Sicherheitskonzept in Dortmund "Von vorne bis hinten katastrophal"

"Der Hass ist groß": Beim Spiel gegen den BVB waren Leipziger Fans enthemmter Gewalt ausgesetzt. Die Polizei zeigt sich schockiert - und räumt Fehler bei der Risikobewertung ein.

Dortmunder Südtribüne mit Schmähplakaten
AFP

Dortmunder Südtribüne mit Schmähplakaten


Vor dem Spiel flogen Glasflaschen und Steine auf die Gästefans, Verletzte mussten im Krankenhaus behandelt werden; vor dem Anpfiff dann: Banner auf der Tribüne, auf denen zu offener Gewalt aufgerufen wurde und "Scheiß RB!" noch der harmloseste Spruch war.

Die Ereignisse rund um das Bundesligaduell Borussia Dortmund gegen RB Leipzig (1:0) haben für Entsetzen gesorgt. Der Klub aus Leipzig fordert Aufklärung, der BVB verurteilte die Vorkommnisse aufs Schärfste, mittlerweile hat sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke per Videobotschaft zu Wort gemeldet. Er verspricht Aufklärung.

Es sind viele Fragen offen nach diesem Spiel, das einige Anhänger der Dortmunder zu einem Hassduell machten und das so schnell nicht vergessen werden wird.

Das gilt auch für die Polizei Dortmund, deren Einsatzleiter Ed Freyhoff kurz nach der Partie schwere Vorwürfe gegen Teile der BVB-Anhänger erhob. "Es war eine aggressive, gewalttätige und hasserfüllte Stimmung. Ich habe in hasserfüllte Fratzen geschaut, die nichts anderes im Sinn hatten, als die Leipziger anzugreifen."

Doch wenn man Beteiligten glauben darf, muss sich auch die Dortmunder Polizei kritischen Fragen stellen. Denn die Beamten unterschätzten offenbar das Risiko rund um das Spiel, obwohl es Warnungen gegeben hatte.

Jakob Grudzinski ist Mitarbeiter des Leipziger Fanprojekts. Der Sozialpädagoge war am Samstag mit rund 1000 RB-Fans im Sonderzug nach Dortmund und fragt sich, wie es passieren konnte, dass die Leipziger Fans nach dem Aussteigen so lange ungehindert angegriffen und mit Gegenständen beworfen werden konnten. Auf dem gesamten Weg von der Bahnstation bis kurz vor die Gästekurve habe es keinerlei Polizeischutz gegeben.

"Die einzigen Polizisten, die ich gesehen habe, waren die drei fankundigen Beamten aus Leipzig", erzählt Grudzinski. Erst etwa 100 Meter vor dem Eingang zur Gästekurve seien Polizeieinheiten vor Ort gewesen. Bis dahin hätten Anhänger des BVB nach Lust und Laune mit Dosen, Eiern und Steinen werfen können. Dabei seien auch Frauen und Kinder attackiert worden. "Das Sicherheitskonzept war von vorne bis hinten katastrophal."

Ihn und die Kollegen vom Fanprojekt ärgere das doppelt, weil sie im Vorfeld schon Alarm geschlagen hätten. "Uns war klar, dass wir in Dortmund nicht mit offenen Armen empfangen werden würden", erzählt er. "Deshalb haben wir schon Tage vor dem Spiel Kontakt zur Polizei aufgenommen, mit der Bitte, für unsere Sicherheit zu sorgen." Allerdings sei es unter Fanbetreuern ja "ein offenes Geheimnis, dass die Kommunikation zwischen Landes- und Bundespolizei in Deutschland oft nicht klappt."

Offizielle Einsatzzahlen gibt die Dortmunder Polizei nicht bekannt, dass die Personalzahl in der kommenden Saison aufgestockt wird, scheint aber nach den Ereignissen vom Samstag ebenso offenkundig wie die Tatsache, dass man mit einer solch massiven Gewaltbereitschaft auf Seiten der Polizei nicht gerechnet hatte. Offenbar ging man stattdessen nach dem üblichen Schema vor: Im Regelfall wird das Polizeiaufgebot vor allem daran ausgerichtet, mit wie vielen gewaltbereiten Fans man auf beiden Seiten rechnet.

Lokalderbys oder Begegnungen zwischen Vereinen mit vielen gewaltbereiten Anhängern werden von weit mehr Beamten geschützt als wenn beispielsweise Augsburg auf Werder Bremen trifft. Im Vorfeld sei man nicht von einer besonderen Rivalität zwischen beiden Fanlagern ausgegangen, sagt dann auch Pressesprecherin Nina Vogt von der Dortmunder Polizei. Man habe das Spiel deshalb nicht als Hochrisikospiel, sondern als eines "mit erhöhtem Risiko" eingestuft. "Das werden wir aber nach den Vorkommnissen vom Samstag neu bewerten müssen."

Leipziger Spieler, Schmähbanner
Getty Images

Leipziger Spieler, Schmähbanner

Zu spät, wie Grudzinski findet. Schließlich habe er im Vorfeld darauf aufmerksam gemacht, dass "RB auch für Fußballfans, die sonst nie auffallen, so ein großes Feindbild ist, dass auch der Familienvater mit Kind an der Hand völlig durchdreht." Diese Erfahrung habe man in den vergangenen Monaten auch in Bochum oder Köln gemacht, wo Hunderte Fans versucht hätten, den Gästeblock der Leipziger anzugreifen. "Umso weniger verstehe ich, warum die Dortmunder Polizei nicht mal im eigenen Bundesland die Erfahrungswerte abfragt."

Man habe sich sehr wohl in anderen Städten erkundigt, widerspricht Pressesprecherin Vogt, deshalb hätte man auch mit Attacken auf den Leipziger Mannschaftsbus gerechnet, der am Samstag dadurch vereitelt wurde, dass die Leipziger Spieler über eine Alternativroute ins Stadion gebracht wurden. Die kommenden Wochen werde man mit der Auswertung von Foto- und Videomaterial beschäftigt sein, sagt die Polizeisprecherin, die berichtet, dass auch Polizistinnen und Polizisten von BVB-Fans schwer verletzt worden seien. "Ein Kollege hat einen Stein auf den Helm bekommen, einem wurde eine Getränkekiste an die Schulter geworfen, und einer Kollegin ist in die Wade gebissen worden."

Tatsächlich scheint es, als habe am Samstag eine bunte Mischung aus allen Dortmunder Fankategorien ihr Mütchen an den Leipzigern gekühlt. Unmittelbar vor der Gästekurve hatten sich Ultras versammelt. An anderen Stellen rund ums Stadion prügelten Kuttenfans oder sehr bürgerlich gekleidete Sitzplatz-Fans drauflos. "Die Täter kamen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen", bestätigt auch die Polizeisprecherin, die in diesem Zusammenhang allerdings nicht von "normalen Fans" sprechen will: "Es ist ja die Frage, wie normal jemand ist, der so etwas tut."

In vielen Internetforen erfahren die Leipziger derweil Solidarität auch von Fans, die dem Leipziger Geschäftsmodell kritisch gegenüberstehen. Dass die Bilder vom Samstag auch bei den aktiven Fanszenen und traditionellen Fanklubs für Nachdenklichkeit sorgen, glaubt Grudzinski nicht. "Der Hass ist so groß, dass daran auch die Ereignisse vom Wochenende nichts ändern werden."



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