BVB-Erfolg in Augsburg Den Gegner müde gespielt

Die ersten 41 Minuten - keine einzige Torchance für Dortmund. Doch dann drehte die Borussia gegen Augsburg auf. Zum Rennen um die Meisterschaft sagt Mats Hummels: "Wir hängen noch dran."

Von Christoph Leischwitz, Augsburg

imago

Schon in der Halbzeit war den Spielern von Borussia Dortmund die Erleichterung deutlich anzusehen. Nuri Sahin und Henrich Mchitarjan umarmten sich auf dem Weg in die Kabine gleich noch einmal, nur eine Minute nach ihrem Torjubel. Sahin hatte dem Armenier beim Auswärtsspiel in Augsburg den Ausgleich zum 1:1 aufgelegt - psychologisch günstig in der 45. Minute.

Davor hatte sich die sonst so offensivstarke Mannschaft allerdings extrem schwer getan, in den ersten 41 Minuten hatten sich die Gäste keine einzige Torchance erspielt. Nach der Pause fand der BVB dann wieder zu seinem gewohnten Spiel und siegte letztlich ungefährdet 3:1 (1:1). Eine kleine Restspannung ist damit immer noch gegeben im Kampf um die Deutsche Meisterschaft. Dortmund hielt den Abstand auf den FC Bayern bei fünf Punkten, sieben Spiele stehen noch aus.

"Man hat uns lange Zeit angemerkt, dass wir eine mentale und physische Belastung hinter uns haben", sagte Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel. Man habe kein Tempo ins Spiel gebracht und viele technische Fehler begangen - es mangelte also an Konzentration und teilweise auch an Laufbereitschaft. Sechs englische Wochen in Serie haben die Dortmunder nun absolviert. Am Donnerstag hatte die Borussia auch in der Europa League bei Tottenham Hotspur bis zum Schluss viel Arbeit in den Sieg gesteckt - obwohl das Weiterkommen ins Viertelfinale schon lange nicht mehr gefährdet war.

Hummels: "Erneuter Beweis unserer Reife"

Die Augsburger wussten den nachlässigen Beginn der Dortmunder zu nutzen: Mit ihrer zweiten Torchance in der 16. Minute gingen die Gastgeber durch Alfred Finnbogason in Führung. Doch so müde die Gäste in der ersten Halbzeit auch gewirkt haben mögen, so abgebrüht war der Auftritt in Hälfte zwei. "Nach der Pause haben wir ein bisschen freier gespielt, sagte Tuchel, und hatte für die Steigerung eine interessante These parat: "Es ist oft so, wenn man sehr viel spielt." Er meinte damit, dass strapazierte Fußballer eher Anlaufschwierigkeiten zu Beginn einer Partie haben, als dass die Beine gegen Ende schwer werden.

Mats Hummels sah einen anderen Grund für den Erfolg: "Das war ein erneuter Beweis für unsere Reife", fand der Kapitän, "wir sind ruhig geblieben, wir wussten, wir haben noch Zeit." Und auch genug Vertrauen in das eigene Spiel, mit dem man den Gegner schon irgendwann müde bekommt.

Das sah allerdings eine ganze Weile recht langweilig aus. Die Dortmunder Viererkette schob sich den Ball hin und her, das Mittelfeld spielte viel lieber den Rückpass als den Pass in die Spitze. "Es ist wichtig, dass wir in der 35. Minute nicht anfangen, hektisch zu werden", sagte Hummels. Und Tuchel zeigte trotz der Schwächen, die er ausgemacht hatte, großes Vertrauen in seine Mannschaft. In der sonst so sprintstarken Offensive hatte ohnehin schon Pierre-Emerick Aubameyang gefehlt, weil sein Großvater am vergangenen Dienstag gestorben war. Zur Halbzeit nahm Tuchel dann aber noch mehr Tempo aus dem Spiel: Marco Reus verließ das Feld. Das sollte sich lohnen, der eingewechselte Gonzalo Castro belebte das Spiel in der Zentrale und erzielte auch das 2:1 (69. Minute), ehe Adrián Ramos den Schlusspunkt setzte (75.).

Zwischen Europapokal-Stress und Bundesliga-Alltag

Nicht rausbringen lassen, so lange wie möglich gelassen bleiben, auf die eigenen Stärken vertrauen - die zweite Halbzeit stand sinnbildlich dafür, was Tuchel seiner Mannschaft in dieser Phase der Saison vorleben will. Er schweifte kurz ab, als er über den Stress der vergangenen Wochen erzählte. Gerade habe man noch im Europapokal beim FC Porto gespielt, dann Bundesliga, dann zwei Spiele gegen Tottenham. "Das fliegt alles an einem vorbei, man hat überhaupt keine Zeit, diese ganzen Eindrücke zu verarbeiten." Deshalb freue er sich sehr auf die Länderspielpause.

Und nein, er wolle nun keine Grüße nach München schicken, sagte Tuchel. "Wir bleiben komplett bei uns, unabhängig von irgendwelchen Punktrückständen." Diese Ruhe sei "eine Kunst", die man beibehalten müsse. Seine Spieler haben diese Kunst in Augsburg erfolgreich angewendet. Das hindert sie aber nicht daran, auch noch ein kleines bisschen zu träumen. "Die Bayern stehen zu Recht dort oben. Aber wenn sie nochmal stolpern, dann hängen wir noch dran", sagte Mats Hummels.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
derschnaufer 21.03.2016
1.
Na das sind doch mal überzeugende Argumente. Nach sechs englischen Wochen den Gegner, der ja immerhin ausgeruht ist, müde gespielt ! Hätte man verloren würde man bestimmt die englischen Wochen beklagt haben.
verbal_akrobat 21.03.2016
2. Zweifelsohne wieder eine gute Leistung des BVB, aber...
...ich dachte mir beim betrachten des SPiels nur, was passiert wenn man primär HUmmels und aber auch Sokrates einmal voll in Manndeckung nimmt...?!?!?
brotherandrew 21.03.2016
3. Aufgrund ...
... des Torverhältnisses müsste Bayern wohl noch zwei Mal verlieren oder noch drei Mal Unentschieden spielen, damit Dortmund vorbeiziehen könnte, wenn es alle restlichen Spiele gewinnt. Das ist zwar nicht unmöglich, aber doch wenig wahrscheinlich.
lestat3006 21.03.2016
4. Stolpern?
Möglich, dass die Bayern noch mal stolpern. Ganz sicher aber ist, dass der BvB wieder über den HSV stolpern wird. Also alles im grünen Bereich.....;)))
limubei 21.03.2016
5. So spielt der Meister
da kann es keine 2 Meinungen geben.
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