Dortmund in Istanbul Champions League, das notwendige Übel

Wann endet die Misere? Wieder muss Dortmund den Liga-Frust in der Champions League bewältigen. In der größten Krise der Ära Jürgen Klopp wirkt auch der Trainer angefasst. Vor der Partie gegen Galatasaray erhöht er den Druck auf das Team.

Aus Istanbul berichtet


Champions League. Was für ein Mist.

Es gibt bei Borussia Dortmund natürlich niemanden, der vor dem Auswärtsspiel bei Galatasaray Istanbul (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) diese Worte wählen würde. Der Europacup-Auftritt in der Türkei kommt dem angeschlagenen Bundesligisten allerdings so gelegen wie der unangekündigte Besuch der Schwiegermutter zum sonntäglichen Kaffeekränzchen. Tendenziell lästig.

Sicher, in der Champions League hat Borussia Dortmund derzeit die geringsten Sorgen. Nach zwei Gruppenspielen und zwei Siegen (5:0 Tore) ist der Wettbewerb mit Europas Besten der mit dem größten Wohlfühlfaktor für den in der Bundesliga taumelnden Vizemeister. Doch längst haben die bitteren Eindrücke aus dem Liga-Alltag ihre Spuren hinterlassen. Allen voran bei Jürgen Klopp, der am Abend vor der Partie natürlich alles tat, um zu betonen, wie passend es sei, am Mittwoch das nächste Pflichtspiel absolvieren zu müssen: "Wir wollen jede Minute Fußball nutzen, um nach vorne zu kommen. Und wenn es in der Champions League ist."

Es ist verständlich, dass der Coach so spricht. Dennoch darf man annehmen, dass Klopp nur zu gerne die Woche in Dortmund genutzt hätte, um an der Abstimmung und den Automatismen einer Mannschaft zu arbeiten, die dem Erfolgscoach (Meister 2011 und 2012, DFB-Pokalsieger 2012) inzwischen Rätsel aufgibt. Entsetzt, beinahe schockiert wirkte der 47-Jährige nach dem 1:2 am vergangenen Samstag in Köln, der bereits fünften Bundesliga-Niederlage in acht Partien.

Ratschläge von Franz Beckenbauer

Das Wort "Krise", das in Dortmund lange vermieden worden ist, es ist längst angebracht. Und niemand, der von der größten in der Klopp-Ära spricht, übertreibt. Inzwischen sieht sich sogar Franz Beckenbauer berufen, dem ehemaligen Bayern-Konkurrenten Ratschläge zu erteilen.

Angesichts der langen Fehlerliste beim ehemaligen Vollgasverein Borussia, der Formschwäche, fehlender Fitness, den Aussetzern in der Abwehr und der zuletzt frappierenden Passungenauigkeit, gäbe es genug zu tun, um ganze Trainingstage zu füllen - wenn es der Terminkalender denn zuließe. Stattdessen muss sich Klopps Elf vor rund 50.000 Zuschauern gegen Galatasaray Istanbul und deren Mittelfeldstar Wesley Sneijder selbst helfen. Kann das gelingen?

"Es ist genügend Qualität da", sagt Ilkay Gündogan. Bei der Fehlersuche, das ist aus Dortmund seit Wochen zu hören, sei man fündig geworden. Beheben konnte man sie bisher nicht. Hilflos fühle er sich, räumte Klopp am Samstag unter anderem ein - eine bemerkenswerte Aussage vom sonst so kämpferisch-selbstbewussten (Eigen-)Motivator. Klopp hatte in den vergangenen Wochen stets den umsichtigen Krisenkommunikator gegeben und durch seine offensive Art wie gewohnt versucht, Druck vom Team zu nehmen. Zumindest in den öffentlichen Auftritten wirkte er dabei meist entspannt und sachlich. Anders noch als in der vergangenen Spielzeit, als die Spannungen zwischen Trainer und Journalisten trotz eines weitaus besseren Saisonverlaufs größer waren.

"Müssen sehr gut verteidigen"

Nun sagt er, dass seine Ansprache ans Team nach der Köln-Pleite "deutlich lauter, klarer und fordernder" wurde. Klopp weiß, dass er jetzt Lösungen präsentieren muss, am dringendsten in der Bundesliga. Dafür wird die Partie am Mittwoch nun zum Testlauf. "Wir müssen sehr gut verteidigen. Meine Erwartung ist, dass wir das auch auf den Platz bringen und uns dadurch Sicherheit holen."

Gelingt das, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es für seine Elf eine angenehme Rückreise nach Deutschland wird. Eine außergewöhnliche (FC Arsenal) und eine gute (Anderlecht) Leistung versetzen die Borussia schließlich in eine ambivalente Lage: Ein weiterer Erfolg in der Türkei und das Champions-League-Achtelfinale wäre bereits ganz nahe. Vorfreude ist trotzdem kaum spürbar. Beim BVB weiß man nur zu gut, dass nach den ersten beiden Gruppenspielen kein positiver Effekt in der Bundesliga zu sehen war.

Deshalb soll beim türkischen Rekordmeister auch fortgeführt werden, was zuletzt in Köln immerhin ansatzweise funktionierte: die Integration der lange verletzten und spielerisch so wichtigen Marco Reus und Henrich Mchitarjan. Gemeinsam mit Shinji Kagawa soll im Mittelfeld wieder Zielstrebigkeit und Sicherheit, noch so ein Problem des BVB, erkennbar werden. Ob der nach 14-monatiger Verletzungspause genesene Gündogan wieder zur Startelf gehört, ist fraglich.

Das Spiel in Istanbul komme zum richtigen Zeitpunkt, sagte Klopp am Dienstag. Doch egal wie die Partie verläuft, egal wie sie ausgeht: Bis zum kommenden Samstag ist keine echte Neubewertung der Dortmunder Lage zulässig. Beim Anpfiff des Bundesliga-Heimspiels gegen Hannover 96 um 15.30 Uhr hat der BVB vorerst die Krise wieder.

Galatasaray Istanbul - Borussia Dortmund (Mittwoch, 20.45 Uhr) (Die voraussichtlichen Aufstellungen)
Galatasaray: Muslera - Veysel Sari, Chedjou, Semih, Tarik - Felipe Melo, Selcuk Inan - Olcan, Sneijder, Dzemaili - Burak
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Sokratis, Hummels, Großkreutz - S. Bender, Kehl - H. Mkhitaryan, Kagawa, Reus - Ramos



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insgesamt 17 Beiträge
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RedEric 22.10.2014
1. schau ma mal
ob sich der BVB schnell aus der Krise manövriert. Wenn die nächsten 1-2 BL nicht gewonnen werden, wird es sehr schwer die CL Plätze zu erreichen. Dann wird auch das finanzielle Gefüge etwas drücken, da sie die letzten Jahre ihr ausgaben erhöht haben und auf CL einnahmen angewiesen sind. Anderseits werden dann wahrscheinlich eh die teuersten Spieler den Verein verlassen. Und eine strake dt. Mannschaft in der EL, die mal bis ins HF oder Finale verstößt wäre auch nicht schlecht.
Diskutierender 22.10.2014
2. Nehme Wetten an
Frage: Wie oft muss Lüdenscheid-Nord noch verlieren, damit Jürgen Klopp fliegt?
maxgil 22.10.2014
3. Werde
mir das Spiel heute natürlich ansehen, bin aber auch eher der Meinung, dass das eher unwichtig ist. Mal gucken, wie Klopp reagiert, ob der ein paar seiner Spieler schont. Das wichtige Spiel kommt am Samstag. Die Woche drauf gegen den FCB sehe ich schwarz aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Drück euch die Daumen, Heja BVB!
LutzP 22.10.2014
4. Noch oft
Zitat von DiskutierenderFrage: Wie oft muss Lüdenscheid-Nord noch verlieren, damit Jürgen Klopp fliegt?
Mit dem BVB ging es in den letzten Jahren nur steil bergauf, da wird eine temporäre Delle zum Glück verziehen. Wenn man bis zur Winterpause nicht von Platz 15 weg ist, und das CL 1/8-Finale verpasst, wird es eng. Ansonsten fliegt er nicht. Das ist auch gut so. Ich kenne zumindest keinen Verein der durch hyperventilierendes, hektisches Verhalten das Blatt zum Guten gewendet hat. Schalke 04 hat Keller wegen fehlender Konstanz gefeuert. Gestern hat S04 90 Minuten gebraucht um ein Paradebeispiel an Inkonstanz abzuliefern. Zum Glück ist es noch gut für Deutschland ausgegangen.
Herr voragend 22.10.2014
5. naja der BVB
die Daumen drücke ich schon weil deutsche Mannschaft. Aber sonst der Trainer sehr unsympathisch die Mannschaft auch - bis auf Reus. Wer auf andere Vereine eindreschen muss - hauptsächlich FCB - um sich zu motivieren, braucht sich nicht wundern wenn man da ist wo sie jetzt stehen. Ab in die 2. Liga und dann wieder neu aufsetzen....
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