andere mitreisende Eintrachtfans attackiert" worden. Daher hätten einige aus großer Wut heraus entschlossen, diesen "nicht hinnehmbaren Zustand wieder zu bereinigen. Frankfurt lässt sich nichts gefallen." Fragt sich nur, wie lange sich Fans und Vereine ein solches Verhalten noch gefallen lassen.
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