BVB im Pokal-Viertelfinale Leichte Kost

Borussia Dortmund hat seinen Spielstil unter Thomas Tuchel weiterentwickelt. Der BVB steht nach dem souveränen Sieg über Augsburg im Pokal-Viertelfinale - auch weil der Trainer dem BVB mehr Optionen bietet.

Aus Augsburg berichtet Sebastian Winter

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Mats Hummels sprintete nach dem Schlusspfiff los, als wäre er ein 100-Meter-Läufer. So schnell wie möglich in die Umkleidekabine. Borussia Dortmunds Kapitän war wohl ziemlich ausgekühlt während der letzten Minutendes ungefährdeten 2:0 seiner Mannschaft im Pokal-Achtelfinale in Augsburg, er wollte schnell unter die Dusche. Später lief Hummels mit kleinen Vorspeisen in Pappbechern durch das Innere des Stadions, sein Kollege Sokratis hatte sich einen großen Teller mit Reis geschnappt.

Dortmunds akribischer Trainer Thomas Tuchel achtet ja sehr genau auf den Speiseplan seiner Profis. Wie Frustessen, welches Hummels ja als eines seiner großen Laster sieht, wirkte jedenfalls beides nicht. Das Geburtstagskind Hummels und Sokratis genossen leichte Mahlzeiten nach einem letztlich ebenso leichten Sieg.

Nur die spätere Auslosung des Pokal-Viertelfinales wollte dem BVB nicht so recht schmecken: "Ich hätte lieber ein Heimspiel gehabt, aber nach Berlin kommst du nicht durch Freilos", sagte Sportdirektor Michael Zorc über das im Februar anstehende Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart. Für ihre Gegner sind die Dortmunder seit dem Amtsantritt von Thomas Tuchel längst kein Freilos mehr - im Gegenteil: Neben dem FC Bayern bedeutet der BVB die schwerste Aufgabe im deutschen Fußball. Das hat die Borussia auch in Augsburg eindrucksvoll untermauert, jedenfalls in der zweiten Halbzeit.

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Dabei hilft ihnen ein neuer pragmatischer Realismus, den Tuchel ins Team gebracht hat. An diesem Abend beeindruckte jedenfalls nicht die Offensive, sondern vor allem das neue, ganzheitliche Abwehrsystem der Borussia: "Wir wollten defensiv sicher stehen, weil wir unbedingt auswärts kein Gegentor bekommen wollten. Deswegen sah es vielleicht nicht ganz so spektakulär aus wie normalerweise", sagte Marcel Schmelzer: "Unsere Offensivspieler muss man loben, weil sie auch defensive Jobs hatten." Und weil sie unter Tuchel noch flexibler geworden sind.

In den ersten 45 Minuten spielte Henrich Mchitarjan auf der linken Seite, Adrián Ramos im Zentrum und Pierre-Emerick Aubameyang auf der rechten Seite, hinter ihnen im offensiven Mittelfeld Gonzalo Castro und Ilkay Gündogan. Chancen erarbeitete sich Dortmund allerdings kaum. "Es war ein sehr zähes, statisches Spiel für uns zu Beginn, es ist uns schwergefallen, Tempo reinzubringen bei eigenem Ballbesitz und offensive Räume zu finden", sagte Tuchel selbstkritisch - und lobte zugleich Augsburgs starke Defensivleistung.

Alternative zum Hurra-Fußball

Nach der Pause stellte der Trainer deshalb sein Konzept um, Aubameyang und Ramos tauschten ihre Positionen, Mchitarjan rückte mehr nach innen, außerdem "haben wir die Mittelfeldspieler etwas tiefer im Feld gehabt und die Wege wurden länger für Augsburg, uns anzulaufen. Dadurch sind im Rücken vor der gegnerischen Viererkette Räume aufgegangen, die wir aggressiver bespielt haben", sagte Tuchel. Dortmunds Torwart Roman Bürki drückte es so aus: "Wir haben uns schwergetan am Anfang, nach vorne etwas Konstruktives zu machen. Wir haben aber nie die Geduld verloren und wollten nie mit dem Kopf durch die Wand."

Das ist ein großer Unterschied zu den Dortmundern unter Jürgen Klopp, die öfter mit dem Kopf durch die Wand wollten und dabei ihre Defensivarbeit vernachlässigten. Nun hat die Borussia mit 46 eigenen Treffern in der Liga eine höhere Torausbeute als Tabellenführer Bayern München.

Aber so langsam greift daneben auch Tuchels Strategie der strukturierten Dominanz, mit viel Ballbesitz, aus einer sicheren Abwehr heraus. "Wir konnten schneller spielen, mit höherer Passfrequenz, haben uns Torchancen herausgespielt und die vierte Chance genutzt", sagte der BVB-Trainer. Nach 61 Minuten traf Aubameyang, fünf Minuten später Mchitarjan zum Endstand.

Dortmund steckt noch mitten im Lern- und Reifeprozess, auch deswegen wollte Tuchel nur ungern ein Fazit vor dem nahenden Hinrunden-Ende ziehen. "Es fühlt sich gut an, weil wir in allen drei Wettbewerben eine sehr, sehr gute Rolle spielen. Wichtig ist, dass wir uns auch nicht limitiert haben in unseren Gedanken, wir haben einfach gemacht. Und es geht immer weiter", sagte er dann doch.

Zwei Siege ist Dortmund noch vom Pokalfinale in Berlin entfernt, in der Liga hat es zwölf (!) Punkte Vorsprung auf den Champions-League-Relegationsplatz. Exakt vor einem Jahr stand der BVB auch auf einem Relegationsplatz, allerdings ging es da noch gegen den Abstieg.



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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 17.12.2015
1.
So "leichte Kost" war es wohl nicht. Aber trotzdem: herzlichen Glückwunsch, Dortmund.
rudig 17.12.2015
2. Frage:
Kagawa ist einer der besten Spieler in der Liga. Warum bringt ihn Tuchel erst in der 2. Halbzeit? Er ist doch derjenige, der gute Flanken für Tore spielt!
Msc 17.12.2015
3.
Zitat von rudigKagawa ist einer der besten Spieler in der Liga. Warum bringt ihn Tuchel erst in der 2. Halbzeit? Er ist doch derjenige, der gute Flanken für Tore spielt!
Vielleicht weil es relativ anstrengend ist, 3-4 Wochen lang alle 3 Tage 90 Minuten auf dem Niveau zu spielen.
derretter 17.12.2015
4. meine rede
klopp war nie der übertrainer. als motivator genial, aber wenn das nicht mehr zieht, fehlen ihm die alternativen. tuchel zeigt wie es geht, dieser kader hätte sich nie und nimmer in abstiegsregionen aufhalten dürfen ...
lucky4105 17.12.2015
5.
Hier gilt das Tuchelwort von der Belastungssteuerung. Kagawa hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass ihn die Trips mit der Nationalelf mehr schlauchen, als er sich das persönlich vorgestellt hatte. Er ist halt derjenige mit den meisten Flugkilometern. Ich gehe davon aus, dass er in Köln von Anfang an spielt. Gestern brauchte er hierfür Schonung. Tuchel hat einmal gesagt, dass die echten Belastungsspitzen erst ab der 70. Minute auftreten. Insofern bringt Kagawas Auftritt für 30 Minuten Sinn.
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