Blockade statt Boykott auf St. Pauli: Wie weit dürfen Ultras gehen?

Von

Es sollte ein Protest gegen die Einschränkung von Fanrechten werden, am Ende war es Nötigung. Beim FC St. Pauli droht nach dem Spiel gegen Hansa Rostock die Spaltung der Fanszene. Der Streit ist ein gutes Beispiel dafür, wie umstritten die Ultra-Fans sind.

Leere Südkurve auf St. Pauli: Wenn Protest zur Nötigung wird Zur Großansicht
dpa

Leere Südkurve auf St. Pauli: Wenn Protest zur Nötigung wird

Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses Zitat von Kurt Tucholsky beschreibt die Situation in der Fanszene des FC St. Pauli derzeit ziemlich treffend. Eigentlich wollte man am Sonntag gegen den FC Hansa Rostock einmal mehr die Vorreiterrolle in Sachen Wahrung von Fanrechten einnehmen. Doch die Anhänger vom Hamburger Millerntor haben stattdessen eine für viele Fanszenen in Deutschland seit langer Zeit drängende Frage wieder in den Fokus der Diskussion gerückt: Wie weit darf der Einfluss der Ultras in den Kurven gehen?

Auslöser des heftigen Streits war eine Protestaktion, die zahlreiche Fanclubs des FC St. Pauli sowie die Ultra-Gruppierung USP für das Heimspiel der Hamburger gegen Hansa beschlossen hatten. Die Gästefananhänger sollten nach dem gemeinsamen Willen von FC-Vereinsführung und der Hamburger Polizei aufgrund der heftigen Ausschreitungen in der Vergangenheit lediglich 500 personalisierte Eintrittskarten erhalten. Da die St. Pauli-Fans ähnliche Repressalien künftig auch bei ihren Auswärtsfahrten befürchteten, erklärten sie sich solidarisch.

Eine Solidarität, die aufgrund der besonderen Umstände überproportional selbstlos und authentisch hätte wirken können. Schließlich verbindet die Fans beider Vereine eine seit Jahren gewachsene Feindschaft. Doch bei der Durchführung lief so ziemlich alles schief, was schieflaufen konnte. Geplant war, die Stehplätze in der Südkurve des Millerntor-Stadions erst fünf Minuten nach Anpfiff zu betreten. Doch der freiwillige Stimmungsboykott endete in einer Form von Nötigung und einem tiefen Riss in der St. Pauli-Fanszene.

Schubsereien und gegenseitige Gewaltandrohungen

In den Katakomben der Südkurve spielten sich teilweise unglaubliche Szenen ab. Schwerbehinderte wurden ebenso wenig auf die Ränge gelassen, wie Fans, die sich nicht an der Aktion beteiligen wollten. Ein Augenzeuge spricht bei SPIEGEL ONLINE von Menschen mit Platzangst, die in Panik gerieten, Schubsereien und gegenseitigen Gewaltandrohung an den Aufgängen, die von den Planern des Boykotts blockiert wurden.

"Da zwingen Fans die eigenen Leute dazu, gegen die Einschränkung von Fanrechten zu protestieren, indem sie ihnen das Recht absprechen, selbst zu entscheiden? Das ist völlig absurd", so der Augenzeuge weiter: "Viele wollten ja aus Solidarität draußen bleiben, auch für mich war das selbstverständlich. Aber es geht total über das Ziel hinaus, wenn mich andere Menschen dazu nötigen". Erstmals in der Geschichte des FC St. Pauli wurden die Ultras dann beim Betreten der Kurve fünf Minuten nach dem Anpfiff von den eigenen Leuten massiv bepöbelt: "Scheiß USP" oder "Fußball-Mafia USP" waren noch die druckreiferen Formulierungen.

Viele unorganisierte Anhänger beim FC fragen jetzt sich und den Verein: Wie weit dürfen Ultras gehen? Der Club blieb Antworten darauf bislang schuldig. Dafür wurde umso mehr heiße Luft produziert. "Diese Nötigung wird nicht hingenommen", sagte Corny Littmann nach dem Spiel reflexartig. Dabei gilt ausgerechnet St. Paulis Präsident beim harten Kern der Fans als Verursacher der Proteste, da er die ganze Aktion durch seinen vorauseilenden Gehorsam in Sachen Ausschluss der Gästefans provoziert habe, so die Kritiker.

"Unsolidarisch" und "asozial"

"Wir werden uns zeitnah mit den Organisatoren zusammensetzen und die Vorkommnisse intensiv aufarbeiten", sagte St. Paulis Pressesprecher Christian Bönig auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Ähnliche Antworten hatte es bereits Anfang des Monats gegeben. Damals kochte die Wut gegen die Ultras zum ersten Mal richtig hoch. Da USP die Südkurve selbst verwaltet, ist die Gruppe auch für die Vergabe der rund 2000 Dauerkarten in diesem Bereich zuständig. Der Verein erhofft sich dadurch bessere Stimmung im Stadion.

Doch diese kippte dieses Jahr zum ersten Mal intern, als Hunderte Dauerkartenbesitzer Anfang März leer ausgingen, obwohl sie teilweise über sechs Stunden angestanden hatten. Die Vergabe sei schlecht organisiert gewesen, lautete der Vorwurf. Dadurch hätten sich immer wieder Fans vordrängeln können, während ein Großteil derjeniger, die sich korrekt verhielten, leer ausgingen. Schon damals fielen Adjektive wie "unsolidarisch" und "asozial".

Der Verein demonstrierte in einer Erklärung seine ganze Hilflosigkeit: "Im Nachhinein ist dies nicht zu ändern, wir müssen nun aber sehen, dass wir für die Zukunft besser vorbereitet sind." Gleichzeitig warb der FC in der Erklärung vor rund drei Wochen um Geduld. Um zu sehen, wie man einen Teil der leer ausgegangenen Fans doch noch mit Karten versorgen kann, "müssen aber zunächst eine ganze Menge Daten ausgewertet werden. Von daher bitten wir um Geduld, da dieses Prozedere sich noch etwas hinziehen wird. Wir sind dran!"

Doch die Geduld am Millerntor ist spätestens seit Sonntag restlos aufgebraucht. Selbst St. Paulis Trainer Holger Stanislawski geht mittlerweile auf Distanz zu den eigenen Ultras und lobte nach dem 2:0-Heimsieg gegen den FC Hansa Rostock ausdrücklich die gute Stimmung in der Gegengeraden und der Nordkurve. Ein Schlag ins Gesicht für USP, die stets betonen, alles für den FC St. Pauli zu geben. Das gilt sicher für die Bereiche Choreografie und Anfeuerung, die vor dem Einzug der Ultras zum Jahrtausendwechsel zum Nullpunkt tendierte. Doch die Art und Weise, wie die Ultras auftreten, stößt mittlerweile vielen sauer auf.

Ultra-Ärger auch im Rest der Republik

Mit der Kritik aus den eigenen Reihen müssen derzeit aber auch andere Ultra-Gruppierungen leben. In Bochum zündeten Nürnberger Ultras Rauchpulver und verletzten die eigenen Anhänger zum Teil schwer. Der Verein darf bei zwei Auswärtsspielen keine Stehplatztickets und nur personalisierte Sitzplatzkarten verkaufen. Eine solche Maßnahme trifft aber auch die friedlichen Anhänger und führt mehr und mehr zur Spaltung der Fanszene.

Wie tief die Gräben zwischen Ultras und unorganisierten Fans sind, sieht man auch in Frankfurt. Ultras der Eintracht hatten Ende Februar das Fanprojekt in Karlsruhe überfallen. Solche Einrichtungen gelten jedoch in der Szene als unantastbar. Das Frankfurter Fanprojekt ging daraufhin auf Konfrontationskurs gegen die eigenen Ultras: "Ist die Glorifizierung von gewalttätigen Übergriffen als dem einzigen Mittel der Wahl gegen Feinde aller Art das einzige Überbleibsel einer ehemals lebendigen jugendlichen Subkultur", lautete eine Frage in der Stellungnahme des Projektes.

In ihrer Antwort verwiesen die Frankfurter Ultras auf einen Angriff "auf eine Splittergruppe unseres Mobs auf dem Rückweg von Stuttgart." Hierbei seien "nicht nur Mitglieder unserer Gruppe, sondern auch andere mitreisende Eintrachtfans attackiert" worden. Daher hätten einige aus großer Wut heraus entschlossen, diesen "nicht hinnehmbaren Zustand wieder zu bereinigen. Frankfurt lässt sich nichts gefallen." Fragt sich nur, wie lange sich Fans und Vereine ein solches Verhalten noch gefallen lassen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
averell 29.03.2010
ich hab schon vor 25 jahren bei st. pauli auf der tribüne gestanden, aber was sich die ultras heutzutage rausnehmen ist unerträglich geworden. anfeuern ja, choreografien meinetwegen auch - aber rücksichtslose nötigung von fans die nicht genauso verquer denken kann einfach nicht sein.
2. Ultra.....die Apokalypse?
locust 29.03.2010
Richtig ist, die Aktion gestern vor dem Spiel in der Süd geht nicht klar. Für Rechte demonstrieren und sich über die Rechte einiger St. Pauli Fans hinwegsetzen passt nicht zusammen. Daraus aber nun einen Bürgerkrieg zu machen spottet jeglicher Beschreibung. Der Streit zwischen USP und unorganisierten Fans lodert schon seit Monaten. Es wird von der Vereinnahmung der Süd und des zur Verfügung stehenden Kartenkontingents, zu viel Einmischung in clubinterne Angelegenheiten, zuviel belanglose Gesangswerke, zu viel Stress mit der Polizei etc. gesprochen. Das inakzeptable Verhalten gestern ruft nun all die Geister auf den Plan, die schon seit langem USP und Ultra-Kultur aus den Stadien verbannen wollen. Diejenigen die für ihren Verein leben, wöchentlich mit großartigen Choreos n Erscheinung treten, sich gegen einen vollkommen kommerziell angelegten Fussballevent für Besserverdiener aussprechen, gegen Auswärtsspielterminierungen, die es dem Fussballfan unmöglichen Auswärts zu fahren (nebenbei, St. Pauli plus ALLEM drumherum macht die Heimstadien voll), Support (man möge sich bitte mal München, Frankfurt, Jena u.a. ohne den Support der Ultras vorstellen) u.s.w. Gibt dies den Ultras nun mehr Rechte? Nein, natürlich nicht. Aber St. Pauli und seine Fans standen schon immer für die Akzeptanz des anderen in der Fanszene und so sollte es auch bleiben. Die Vorfälle müssen intern geklärt, ein Konsens muss gefunden werden. Kurzfristig angelegte Modelle und Forderungen, wie zum Beispiel die Forderung nach "Ultra-freien Kurven" und Stadienverboten werden keine Änderung mit sich bringen, ausser dass offensichtlich wird, das angewandte Repressions- und Law and order Methoden der politisch herrrschenden Kaste wirklich übernommen werden, mit dem gleichen Ziel: Nach mir die Sinnflut. Und das hat dann mit Solidarität und Rechten genauso wenig zu tun. Ultras müssen ihr eigenes Handeln überdenken und reflektieren, insbesondere bei der Wahl einiger Mitte (die Gewaltfrage sollte schnellstmöglich geklärt werden). Unorganisierte Fans müssen sich überlegen ob sie wirklich Fussball inmitten von Vip-Loungen, Catering- Servicepoints, "Mitklatsch-Animation an der Decke" erleben möchten. Und alle zusammen müssen miteinander mehr reden, versuchen die Beweggründe der anderen zu verstehen und lernen Zugeständnisse zu machen, weil es nur so geht!
3. Kindergarten
Berta, 29.03.2010
Zitat von sysopEs sollte ein Protest gegen die Einschränkung von Fanrechten werden, am Ende war es Nötigung. Beim FC St. Pauli droht nach dem Spiel gegen Hansa Rostock die Spaltung der Fanszene. Der Streit ist ein gutes Beispiel dafür, wie umstritten die Ultra-Fans sind. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,686198,00.html
Brot und Spiele oder wie war das.
4. alle sind Verlierer
Crom 29.03.2010
Die Ultras, aber auch alle anderen Fans, müssen einfach endlich verstehen, dass es nur miteinander und nicht gegeneinander gehen. Wenn das so weiter geht, sind am Ende alle Verlierer.
5. Fußball gehört der friedlichen Mehrheit!!!
tweet4fun 29.03.2010
Zitat von sysopEs sollte ein Protest gegen die Einschränkung von Fanrechten werden, am Ende war es Nötigung. Beim FC St. Pauli droht nach dem Spiel gegen Hansa Rostock die Spaltung der Fanszene. Der Streit ist ein gutes Beispiel dafür, wie umstritten die Ultra-Fans sind. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,686198,00.html
Die Diktatur der Ultras ist doch schon fast ein trauriger Witz. Und diese Idioten verantworten auch noch die Kartenvergabe. Diese gesamte Praxis, gepaart mit der Gewaltbereitschaft, schadet nicht nur den Vereinen im einzelnen sondern dem Fußball insgesamt. Hier sollte neu gedacht werden! Der DFB könnte doch ein Zentralregister schaffen, in dem sich jeder Bürger kostenfrei eintragen lassen kann. Die Verkaufsstellen für Eintrittskarten wären per Computer damit verbunden. Wird ein "Fan" polizeilich aktenkundig wegen Gewalt oder ähnlichen Verstößen, fließt diese Information in dieses Zentralregister ein. Der Name dieser Person wird dann für die nächste Saison geperrt und erhält nirgendwo eine Eintrittskarte. Bei Mehrfachverstößen kann die Sperre verlängert werden. Auch Richter sollten die Möglichkeit haben, Personen den Stadionzutritt auf Zeit zu verbieten, mit zusätzlicher Strafandrohung. Die Idee kam mir eben spontan und ist nicht völlig durchdacht - zugegeben. Aber es müßte doch möglich sein, gewalttätige "Fans" aus den Stadien herauszuhalten und den Ultras den Hahn abzudrehen. Im Sinne des Fußballsports, der einer überwältigenden Mehrheit Spaß, Spannung und Abwechslung bringt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Gewalt im Fußball
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 27 Kommentare
Themenseiten Fußball
Tabellen