BVB zum Saisonabschluss Kurz vor dem Desaster

Nur durch das bessere Torverhältnis hat sich der BVB in die Champions League gerettet. Am Ende einer chaotischen Saison steht das Team vor einem Umbruch. Das größte Problem: die eigene Unsicherheit.

André Schürrle
DPA

André Schürrle

Aus Sinsheim berichtet


In den finalen Minuten dieser Spielzeit zeigte sich noch einmal die ganze Verunsicherung, die den BVB seit Monaten begleitet. Angstvoll passten sich die Dortmunder den Ball zu, ohne Ambitionen auf Raumgewinn. Es ging nur noch darum, einen weiteren Gegentreffer zu vermeiden, die Furcht vor dem Desaster war greifbar.

Zu diesem Zeitpunkt führte die TSG Hoffenheim 3:1 gegen die Borussia. Gleichzeitig lag Leverkusen 3:0 gegen Hannover vorn. Und damit stand Dortmund kurz davor, das Minimalziel der Saison zu verpassen: die Qualifikation für die Champions League. Vor dem Spieltag musste Bayer dafür sieben Tore auf den BVB aufholen. Plötzlich waren es nur noch zwei.

Fotostrecke

12  Bilder
BVB in der Champions League: Ins Ziel gerettet

Julian Weigl berichtete von seiner Sorge, "dass Hoffenheim ein Tor schießt und Leverkusen auch". Jedes Selbstvertrauen war verschwunden. Das Spitzenteam war erfüllt von den Gefühlen eines panischen Absteigers: Es war die Angst vor dem endgültigen K.-o.-Schlag.

Aber die Hoffenheimer verzichteten auf eigene Balleroberungsversuche, wussten sie doch, dass das Ergebnis für die eigene Champions-League-Qualifikation reichen würde. So blieb es beim 3:1. Und Leverkusen kassierte selbst noch zwei Gegentore, statt nachzulegen. "Wir haben uns über die Ziellinie gerettet", sagte Trainer Peter Stöger nach dem Abpfiff treffend. Und weil es am Ende doch noch so knapp wurde, konnte sich kaum jemand freuen nach diesem letzten Spieltag - abgesehen vom Trainer: Stöger wirkte gelöst.

Stöger: Der Verein braucht "einen neuen Reiz"

Als der BVB unter Peter Bosz einen bemerkenswerten fußballerischen Niedergang erlebt hatte, war der erst wenige Tage zuvor in Köln gefeuerte Österreicher eingesprungen. Das Hauptziel: Er sollte den BVB in die Champions League führen. Dieses Projekt hat Stöger mit Erfolg zu Ende gebracht. Und das war angesichts der vielen Probleme vielleicht eine viel größere Leistung, als viele glauben. Dennoch verkündete Stöger wie erwartet seinen Abschied aus Dortmund.

"Es ist klar, dass das heute mein letztes Pflichtspiel war", sagte er. "Gemeinschaftlich" mit Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc habe er "entschieden, dass es in diese Richtung gehen wird." Die Überlegungen hinter diesem Entschluss nannte er gleich mit.

Peter Stöger
DPA

Peter Stöger

Seine instabile, unberechenbare und wohl auch traumatisierte Mannschaft, der ganze Verein brauche "einen neuen Reiz", erklärte Stöger. "Und ein neuer Reiz ist am einfachsten mit einem neuen Trainer zu setzen." Unter Stöger ist diese Mannschaft immer ein Rätsel geblieben. Mal spielte der BVB ohne erkennbaren Grund energielos und verunsichert, um dann plötzlich doch wieder aufzublühen.

Der Höhepunkt der Stöger-Monate war zweifellos das 4:0 gegen Bayer Leverkusen, das sich rückblickend als Schlüsselmoment dieser Saison entpuppte. In dieser Partie haben die Dortmunder ihr Torverhältnis gegenüber dem Werksklub um acht Treffer verbessert. Dieses Detail hat sie nun in die Champions League geführt.

Sahin fasst die Saisonprobleme zusammen

Und trotzdem bleibt nach dieser Saison vor allem Unsicherheit. Nuri Sahin sprach von einem "sehr, sehr unruhigen Jahr", wie er es "nicht einmal in der 2015er Saison erlebt" habe. Damals hatte der BVB im Winter auf dem letzten Tabellenplatz gestanden, die Ära des Jürgen Klopp ging zu Ende. Die Probleme waren damals dennoch weniger komplex, und vor allem: Sie waren leichter behandelbar. Diesmal ergaben sich immer neue Widrigkeiten, Dramen, Konflikte, Glücksmomente und anschließende Abstürze.

Sahin fasste die Ereignisse prägnant zusammen: Es gab "einen Trainerwechsel vor der Saison" sagte der Mittelfeldspieler, dann gab es "einen weiteren Trainerwechsel in der Saison, streikende Spieler, und wir haben auch in der Kabine Probleme gehabt". Die Folgen des Sprengstoffanschlags auf den Mannschaftsbus in der Vorsaison nannte er ebenfalls, der Beginn des Prozesses gegen den Attentäter habe das Trauma wieder an die Oberfläche befördert. "Wir haben zu viel Energie verloren alle zusammen, wir konnten uns nicht in Ruhe auf unsere Spiele fokussieren."

Selbst die als besonders treu geltenden Anhänger haben der Mannschaft zwischenzeitlich ihre Liebe entzogen und waren auch in Hoffenheim keinesfalls versöhnt. "Wir müssen wieder mit den Fans zueinander finden", forderte Sahin, der zuletzt in seinen Analysen immer wieder auffälliger war als auf dem Rasen.

Nun wird der BVB also einen neuen Trainer bekommen, mit großer Wahrscheinlichkeit wird das Lucien Favre sein, der seine Saison mit OGC Nizza in Frankreich aber erst am kommenden Samstag beenden wird. Vorher ist kein Vollzug zu erwarten. Außerdem hat der Klub Matthias Sammer als Berater und Sebastian Kehl als "Leiter der Lizenzspielerabteilung" gewonnen. Aber auch der Kader muss verändert werden. Denn die eigentliche Herausforderung besteht darin, diesem verstört wirkenden und unberechenbaren Team die Verunsicherung zu nehmen.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vaikl 13.05.2018
1. Einfache Lösung
Leistung abrufen, sich wieder auf fußballerische Grundkentnisse fokussieren, mit den Anderen ein echtes Team bilden und den wuseligen Beratern den Stinkefinger zeigen - sollte für etwas Normalität in einem Profifußballerleben sorgen. Aber dafür müsste die Vereinsführung dann auch endlich echte Profis einkaufen, anstatt den Mimimis und Dauerschwätzern ala Schmelzer, Sahin, Schürrle oder Götze eine öffentliche "Leidensplattform" zu bieten. Dafür ist dann doch besser das Dschungelcamp geeignet...
sam242 13.05.2018
2. Das grösste Problem ist die Vereinsführung
Diese hat spätestens mit dem Rauswurf von TT den sportlichen Niedergang vorbereitet. Los ging es seinerzeit beim Heimspiel gegen die TSG, als Watzke bei der WR über den Erfolgstrainer moserte. Bestimmten Spielern wie Schmelzer wurde rund um den Pokalsieg erlaubt, in aller Öffentlichkeit den Trainer anzugreifen. Watzke versucht bei auch unpassenden Gelegenheiten, gegen TT nachzutreten. Ohne den endgültigen Abgang von Watzke und Zorc wird das nichts. Kehl und Sammer sind in einer undankbaren Position: läuft es gut, reklamiert das Watzke für sich...Egomanie? Läuft es schlecht, war TT und sind Sammer und Kehl schuld.
Papazaca 13.05.2018
3. Verunsicherung ist eher ein Moment,
der BVB hat aber seit dem Klopp-Weggang Probleme. Wenn man einen Tuchel verpflichtet, mußte man wissen, auf was man sich einläßt. Entweder man nimmt dann einen Tuchel in Kauf oder man läßt es. Das"Wenn wir das gewußt hätten hätten" überzeugt nicht. Die Bosz Verpflichtung war dann noch fahrlässiger. Ein 100% Offensiv-Trainer mit so einer Verteidigung? Paradoxerweise hat der sympathische aber für mich limitierte Stöger den BVB leidlich stabilisiert. Für einen Notnagel - denn das war er von vornherein - war er, gemessen an seinen Möglichkeiten, erfolgreich. Dabei hat er leider - nach seinem Kölner Debakel - seinen Ruf vollends beschädigt. Seine offensichtliche Melancholie war unübersehbar. Um es klar zu sagen: Der langfristige Erfolg des BVB's hat einen Namen: Watzke und Zorc. Beide sind aber auch für die Misserfolge der letzten Zeit verantwortlich. Sie haben jetzt die Pflicht und die Chance, in der nächsten Saison vieles gut zu machen. Die ersten Schritte (Sammer, Fabre?) geben Anlass zur Hoffnung. Jetzt müssen sie liefern.
faberhomo 13.05.2018
4. Der Herr Watzke
sollte seinen Hut nehmen. Soll es denn einen Neuanfang geben?! Die Hetzkampagne gegen Leipzig, Tuchels Entlassung und diese Saison sollten Mahnung genug sein!
immerfroh 13.05.2018
5.
Zitat von Papazacader BVB hat aber seit dem Klopp-Weggang Probleme. Wenn man einen Tuchel verpflichtet, mußte man wissen, auf was man sich einläßt. Entweder man nimmt dann einen Tuchel in Kauf oder man läßt es. Das"Wenn wir das gewußt hätten hätten" überzeugt nicht. Die Bosz Verpflichtung war dann noch fahrlässiger. Ein 100% Offensiv-Trainer mit so einer Verteidigung? Paradoxerweise hat der sympathische aber für mich limitierte Stöger den BVB leidlich stabilisiert. Für einen Notnagel - denn das war er von vornherein - war er, gemessen an seinen Möglichkeiten, erfolgreich. Dabei hat er leider - nach seinem Kölner Debakel - seinen Ruf vollends beschädigt. Seine offensichtliche Melancholie war unübersehbar. Um es klar zu sagen: Der langfristige Erfolg des BVB's hat einen Namen: Watzke und Zorc. Beide sind aber auch für die Misserfolge der letzten Zeit verantwortlich. Sie haben jetzt die Pflicht und die Chance, in der nächsten Saison vieles gut zu machen. Die ersten Schritte (Sammer, Fabre?) geben Anlass zur Hoffnung. Jetzt müssen sie liefern.
Ich warne ausdrücklich davor, sich von Favre (so er kommt), Sammer und Kehl Wunderdinge zu erhoffen. Diese tiefe Verunsicherung der Mannschaft, die in diese krisenhafte Spielweise mündete, ist nicht per Fingerschnipp zu überwinden. Im Gegensatz zu früheren Krisen in der Vita des BVB muss man dieses Mal nicht bei Null wieder anfangen. Weder hat man einen überalterten Kader noch steckt man in finanzieller Not. Und wenn man Spieler wie Schmelzer oder Sahin nicht mehr beim BVB sehen will, sollte man sich als angeblicher BVB-Fan diesem Gebrüll anderer Foristen nicht anschließen oder krude Verschwörungstheorien um diese Spieler spinnen. Was haben beide eigentlich verbrochen ? Sind von ihrer früheren Form weit entfernt, genau wie viele andere im Kader. Ob beide und andere Spieler zur ersten Elf gehören werden, entscheidet der neue Trainer und kein anderer, weder Watzke noch diese Spieler selbst. Alles andere ist erfundene üble Nachrede.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.