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Duell der Boateng-Brüder: Vorteil Jérôme

Aus Fortaleza berichten und

Duell der Brüder: Boateng gegen Boateng Fotos
AP/dpa

Zum vierten Mal spielen die Boateng-Brüder in einem wichtigen Match gegeneinander. Bisher ging Jérôme immer als Sieger vom Feld - ein Beleg für die erfolgreichere Karriere des Jüngeren.

SPIEGEL ONLINE Fußball
Jérôme Boatengs Brille sitzt fest auf der Nase, das Basecap auf seinen Haaren. Der Innenverteidiger der deutschen Nationalmannschaft spricht leise, die letzten Worte eines Satzes verschluckt er fast immer. Selbst nach einem so aufwühlenden Spiel wie dem 4:0-Erfolg über Portugal zeigt er kaum eine emotionale Regung.

Sein Bruder Kevin-Prince ist anders. Wo der "Prince" steht, stehen meistens auch etliche andere Menschen. Der Mittelfeldspieler hat eine tiefe Stimme, seine Worte kommen immer mit einer ordentlichen Portion Lautstärke dahergeflogen, ihm wird zugehört. Kevin-Prince Boateng liebt die Aufmerksamkeit. Jérôme will nur Fußball spielen.

So unterschiedlich die Charaktere der beiden Brüder sind, so verschieden sind auch ihre Karrieren bislang verlaufen. Vor dem zweiten WM-Gruppenmatch, dem vierten Pflichtspiel, in dem die Brüder aufeinander treffen, wird das besonders deutlich. Der jüngere zeigt dem älteren Bruder zurzeit, wie man eine erfolgreiche Laufbahn zu gestalten hat.

Jérôme Boateng hat mittlerweile zwei Meisterschaften, drei Pokalsiege (einer davon in England), den Champions-League-Triumph sowie den europäischen Supercup und den Weltpokal gefeiert. Kevin-Prince Boateng ist italienischer Meister und englischer Ligapokalsieger - zu wenig für einen hochveranlagten Fußballer wie ihn.

"Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung"

Der Karriere-Abzweig der beiden Brüder hat einen Anfangspunkt: im Sommer 2009. Während Jérôme Boateng mit der U21-Auswahl den EM-Titel in Schweden feierte, gemeinsam mit heutigen A-Nationalspielern wie Mesut Özil, Sami Khedira oder Mats Hummels, schaute der eineinhalb Jahre ältere Kevin-Prince Boateng mit Groll aus Deutschland zu. Kaum ein anderer Spieler hat so viele Jugend- und Juniorenländerspiele für Deutschland bestritten (insgesamt 45) wie der ältere Boateng. Kevin-Prince durchlief von der U15 bis zur U21 alle deutschen Nachwuchsteams.

Wenige Tage vor der Abreise zur U21-Europameisterschaft nach Schweden, wo er eigentlich als Führungsspieler das Team leiten sollte, strich ihn der damalige Trainer Horst Hrubesch aus dem Turnierkader. Disziplinlosigkeiten wurden vom DFB als Grund kommuniziert. Der damalige Sportdirektor Matthias Sammer attestierte Kevin-Prince "Probleme in der Persönlichkeitsentwicklung". Boateng antwortete, er kenne Sammer überhaupt nicht. Der Bruch mit dem deutschen Fußballverband war vollzogen.

Während Jérômes Karriere Dynamik entwickelte und er sich mit starken Leistungen über den Hamburger SV, Manchester City bis zu einem Stammplatz der Triple-Mannschaft von Bayern München spielte, begann für Kevin-Prince eine berufliche Achterbahnfahrt. Von Hertha BSC ging es zu Tottenham nach London, von wo er zwischenzeitlich zu Borussia Dortmund verliehen wurde. Es folgten Stationen beim FC Portsmouth, dem FC Genua, dem großen AC Mailand und nun bei Schalke 04. Und dazwischen die Entscheidung, dass er seine weitere Länderspielkarriere für Ghana und nicht mehr für Deutschland bestreiten wolle.

Seinen Ruf, schwer steuerbar zu sein, hatte er da längst weg. Mal feierte er mit einem Mannschaftskollegen so wild, dass in einer Berliner Straße am nächsten Morgen an etlichen Autos die Seitenspiegel fehlten. Sein Foul an Michael Ballack im englischen Pokalfinale 2010 ist mittlerweile ein Stück deutscher Fußballgeschichte. Ballack musste verletzt auf die WM in Südafrika verzichten, Kevin-Prince Boateng wurde zum Feindbild deutscher Fans.

Keine Kommunikation während der WM

Zwischen ihm und Bruder Jérôme herrschte lange Funkstille. "Wir haben uns gestritten, danach riss der Kontakt für eine Weile ab. Ich fand sein Foul und die Reaktion danach nicht gut", sagt Jérôme. Der jüngere, sensibler wirkende Bruder konzentrierte sich darauf, seine Leistung in den Folgejahren zu stabilisieren, seine Unkonzentriertheiten abzulegen. Und er akzeptierte die Entscheidungen seiner Trainer.

Als Joachim Löw ihm 2012 bei der EM die Rolle des rechten Außenverteidigers auftrug, nahm Jérôme ohne Murren an. Und neutralisierte im Gruppenspiel gegen Portugal Cristiano Ronaldo.

Heute ist das Thema brüderlicher Rivalität ausgeräumt. "Wir haben uns mittlerweile wieder ausgesprochen und sehen uns, so oft es geht", sagt Jérôme. Während der WM stellen die Brüder die Kommunikation jedoch ein, man wolle sich auf das Turnier konzentrieren. So bekam Jérôme lediglich aus den Medien mit, dass der Bruder seinen Nationaltrainer kritisierte, mit Lustlosigkeiten während des Trainings auffiel - und zuvor auch die deutsche Mannschaft attackiert hatte.

Kevin-Prince hat zwar bei Schalke 04 eine starke Bundesligasaison gespielt, dennoch durfte er beim WM-Auftakt lediglich eine knappe halbe Stunde spielen. Ghana verlor 1:2 gegen die USA und blickt vor dem Spiel gegen Deutschland bereits in den Abgrund. Jérôme hingegen peilt den Weltmeistertitel an.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Tom Joad 21.06.2014
Kevin Prince der Bad Guy, Jérôme der Sensible ... Ganz so einfach ist das nun auch wieder nicht. Jérôme hat sich zwar enorm(!) gebessert, aber wenn er sich auf dem Feld vergisst, ist er immer noch für ein völlig unnötiges Foul zu haben, das dann gerne auch mal eine Rote und/oder einen Elfer nach sich zieht. Ich bin wirklich froh, dass er dabei ist, doch ein gewisses Restrisiko bleibt. Die beiden Boatengs haben übrigens noch einen Bruder. Der ist nun wieder ganz anders und hat mit Fußball nichts am Hut.
2. Toller Vergleich
kutny 21.06.2014
Geht's darum wer der bessere Fussballer ist oder der angepasstere Ja-Sager. Man muss natürlich nicht mit allem einer Meinung sein, was Typen wie Boateng, Ibrahimovic, Ballotelli etc. sagen oder machen, trotzdem ist es natürlich ihr Recht einen anderen Weg zu wählen als die angepassten Typen wie Özil, Jerome etc. By the way solche Leute sind mit lieber als alle diese vermeintlichen Vorbilder mit den ganzen tollen Werbespots im Fernsehen: Löw (mehrmaliges vorsätzliches Zuschnellfahren), Uli, Rummenige, Kaiser Franz: (Steuervermeider, Steuerhinterzieher etc.), alles vornerum anständige Leute(Vorbilder), hinterum bigott und scheinheilig. Leute wie Prince Boateng sagen halt was sie denken, man muss natürlich nicht einer Meinung sein, trotzdem ist das ehrlicher und sympathischer. Mit wem wäre den z.B. der beliebteste deutsche Tatortkommissar lieber befreundet? Mit Kevin oder Jerome, Özil oder Ibrahimovic? Und sich von Sammler sagen lassen müssen wie man sich charakterlich entwickeln sollte ist ja wirklich eher lustig.
3. Erfolgreichere Karriere?
_scout_ 21.06.2014
naja beide sind Millionäre, Jerome verdient etwas mehr und spielt in zwei Mannschaften in denen er mehr gute Mitspieler hat, dafür ist Prince in seiner Mannschaft und auf Schalke eher ein Star, während Jerome bei Bayern und der Nationalmannschaft nur einer von vielen Spielern ist. Natürlich ein wichtiger Spieler aber er steht nicht so sehr im Mittelpunkt üblicherweise, liegt auch daran dass Offensivspieler halt mehr im Rampenlicht stehen.
4.
metronomfahrer 21.06.2014
Das ein Boateng-Bruder bei Ghana spielt, der andere für Deutschland, ist der beste Beleg dafür Länderspiele wegen Absurdität abzuschaffen.
5.
Tom Joad 21.06.2014
Zitat von kutnyGeht's darum wer der bessere Fussballer ist oder der angepasstere Ja-Sager. Man muss natürlich nicht mit allem einer Meinung sein, was Typen wie Boateng, Ibrahimovic, Ballotelli etc. sagen oder machen, trotzdem ist es natürlich ihr Recht einen anderen Weg zu wählen als die angepassten Typen wie Özil, Jerome etc. By the way solche Leute sind mit lieber als alle diese vermeintlichen Vorbilder mit den ganzen tollen Werbespots im Fernsehen: Löw (mehrmaliges vorsätzliches Zuschnellfahren), Uli, Rummenige, Kaiser Franz: (Steuervermeider, Steuerhinterzieher etc.), alles vornerum anständige Leute(Vorbilder), hinterum bigott und scheinheilig. Leute wie Prince Boateng sagen halt was sie denken, man muss natürlich nicht einer Meinung sein, trotzdem ist das ehrlicher und sympathischer. Mit wem wäre den z.B. der beliebteste deutsche Tatortkommissar lieber befreundet? Mit Kevin oder Jerome, Özil oder Ibrahimovic? Und sich von Sammler sagen lassen müssen wie man sich charakterlich entwickeln sollte ist ja wirklich eher lustig.
Meinen Sie den, der schon seine minderjährigen Kinder für die von Ihnen so verachtete Fernsehreklame missbraucht? Wüsste nicht, wieso der hier relevant sein sollte.
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1986 Mexiko Argentinien
1982 Spanien Italien
1978 Argentinien Argentinien
1974 Deutschland Deutschland
1970 Mexiko Brasilien
1966 England England
1962 Chile Brasilien
1958 Schweden Brasilien
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1938 Frankreich Italien
1934 Italien Italien
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