BVB-Sieg in Istanbul Raus aus der Krise, rein in die Krise

Dortmund spielt Champions League, Dortmund gewinnt: Auch in Istanbul zeigt der BVB eine starke Leistung. Die Wende aber muss in der Bundesliga gelingen - und dort haben sich die Gegner gut auf das Spiel der Borussia eingestellt.

Aus Istanbul berichtet

AP/dpa

SPIEGEL ONLINE Fußball
Das Rätseln begann bereits wenige Minuten nach dem Abpfiff. Es war zu sehen im ernsten Gesichtsausdruck von Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, zu spüren bei seinen Kollegen, die mit nachdenklichen Mienen aus dem Stadion in Istanbul gingen. Und zu hören in der Stimme von Mats Hummels: "Ich glaube nicht, dass es nach dem, was wir in den vergangenen Wochen gezeigt haben, einen Grund gibt, nach nur einem Sieg enthusiastisch zu werden."

Borussia Dortmund hat 4:0 (3:0) bei Galatasaray Istanbul gewonnen. Verdient, überzeugend, ein Schritt raus aus der Krise. Ein Seelenstreichler. Der BVB, emotional mitgenommen von den Rückschlägen in der Bundesliga, darf die schönen Momente zählen. Das, was Hoffnung macht, für die kommenden Wochen:

Die weitgehend solide Defensivarbeit, bei der Sokratis als Innenverteidiger auf die linke Abwehrseite rückte. Die schön herausgespielten Tore von Pierre-Emerick Aubameyang. Das wunderschöne Weitschuss-Tor von Marco Reus ("Ich trainiere das schon ziemlich häufig"). Die sehenswerte Vorarbeit von Champions-League-Rückkehrer Ilkay Gündogan vor dem 4:0 durch Adrian Ramos.

Und doch bleibt die Frage, was das alles wirklich wert ist.

Fotostrecke

7  Bilder
Dortmunder Sieg in Istanbul: Borussen-Jubel am Bosporus
Zur Wahrheit des dritten siegreichen Gruppenspiels des Tabellenführers aus Dortmund (9:0 Tore) gehört eben auch, dass ein furchtbar schwaches Galatasaray es weitgehend ermöglichte. "Wir haben es den Dortmundern in der ersten Halbzeit sehr leicht gemacht", sagte Hamit Altintop, früher beim Liga-Konkurrenten Schalke 04 aktiv. Galatasaray versuchte mitzuspielen - und beging eklatante Fehler.

In der Bundesliga gibt kaum ein Team so viele Räume frei

Ähnlich wie beim 1:4 beim FC Arsenal präsentierte sich vor allem die Abwehr des türkischen Rekordmeisters als nicht Europacup-tauglich. Im eigenen Stadion ließ sich das Team von Trainer Cesare Prandelli auskontern. Dortmunds Gegenpressing funktionierte. Der schnelle Aubameyang, anstelle von Ciro Immobile als einziger Stürmer in der Startelf, profitierte bei seinen Treffern am Ende von groben Stellungsfehlern des Gegners. "Wir waren eiskalt vor dem Tor", sagte Sebastian Kehl.

In der Bundesliga entblößt kaum noch ein Team so viele Räume. Dort, wo die Krise des BVB nach sieben Punkten aus acht Spielen so groß geworden ist, dass Trainer Jürgen Klopp sogar die (nicht nötige) öffentliche Jobgarantie von Geschäftsführer Watzke bekommen hatte. Dort, wo die Krise die Borussia nun auch wieder empfängt - trotz der Champions-League-Gala gegen Galatasaray Istanbul.

Nicht nur Hummels würde diese gern gegen einen Sieg gegen Hannover 96 tauschen, Dortmunds nächstem Gegner. "Am Samstag müssen wir Hannover spüren lassen, dass es uns gerade nicht so gut geht, und wir punktemäßig Aufholbedarf haben. Das muss man sehen", sagte Klopp.

Zusammenreißen allein wird nicht reichen

Dortmund wird dann wohl erneut auf einen tiefstehenden Gegner treffen, der selbst kontern will. So wie bei Mainz 05 (0:2), gegen den Hamburger SV (0:1) oder beim 1. FC Köln (1:2). "Hannover wird vermutlich weniger mitspielen als Galatasaray", sagte Hummels, spätestens seit seiner Ernennung zum Kapitän beim BVB als Mahner bekannt: "Wir können weniger kontern."

Die Tendenz, damit Mühe zu haben, gibt es beim BVB schon so lange, wie sich die Gegner dieses taktischen Mittels bedienen - seit den Dortmunder Meisterjahren 2011 und 2012. In dieser von Verletzten, Formschwäche und fehlenden Automatismen geprägten Saison jedoch ist sie gerade in Heimspielen unverkennbar. "Zusammenreißen", wie Kehl es ausdrückte, dürfte nicht ausreichen, um den Negativlauf zu stoppen.

In der Bundesliga hat Dortmund seit dem 3:1 gegen den SC Freiburg am dritten Spieltag nicht mehr gewonnen - und auch nicht nach den ersten beiden Gruppenspielen der Champions League gegen den FC Arsenal (2:0) und beim RSC Anderlecht (3:0).

"Irgendwann werden wir auch mal wieder ein Bundesligaspiel gewinnen", sagte Kehl. Der Samstag wäre dafür ein guter Zeitpunkt, um die Konkurrenz im Kampf um die Champions-League-Plätze nicht noch weiter enteilen zu lassen. Denn schließlich wartet nach dem Heimspiel am Samstag gegen Hannover 96 und dem anschließenden DFB-Pokal-Duell mit Zweitligist FC St. Pauli Tabellenführer Bayern München auf den BVB.

Galatasaray - Borussia Dortmund 0:4 (0:3)
0:1 Aubameyang (6.)
0:2 Aubameyang (18.)
0:3 Reus (41.)
0:4 Ramos (83.)
Galatasaray: Muslera - Tarik Camdal, Semih Kaya, Chedjou, Telles (62. Yasin) - Melo - Altintop (61. Dzemaili), Sneijder, Selcuk Inan - Pandev (78. Emre Colak), Burak Yilmaz
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels (69. Gündogan), Sokratis - Sven Bender (55. Ginter), Kehl - Mchitarjan, Kagawa (82. Ramos), Reus - Aubameyang
Schiedsrichter: Lahoz (Spanien)
Zuschauer: 48.000
Gelbe Karte: Sneijder, Semih Kaya

Noch mehr Statistiken finden Sie in unserer Fußball-App!

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fast_weise 23.10.2014
1. ach was
ein Punkt ist für Hannover mindestens drin am Samstag, aber der BVB kommt bis in Halbfinale der CL. CL und Meisterschaft gemeinsam haben die noch nie gekonnt.
MarkusW77 23.10.2014
2.
Am nächsten Samstag kann die Welt wieder in Ordnung sein, oder die komplette Saison vermurkst. Beides möglich. So ist das mit Prognosen über Zukunft.
Hans_Kammerer 23.10.2014
3. Naja..
Ich glaube nicht, dass Dortmund bei der Qualität ernsthaft befürchten muss jedes BuLi Spiel zu verlieren. Dennoch war Galatasaray unterirdisch schwach. Mit der Leistung wären sie ein Fall für die 2 BuLi. Ebenfalls interessant finde ich, dass wenn eine Mannschaft ein ähnlich feiges Spiel wie Dortmund spielt, es den Dortmundern selbst auch unheimlich schwerfällt Tore zu machen. Es ist nunmal nicht schön, sich hinten reinzustellen, mit 4 Spielern auf den Ball zu pressen um dann überfallartig zu kontern. Das ist in meinen Augen reiner Ergebnisfußball, Effektivität hin oder her. Wenn die Italiener das machen, nennen wir das spöttisch Catenacio, wenn Dortmund das macht heißt es "echte Liebe". Ich wünsche den Dormundern von nun an jedes Wochenende eine Mannschaft, die das Dortmunder Spiel 1zu1 kopiert und es den Dortmundern mit ihrem Abwehrbollwerk exakt gleichschwer macht wie sie es dem Gegner in den letzten Jahren.
spiegelleser99 23.10.2014
4. toller spieltag für deutsche clubs
und dem bvb wünsche ich am samstag die nächsten 3 punkte!
misprint 23.10.2014
5. Passt
Gut zusammen gefasst. Wenn die Räume nicht da sind tut sich Dortmund extrem schwer. Das konnte man vor der Winterpause der letzten Saison schon sehen. Fehlpässe, keine optimalen Laufwege, fehlende Konzentration, viele Ballverluste und das Festlaufen in Gegnern nach Solos. Ich habe die Hoffnung dass mit Gündogan ein Spieler zurück ist, der auch bei engen Räumen die Übrrsicht behält und einen guten Pass spielt - nach den ersten kurzen Einsätzen war das schon zu erkennen und es ist bitter nötig. Es hilft nichts 60%+ Ballbesitz zu haben, wenn man damit nichts anzufangen weiß.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.