BVB-Erfolg gegen Stuttgart Ein Sieg gegen das Bayern-Trauma

Das 0:6 von München war Dortmund deutlich anzumerken: Gegen Stuttgart wirkte der BVB lange nervös. Gewonnen hat er dennoch, und das war besonders wichtig. Denn nun wartet das wohl wichtigste Spiel der Saison.

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Aus Dortmund berichtet


In der Schlussphase hatten viele der Dortmunder Anhänger sich emotional bereits verabschiedet von diesem Fußballspiel gegen den VfB Stuttgart, das beim Stand von 3:0 für den BVB dem Ende entgegenplätscherte. Längst blickten die Fans in die Zukunft, schmähten den nächsten Gegner und genossen den Moment der Befreiung, zu dem dieser Sommersonntag geworden war.

"Das gibt uns Selbstvertrauen vor dem Derby", sagte Maximilian Philipp. Am kommenden Samstag steht die Partie gegen den FC Schalke 04 an (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Philipp sagte das nicht einfach so dahin. Denn das Selbstvertrauen, das hatte beim 0:6 in München schwere Schäden erlitten. Und in der ersten Hälfte gegen Stuttgart waren noch weitere Blessuren hinzugekommen.

Doch irgendwie hat der BVB das Projekt Traumabewältigung gerade noch erfolgreich gestaltet, trotz dieses freudlosen, verunsicherten Auftritts in Hälfte eins gegen den VfB (Endstand: 3:0). Mehr als eine halbe Stunde wehte die Angst vor einem echten Katastrophen-April durch das Stadion. "Es war schwierig für uns", sagte Trainer Peter Stöger über die Anfangsphase, und Nuri Sahin berichtete von "schweren Beinen", die das Team gehabt habe.

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BVB-Sieg gegen Stuttgart: Wenn die Flanke zum Torschuss wird

Eine Niederlage gegen Stuttgart nach dem Untergang von München, ergänzt von einer weiteren Pleite kommende Woche auf Schalke, das hätte nicht nur die von der Klubführung erwartete Champions-League-Qualifikation gefährdet; eine solche Serie hätte zweifellos emotionale Erschütterungen ausgelöst. Das zumindest hat der BVB durch ein Glückstor durch Christian Pulisic und eine gute zweite Halbzeit verhindert.

Aber verlässlich ist diese Mannschaft nicht. Sportdirektor Michael Zorc wundert sich schon nicht mehr über die Wankelmütigkeit der Spieler. Die Unberechenbarkeit dieses Teams sei das Einzige, "was permanent bleibt", sagte er und warb zugleich um Verständnis für diesen Zustand.

Die Zeit der Extreme dauert an

Die Mannschaft habe einfach zu viel durchgemacht in den vergangenen Monaten: den glanzvollen Saisonbeginn unter Trainer Peter Bosz mit sechs Siegen aus den ersten sieben Ligaspielen, den folgenden Einbruch, den Trainerwechsel. Außerdem drängen derzeit die Erinnerungen an den Sprengstoffanschlag an die Oberfläche, nachdem viele Spieler in diesen Wochen im Prozess gegen den Attentäter vor Gericht aussagen müssen. Die Zeit der Extreme dauert an, "auch vor diesem Hintergrund ist es schwierig, diese Saison richtig zu bewerten", sagte Zorc.

Aber es gibt eben auch positive Ausschläge wie nun nach dem Glücksschuss zum 1:0, als Pulisic der Ball beim Flanken abgerutscht und ins Tor gesegelt war. In der zweiten Halbzeit habe er wieder "die normalen Abläufe" gesehen, lobte Zorc die Mannschaft. Philipp, der erstmals seit seiner schweren Knieverletzung in der Startelf stand, schoss gleich ein Tor. Außerdem ist Marco Reus wieder mal zurück. Der Profi, um den die Klubführung im angekündigten Umbruchprozess eine neue Mannschaft bauen möchte, blieb zwar unauffällig, aber in der schwachen ersten Halbzeit war er es, der versuchte, die Kollegen aufzurütteln, der mit viel Engagement voran ging. Und nicht zuletzt erlebte Sahin seine x-te Wiedergeburt als Taktgeber.

Trainer Stöger lobte den 29-Jährigen für ein "richtig, richtig gutes Spiel", der Routinier habe "die Jungs eingeteilt, die Räume geschlossen", und er hat einige brillante Pässe in die Spitze gespielt. Nach dem Spiel trat er dann als Mahner in Erscheinung: "Fakt ist, dass vieles, vieles besser werden muss. Das muss man so deutlich sagen", sagte Sahin mit dem Duktus eines Chefs. "Jetzt brauchen wir jeden Einzelnen und das ist auch mein Appell an alle, die es gut meinen mit Borussia Dortmund."

Sahin nutzte seine gute Leistung, um in den Kreis der nach außen sichtbaren Anführer zu drängen, der nicht wirklich überzeugend besetzt ist. An diesem Tag war Sahins Vorstoß schlüssig. Allerdings galt Sahin noch in der Vorsaison unter Thomas Tuchel als Fußballer der alten Schule, der auf dem Weg in die Moderne durch einen anderen Spielertyp ersetzt werden müsse.

Gegen Stuttgart traf das jedenfalls nicht zu. Überhaupt brachte der Dortmunder Auftritt etliche Details hervor, die andeuteten, dass dieses Spiel als erfolgreiche Therapiestunde in die Saisongeschichte eingehen könnte. Voraussetzung dafür wäre allerdings ein erfolgreicher Auftritt im Revierderby gegen Schalke. Sollte der BVB dort gewinnen, hätte er sogar einen großen Schritt Richtung Vizemeisterschaft gemacht. Es wäre ein versöhnliches Ende einer nervenaufreibenden Saison.

Borussia Dortmund - VfB Stuttgart 3:0 (1:0)
1:0 Pulisic (38.)
2:0 Batshuayi (48.)
3:0 Philipp (59.)
Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Toprak, Schmelzer (64. Toljan) - Dahoud, Sahin - Pulisic, Reus (87. Gomez), Philipp (80. Sancho) - Batshuayi. - Trainer: Stöger
Stuttgart: Zieler - Beck, Pavard, Badstuber, Emiliano Insua - Ascacibar (88. Mangala), Aogo (68. Berkay Özcan) - Thommy (57. Bruun Larsen), Gentner - Ginczek, Gomez. - Trainer: Korkut
Schiedsrichter: Ittrich (Hamburg)
Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Schmelzer (3) - Beck (6), Aogo (4), Gomez (3), Ascacibar (10)



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Seite 1
wallabi 08.04.2018
1.
Die Glücksgöttin war heute ausschließlich beim BVB. Eine verkrachte Flanke ging irgendwie ins Tor, obwohl der BVB ansonsten in allen Belangen bis dahin unterlegen war. Das zweite Tor unmittelbar nach Halbzeit gab den Stuttgartern den Rest. Den Dortmundern tut es gut und die Stuttgarter können es verschmerzen, da sie nur noch um die goldene Ananas spielen.
gibmichdiekirsche 09.04.2018
2.
Ja, das stimmt: Reus spielte zwar nicht herausragend aber gut und wurde dafür mit stehenden Ovationen verabschiedet. Ebenfalls stimmt, dass Sahin eine gute Leistung als Takt- und Ideen- und Passgeber ablieferte. Da stimme ich Herrn Theweleit gern zu. Nur wenn man einzelne Spieler hervorhebt, dann müssten heute m.E. auch andere genannt werden: Ömer Toprak räumt inzwischen so was von abgeklärt und zuverlässig ab, dass er sich immer mehr zu einem stabilisierenden Faktor entwickelt hat (freilich ist es auch Sokratis und seiner Routine zu danken, dass der VfB pro Halbzeit nur je eine seriöse Torchance hatte). Sodann: Philipp und Pulisic waren die jungen Leute, denen der Schwung der 2. Halbzeit besonders geschuldet war. Noch etwas, Herr Theweleit: Ein "versöhnliches Ende einer" in der Tat "nervenaufreibenden Saison" wäre jeder Platz, der die CL-Qualifikation bedeutet, und nicht nur die Vizemeisterschaft, auch wenn ich davon ausgehe, dass alles daran gesetzt wird, Platz 2 zu holen und zu halten. Sie mögen's nicht glauben, aber keinem BVBorussen würde ein Zacken aus der Krone brechen, wenn man am 34. Spieltag nach etlichen Jahren und Tagen den Blauen mal wieder den Vortritt sollte lassen müssen. Was nicht heißt, dass man sie am kommenden Sonntag nicht unbedingt schlagen will. Die Vorzeichen dafür stehen nicht schlecht.
Papazaca 09.04.2018
3. Freude über 3 Punkte, die CL Quali schaffen, ...
und dann die Saison schnell abhaken. Auch gestern gab es wieder viele Fehlpässe, Missverständnisse, wenige eingespielte Spielzüge, sowie eine wacklige Abwehr. Die Gründe für das alles sind bekannt. Watzkes Gesicht machte auch einen mitgenommenen Eindruck, ich hoffe, er und Zorc widmen sich jetzt den vielen Baustellen, die offensichtlich sind. Das 3:0 war für mich schmeichelhaft, es machte einmal mehr klar, das dieser BVB unter Stöger auf mittelmäßigem Niveau stabilisiert würde. Er ist aber in jeder Hinsicht weit von seinen eigenen Selbstverständnis und Ansprüchen entfernt. Wie gesagt. Hoffentlich bald: "Game over" und "Reset".
forky 09.04.2018
4. Vizemeisterschaft
Selbst wenn am Wochenende auf Schalke ein Unentschieden gelingt, wird der BVB dennoch nur Vierter, punktgleich mit der Eintracht, die ein viel schlechteres Torverhältnis hat. Mit Dusel geht es also in die Champions League. Voraussetzung dafür ist aber ein Punkt im Derby. Zuhause gegen Leverkusen, in Bremen und in Hoffenheim wird es schwer, Punkte zu holen. Im Kraichgau wird es im letzten Spiel äußerst schwer, da die Hoffenheimer noch in die CL flutschen wollen. Und gegen Leverkusen und Bremen gibt es jeweils nur einen Punkt. Bleibt am Ende ein Heimsieg gegen Mainz , und eine Zittersaison bis zuletzt.
gibmichdiekirsche 09.04.2018
5. Flutsch, die Wette gilt...
Zitat von forkySelbst wenn am Wochenende auf Schalke ein Unentschieden gelingt, wird der BVB dennoch nur Vierter, punktgleich mit der Eintracht, die ein viel schlechteres Torverhältnis hat. Mit Dusel geht es also in die Champions League. Voraussetzung dafür ist aber ein Punkt im Derby. Zuhause gegen Leverkusen, in Bremen und in Hoffenheim wird es schwer, Punkte zu holen. Im Kraichgau wird es im letzten Spiel äußerst schwer, da die Hoffenheimer noch in die CL flutschen wollen. Und gegen Leverkusen und Bremen gibt es jeweils nur einen Punkt. Bleibt am Ende ein Heimsieg gegen Mainz , und eine Zittersaison bis zuletzt.
Potzblitz! Da könnte man glatt auf seine alten Tage doch mal ein paar Wetten riskieren. Leihen Sie mir dafür Ihre Glaskugel aus? Ich schätze allerdings, man braucht auch noch 'nen gegen den BVB gerichteten Zauberstab samt einiger deftiger Zaubersprüche und Horoskop-Expertisen, um so punkt-genau zu prophezeien. Nostradamus revisited sozusagen.
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