Blutbad im Stadion von Port Said "Wir werden nie wieder Fußball spielen"

Das Blutbad im Fußballstadion von Port Said hat offenbar auch für den FC Bayern Ägyptens Konsequenzen: Vor den Augen der Spieler wurden mehr als 70 Menschen getötet - jetzt wollen die Kicker von Al-Ahly mit dem Profisport aufhören. Die Verbandsspitze ist mittlerweile entlassen worden.

Von und


Für Torwart Scharif Ikrami steht fest: "Es ist vorbei." Der Spieler von Al-Ahly war Zeuge des Blutbads im Stadion von Port Said, befand sich Sekunden nach der 1:3-Niederlage bei Al-Masry plötzlich inmitten Tausender verfeindeter Fans, die sich gegenseitig schlugen, zertrampelt wurden. Der Profi hat überlebt. Und genau wie seine Kollegen will er nun nie mehr auf den Rasen zurückkehren.

"Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fußball spielen werden", sagte er dem privaten Fernsehsender ONTV. Macht die Mannschaft Ernst, wäre es das Ende für den beliebtesten Fußballclub Ägyptens. Schon 37-mal hat Al-Ahly den Meistertitel geholt, seit 2005 sieben Mal in Folge. Doch der Schock über die Ereignisse vom Mittwochabend könnte die Geschichte des Vereins nun abrupt beenden.

"Da sind Leute vor unseren Augen gestorben", sagte Ikrami, der selbst bei den Krawallen verletzt wurde. Wie könne es möglich sein, da wieder Fußball zu spielen. "Wir können überhaupt nicht daran denken." Anhänger des Heimclubs Al-Masry stürmten am Mittwochabend das Spielfeld, attackierten Spieler und Fans von Ikramis Team Al-Ahly. Mehr als 70 Menschen starben, mindestens tausend wurden verletzt.

Fotostrecke

16  Bilder
Ausschreitungen nach Fußballspiel: Drama in Port Said
"Diese Zwischenfälle können überall auf der Welt passieren", sagte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Ägyptens oberster Militär. Damit hat er angesichts der neuesten Erkenntnisse wohl recht, wonach die Gewalt womöglich eine geplante Aktion von Anhängern des vor einem Jahr gestürzten Staatschefs Husni Mubarak war.

Mittlerweile ist die gesamte Spitze des ägyptischen Fußballverbandes entlassen worden. Ägyptens Premierminister Kamal Al-Ganzouri verkündete am Donnerstag bei der Krisensitzung des Kabinetts, dass sowohl der Präsident als auch die anderen Vorstandsmitglieder wegen der schrecklichen Ereignisse von ihren Aufgaben entbunden worden seien.

In Port Said soll ein Großteil der Polizisten bereits vor dem Schlusspfiff abgezogen worden sein. Die übrig gebliebenen Sicherheitskräfte, teils auf Klappstühlen sitzend, eilten niemandem zur Hilfe. Der Gouverneur von Port Said war bei dem Spiel nicht anwesend - zum ersten Mal in der Geschichte. Der Premierminister hat mittlerweile den Rücktritt des Gouverneurs angenommen.

Das Desaster konnte allerdings auch seinen Lauf nehmen, weil der Schiedsrichter die Partie anpfiff - trotz ersten Unruhen vor Spielbeginn. Das zeigen Bilder der Fernsehkameras. Schon früh schafften es einige Zuschauer in der nur 18.000 Menschen fassenden Arena in Port Said, die Tribünen zu verlassen. Auf der Laufbahn neben dem Spielfeld liefen sie ungehindert hin und her, einige brannten nur wenige Meter hinter einem Tor Bengalos ab.

Solche Provokationen sind im deutschen Profispielbetrieb kaum mehr denkbar. In Deutschland werden mittlerweile nahezu jedes Wochenende Hochsicherheitsspiele durchgeführt - mit dementsprechenden Vorkehrungen. Trifft der FC St. Pauli auf den Erzrivalen Hansa Rostock, werden die ohnehin schon hohen Sicherheitsvorkehrungen noch ausgebaut. Bei den vergangenen Begegnungen sollten bis zu 1800 Polizeibeamte dafür sorgen, dass die rund 20.000 Zuschauer das Nordderby in Sicherheit verfolgen können - was nicht immer gelang.

"Treffen der Vergeltung"

Zudem stellen die Vereine nochmals eigene Ordner, bei solch brisanten Duellen bis zu 350 zusätzliche Sicherheitskräfte. Diese sollen besonders bei der Einlasskontrolle dafür sorgen, dass Fans keine verbotenen Gegenstände wie Waffen, Pyrotechnik oder Schmähtransparente mit in den Innenbereich des Stadions schmuggeln, um Provokationen zwischen den verfeindeten Fanlagern zu verhindern. Rund um das Stadion versuchen szenekundige Beamte vor den Spielen, bekannte Gewalttäter für die Dauer des Spiels aus dem Verkehr zu ziehen.

Diese Maßnahmen hätten in Ägypten sicher eine Tragödie solchen Ausmaßes verhindert, zumal das Gewaltpotential der Anhänger lange bekannt ist. Amr Fahmy ist Sprecher der "Ultras Ahlawy", der größten Ultra-Gruppierung des ägyptischen Traditionsvereins. Die Ultras gehörten zu den aktivsten Kämpfern der ägyptischen Revolution.

Dem Magazin "11FREUNDE" sagte Fahmy im Frühjahr 2011: "Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten. Und Sie können mir glauben, dass wir mit prügelnden Polizisten in den vergangenen Jahren sehr viele Erfahrungen gemacht haben. Das war ein Krieg, und wir haben ihn gewonnen."

Das Spiel in Port Said war bereits vor Beginn von einigen Zeitungen als "Treffen der Vergeltung" bezeichnet worden. Die beiden Vereine gelten seit Jahren als verfeindet, der Tabellenführer Al-Ahly aus der Hauptstadt Kairo gewann seit Wochen Spiel um Spiel.

Im Stadion kümmerte sich einer der Schiedsrichter-Assistenten vor Anpfiff gemäß den Vorschriften sorgsam um ein Tornetz, während hinter ihm Leuchtraketen in Richtung Spielfeld flogen. Das Netz muss sicher im Boden verankert sein, um eine Verletzungsgefahr für die Torhüter auszuschließen. Stunden später wirkt sein Einsatz wie sinnloser Aktionismus.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
robinato 02.02.2012
1. Unklar
Zitat: " "Diese Zwischenfälle können überall auf der Welt passieren", sagte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Ägyptens oberster Militär. Damit hat er angesichts der neuesten Erkenntnisse wohl recht, wonach die Gewalt womöglich eine geplante Aktion von Anhängern des vor einem Jahr gestürzten Staatschefs Husni Mubarak war." Ich fnde, dieser Absatz ergibt keinen Sinn. Oder verstehe ich ihn einfach nicht?
lifeguard 02.02.2012
2.
Zitat von robinatoZitat: " "Diese Zwischenfälle können überall auf der Welt passieren", sagte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Ägyptens oberster Militär. Damit hat er angesichts der neuesten Erkenntnisse wohl recht, wonach die Gewalt womöglich eine geplante Aktion von Anhängern des vor einem Jahr gestürzten Staatschefs Husni Mubarak war." Ich fnde, dieser Absatz ergibt keinen Sinn. Oder verstehe ich ihn einfach nicht?
dann frag ich mich, von wem sie geplant wurde. diese trägödie spielt dem militärrat in die hände. und ich denk mal, das einzelne leute innerhalb des rates dahinterstehen. dazu passt vor allem, das in der stadt das militär aufmarschiert ist, warum wohl? garantiert um davonabzulenken, das die eskalation provoziert worden ist.
Connor Larkin 02.02.2012
3. Fifa
Zitat: Mittlerweile ist die gesamte Spitze des ägyptischen Fußballverbandes entlassen worden. Ägyptens Premierminister Kamal Al-Ganzouri verkündete am Donnerstag bei der Krisensitzung des Kabinetts, dass sowohl der Präsident als auch die anderen Vorstandsmitglieder wegen der schrecklichen Ereignisse von ihren Aufgaben entbunden worden seien. Jetzt muss auserdem Ägypten von der FIFA gesperrt werden, denn eine Einmischung der Regierung in Verbandsangelegenheiten, sprich die Entlassung des Vorstands ist nicht erlaubt. Mal sehen ob die FIFA sich in diesem Fall traut ihre Statuten durchzusetzen.
BEASTIEPENDENT 02.02.2012
4.
Zitat von robinatoZitat: " "Diese Zwischenfälle können überall auf der Welt passieren", sagte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Ägyptens oberster Militär. Damit hat er angesichts der neuesten Erkenntnisse wohl recht, wonach die Gewalt womöglich eine geplante Aktion von Anhängern des vor einem Jahr gestürzten Staatschefs Husni Mubarak war." Ich fnde, dieser Absatz ergibt keinen Sinn. Oder verstehe ich ihn einfach nicht?
Dieser Absatz ergibt in der Tat nur dann einen Sinn, wenn "überall auf der Welt" ein Militärrat nach einer Diktatur regieren würde. Das ist natürlich nicht der Fall und darum ist die Aussage des Autors nach der Äußerung des Militärs sehr prekär!
uinen_osse 03.02.2012
5. Ihnen geht es wie mir
Zitat von robinatoZitat: " "Diese Zwischenfälle können überall auf der Welt passieren", sagte Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, Ägyptens oberster Militär. Damit hat er angesichts der neuesten Erkenntnisse wohl recht, wonach die Gewalt womöglich eine geplante Aktion von Anhängern des vor einem Jahr gestürzten Staatschefs Husni Mubarak war." Ich fnde, dieser Absatz ergibt keinen Sinn. Oder verstehe ich ihn einfach nicht?
wenn man hört und liest wie die Militärführung gegen Demonstranten vorgeht ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.