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Dortmund gegen Bayern: Kampf dem Chaos

Ein Gastbeitrag von Karsten Görsdorf

Der BVB gegen Bayern - das ist auch das Duell zwischen Tuchel und Guardiola. Beide Trainer legen hohen Wert auf Spielkontrolle. Doch wo unterscheiden sie sich? Und welcher Ansatz verspricht mehr Erfolg? Die Daten-Analyse.

Mario Götze (l.), BVB-Profis Zur Großansicht
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Mario Götze (l.), BVB-Profis

"Wenn man Bayern knacken will, dann ist deren Achillesferse im Moment sicher der Defensivbereich. Wenn man sie früh unter Druck setzt, dann hat ihre Offensive auch mehr zu tun und muss hinterherlaufen." (Stefan Schnoor)

Wenn man TV-Experte Stefan Schnoor glaubt, dann gibt es ein simples Rezept für Borussia Dortmund im Spiel gegen den FC Bayern München (18.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wir ahnen aber, dass es nicht so einfach wird, weil Fußball zwar ein wunderschönes, aber eben auch komplexes Spiel ist. Und so wenig vorhersehbar.

Betrachten wir es doch aus einer anderen Perspektive. Wir wissen, dass beide Teams verschiedene Strategien verfolgen, aber wir wissen nicht, was ab dem Anpfiff passiert. Warum das so ist? Durch die beiden hauptsächlichen Charakteristika des Sportspiels - Dynamik und Interaktion - kommt es auf dem Platz zu einem deterministischen Chaos. Man kann auch sagen, es gibt eine organisierte Unordnung, deren Systematik sich nur nicht gleich beim ersten Blick offenbart. Beide Mannschaften versuchen durch taktische Maßnahmen, dieses Chaos einzugrenzen oder für sich zu nutzen. Dafür haben die Trainer ihre Strategie, die Philosophie, den spezifischen Spielstil für ihr Team entwickelt.

Der Spielstil lässt sich unter anderem über das Maß an Ballkontrolle beschreiben, das die Trainer für die Qualität der Spieler am zielführendsten empfinden. Ballkontrolle meint hier die Möglichkeit, eine taktische Absicht mit dem Ball umsetzen zu können. Beispiele für die Umsetzung einer taktischen Absicht sind etwa Spieleraktionen wie Pass oder Torschuss. Die Ballkontrolle einer Mannschaft beginnt, sobald ein Spieler dieser Mannschaft mit dem Ball eine taktische Absicht umsetzen kann. Andersherum endet die Ballkontrolle einer Mannschaft, wenn kein Spieler dieser Mannschaft mehr mit dem Ball eine taktische Absicht umsetzen kann.

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Dortmund gegen Bayern: Kartenrekord und Kung-Fu-Kahn
Natürlich ist jede Partie für sich durch nicht zu wiederholende dynamische Interaktionen geprägt: Jede Aktion findet in dieser Art und Weise nur einmal statt. Das macht den Reiz des Ganzen aus. Aber es existieren ähnliche Situationen: Muster, die wiederkehren. Welche Muster lassen sich bei Dortmund und Bayern entdecken?

Wenn man, populär ausgedrückt, die zwei Archetypen des aktuellen Bundesliga-Fußballs als Beispiel nimmt: Roger Schmidt und Bayer Leverkusen ("Lass die anderen das Spiel machen") und die Bayern unter Josep Guardiola ("Ich will 100 Prozent des Spiels kontrollieren"), dann reiht sich Thomas Tuchel eher in der Mitte mit Tendenz zu Guardiola ein. Was bedeutet das aber in Zahlen, in Fakten?

Der FC Bayern München kontrollierte den Ball in der aktuellen Rückrunde im Schnitt rund 16 Sekunden lang, bevor der Gegner ihn zurückeroberte oder kein Team den Ball kontrollierte (Chaos). Borussia Dortmund liegt im Schnitt bei 12,5 Sekunden. Bayer Leverkusen bei knapp unter acht Sekunden. Fußballerisch sind das Welten.

Über Ballkontrolle wurden schon viel geschrieben, daher wollen wir den Fokus auf den Auftakt legen. Wenn Pep Guardiola nach dem 1:2 gegen Mainz sagt, dass sein Team "die Mainzer Konter nicht gut kontrolliert" habe, dann meint er damit wahrscheinlich vor allem die Unterbrechung der Mainzer Konter. Die Balleroberung steht am Anfang einer jeden Phase der Ballkontrolle. Anzahl, Ort, Spielzeit und Qualität der Balleroberung wirken sich auf alles aus, was danach folgt.

Bayern München musste in den bisherigen sieben Ligaspielen der Rückrunde 614-mal den Ball zurückerobern. Dabei hielten sich die Profis in der Hälfte der Fälle an die Vorgabe von Pep Guardiola, den Ball innerhalb von vier Sekunden nach Ballverlust zurückzugewinnen. Borussia Dortmund eroberte 714-mal den Ball und tat dies zum Vergleich in 46,2 Prozent der Fälle innerhalb von vier Sekunden.

Das, was wir Musteridentifikation im Spielstil nennen, ist beim zeitlichen Verlauf der Balleroberungen anschaulich dargestellt:

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Institut für Spielanalyse

Die Spieler des FC Bayern München erobern (summiert über alle Partien) gleichmäßig über jede Viertelstunde der Spielzeit den Ball, während es bei Borussia Dortmund zu deutlichen Schwankungen kommt. Bislang steigerte sich Tuchels Team in die Halbzeit hinein und gewann zum Ende hin viele Bälle. Im Optimalfall müsste sich diese Quantität aber über das Spiel gleichmäßig verteilen, um die Offensive der Bayern "hinterherlaufen" zu lassen. Das wiederum entspricht nicht dem derzeitigen Muster der Dortmunder, und Tuchel müsste hier seinen grundsätzlichen Machtplan ändern.

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Institut für Spielanalyse

Eine andere Interpretation von "früh unter Druck setzen" ist der Ort. Teilen wir doch das Spielfeld einmal in 15 Felder auf (links, zentral, rechts; Defensive, defensives Mittelfeld, Mittelfeld, offensives Mittelfeld, Offensive). Das würde bedeuten, dass Tuchels Spieler die Bayern in deren Defensive und im defensiven Mittelfeld attackieren müssen. In den bisherigen Spielen der Rückrunde hat Borussia Dortmund 15,7 Prozent der Bälle in diesen Zonen erobert. Zum Vergleich, die Bayern taten dies in 28,3 Prozent der Fälle. Dortmund gewann bislang fast 30 Prozent seiner Bälle tief im eigenen Zentrum. Würden sie Schnoors Empfehlung folgen, wäre das eine Abkehr von ihrem eigentlichen Spielstil.

Entscheidend ist auch die Qualität der Balleroberung. Dortmund gewinnt mehr als die Hälfte seiner Bälle durch Fehlpässe des Gegners. Die Bayern sind aber auch unter Druck eines der besten Teams im Passspiel. Darauf wird Tuchel mit seinen Spielern nicht setzen können.

Schnoors Aussagen hören sich einfach und gut an, aber sie sind wohl keine Vorlage für Thomas Tuchel, um die passende Strategie für das Spiel des Jahres zu entwickeln.

Zur Person
  • Institut für Spielanalyse
    Dr. Karsten Görsdorf ist gemeinsam mit Dr. Christoph Moeller Geschäftsführer des Instituts für Spielanalyse, das für Ligen, Verbände, Klubs und Medien Analysen in verschiedenen Spielsportarten durchführt. In den Jahren 2010ff half das Team um Moeller und Görsdorf dabei mit, das Projekt der Offiziellen Spieldaten im Hause der DFL zu entwickeln und später auch die Erheber Impire (heute Deltatre) und Opta Deutschland zu überprüfen. Im Fußball bedient sich das Institut für Spielanalyse derzeit der Methode der Episodenanalyse.
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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Freidenker10 05.03.2016
Taktik hin, Weltklasse Spieler her, hier zählt nur ein BVB Sieg um unsere Luschenliga wieder spannend zu machen!!!! Ich drücke dem BVB alle Daumen und Zehen!!!
2. Tagesform und Kleinigkeiten
ekel-alfred 05.03.2016
Beide Mannschaften sind in etwa gleich spielstark. Hier wird nur der Wille zum Sieg und auch die Tagesform entscheiden. Ich glaube nicht an einen Erdrutschsieg einer der beiden Mannschaften. Im Sinne der Liga würde ich dem Heimteam den Sieg wünschen.
3. Dankeschön
briancornway 05.03.2016
"Schnoors Aussagen hören sich einfach und gut an, aber ..." Erstmal sind es ganz nüchterne Messwerte, die in einen Zusammenhang mit dem Fußballspiel gebracht wurden. Das mit der Ballrückeroberung und -Kontrolle finde ich sehr interessant, weil man das beim Zuschauen so gar nicht wahrnehmen kann. Ich glaube auch, dass man als Trainer mit solchen Analysen etwas anfangen kann, gerade bei Spielen, in denen beide Mannschaften eigentlich gewinnen müssten.
4. Alles ist möglich
Alias_aka_InCognito 05.03.2016
Auch ein Ergebnis wie das des Halbfinals bei der WM14. Entscheidend wird sein, dass sich der BVB nicht einschüchtern lässt. Guardiola wendet oft Überrumpelungstaktiken gegen starke oder überlegene Gegner an, die so einige, auch tollkühne Überraschungsmomente haben. Wenn es gut geht, lässt er sich für so einen Coup feiern. Aber das kam bei den Bayern mit ihm eher selten vor, dass sie gegen ein Spitzenteam souverän gewonnen hätten.
5. man kann ...
reggae.6106 05.03.2016
... Fußball auch zerquatschen.
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