Dortmunds Aus gegen Monaco Rätsel am Ende der Reise

Der BVB scheitert in der Champions League am Gegner, an Defensivschwächen und wohl auch an den Folgen des Sprengstoffanschlags. Wie sie mit dem Aus umgehen sollen, wissen die Dortmunder selbst nicht so genau.

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Aus Monaco berichtet


Eigentlich hatte Thomas Tuchel zwei Tage in der Frühlingssonne der Côte d'Azur hinter sich, doch in der kühlen Nacht zum Donnerstag wirkte sein Gesicht blass wie im tiefsten Winter. Der Trainer von Borussia Dortmund war tief betrübt über das Ende seiner ersten Champions-League-Reise, die eine ziemlich wilde Angelegenheit gewesen ist.

Mit einer Mannschaft, die von der internationalen Presse als Verheißung für die Zukunft gefeiert wird, hat Tuchel denkwürdige Schlachten gegen Real Madrid geschlagen, die Vorrundengruppe gewonnen und die Runde der acht besten Teams des Kontinents erreicht. Nun ist der BVB nach einer verdienten 1:3-Niederlage in Monaco ausgeschieden, der niedergeschlagene Tuchel aber sagte: "Es ist nicht fair, heute ein Champions-League-Resümee zu ziehen."

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Borussia Dortmund in der Einzelkritik: Kein Zauberer

Offensichtlich hält Tuchel es für unmöglich, das Ausscheiden mit den üblichen Werkzeugen der Fußballanalyse zu erklären. Große Gefühle sind ja Teil der DNA von Borussia Dortmund, aber die Gefühle dieser Tage sind vielleicht einfach zu groß gewesen. Aber kann man durch einen Bombenanschlag traumatisierten und unter Schlaflosigkeit leidenden Sportlern ihre Konzentrationsprobleme vorhalten? "Ich mache der Mannschaft keinen Vorwurf", sagte Tuchel, was den Ärger über die vielen Fehler im Spiel natürlich keineswegs abmilderte.

Seltsame Polizeiaktion

Allerdings war es ein anderer Ärger als die Wut, von der die Männer von Bayern München am Abend zuvor erfüllt waren. Die Dortmunder leiden stiller, sie hadern mit dem Schicksal, mit den Umständen. Zumal auch dieser Abend mit einem großen Ärgernis begonnen hatte. Um 19.15 Uhr sollte der Bus vom Mannschaftshotel zum Stadion aufbrechen, die Polizeieskorte stand bereit, abfahren durfte das Team aber nicht - aus Sicherheitsgründen. "Natürlich gibt es kaum eine schlechtere Situation, als dass du wieder im Bus sitzt und 17 Minuten lang nicht losfahren kann. Das war ein beklemmendes Gefühl", sagte Tuchel und Marcel Schmelzer ergänzte: "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass uns das nicht nervös gemacht hat."

Der Vorfall hatte die Arbeit der vergangenen Tage beschädigt. Er habe darauf hingewirkt, allen Beteiligten "zu erlauben, frei zu sein, dieses Spiel mit Spaß anzugehen", sagte Tuchel. Das war nach dieser seltsamen Polizeiaktion nur noch schwer möglich.

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Dortmunds Aus gegen Monaco: "Verdient raus"

Dazu passte der Beginn der Partie: Nach zwei Minuten stand es nach einer misslungenen Abwehraktion von Torhüter Roman Bürki 0:1, nach 14 Minuten verlor Matthias Ginter die Orientierung, es stand 0:2 und nach 26 Minuten musste Tuchel den überforderten Erik Durm vom Platz nehmen. "Kraft und Wille fehlten, aber ich empfinde großen Respekt für die Jungs, wie sie mit ihren Erlebnissen umgegangen sind", sagte Marco Reus, der nicht dabei war, als der Bus attackiert wurde.

Spektakuläres Talent, mangelnde Reife

Und dennoch: Dieses Fußballspiel barg lange die Chance auf eine Wunder. Nach Reus' 1:2 kurz nach der Halbzeit hätte ein zweiter Treffer den AS Monaco ernsthaft ins Wanken bringen können, der BVB machte Druck, "aber die klasse Torchancen hatten wir jetzt nicht", sagte Reus.

Es wird spannend, wie der Chefkritiker Tuchel mittelfristig mit dem Spagat zwischen Traumatisierung und fußballerischen Problemen der Mannschaft umgeht. Denn natürlich lässt sich das Aus gegen einen keinesfalls übermächtig wirkenden Gegner mit der Extremsituation nach dem Sprengstoffanschlag erklären. Doch unabhängig von den Folgen des Anschlags passte die Leistung ins Gesamtbild, das der BVB in dieser Saison abgibt.

Das Talent ist spektakulär, aber der Mannschaft mangelt es an Reife. Oft fällt es dem Team schwer, die richtige Balance zwischen Defensive und Offensive zu finden. Und vielleicht ist der Trainer selbst auch noch ein Stück zu unerfahren, sein Coaching in den Spielen gegen große Gegner wirkt mitunter überambitioniert. "Wir brauchen diese Spiele, um zu wachsen", sagte Tuchel, "um zu verstehen, wie man auf diesem allerhöchsten Niveau spielen muss, wie wenig Fehler man sich erlauben darf, wie effektiv man sein muss, wie durchsetzungsstark."

All diese Dinge nimmt der BVB nun mit in den Rest der Saison, die ja noch ein paar schöne Herausforderungen enthält. Zum Beispiel das Pokalhalbfinale beim FC Bayern am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Dieses Duell hat eine ganz neue Brisanz durch die Viertelfinal-Niederlagen im Europapokal. Wobei sie sich in Dortmund vor allem nach einem ganz normalen Fußballspiel sehnen.

AS Monaco - Borussia Dortmund 3:1 (2:0)
1:0 Mbappé (3.)
2:0 Falcao (17.)
2:1 Reus (48.)
3:1 Germain (81.)
Monaco: Subasic - Touré, Glik, Jemerson, Mendy - Moutinho, Bakayoko - Silva (90. Raggi), Lemar - Falcao (67. Dirar), Mbappé (81. Germain)
Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Ginter, Guerreiro (72. Pulisic) - Weigl, Sahin (46. Schmelzer) - Durm (26. Dembélé), Kagawa, Reus - Aubameyang
Schiedsrichter: Damir Skomina (Slowenien)

insgesamt 66 Beiträge
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wolfi55 20.04.2017
1. Aufstellung auch konfus
Ich meine, dass die Aufstellung und taktische Einstellung etwas schräg war. Sorry, wenn ich als Trainer nicht weiß, wer was leistet, dann bin ich fehl am Platz. Es ist ja nicht der erste Fehlgriff von Tuchel. Durm hätte nie spielen dürfen. Wenn ich nach 27 Minuten auswechseln muss ohne Verletzung, dann habe ich es als Trainer nicht drauf.
Turbo 20.04.2017
2. Die #4 in D - trotzdem Respekt
Das Spiel hat ziemlich gut gezeigt, wo Dortmund aktuell steht. Die Nummer 4 in D und auf internaionaler Bühne bemüht aber ohne Mittel. Wie schon gegen Martinez vor 2 Wochen zu sehen hat ein Aubameyang hat gegen Verteidiger mit Weltklasse Format seine Probleme, was angesichts seiner Tore leider auch einiges über den Zustand der BL aussagt. Trotzdem mein Respekt daür, wie Mannschaft und Trainer mit der Woche umgegangen ist. Es ist absolut nicht von der Hand zu weisen, dass hier etwas passiert ist, dass völlig außerhalb der Normalität stattgefunden hat. Wenn selbst neutrale Seiten Probleme haben, das einzuordnen, wie geht man als Spieler und Verein damit um? Das ist eine völlig neue Dimension. Und natürlich hat das Einfluss auf die Leistung, etwas anderes zu behaupten wäre lächerlich. Dortmund hat hier Mut und Rückgrat bewiesen und die richtigen Worte gefunden. Und ich hoffe dass der Verein bald zu seinem Alltagsgeschäft zurückkehren kann. Denn bei aller Rivalität solte der Sportsgeist nie zurückbleiben.
ronald.soll 20.04.2017
3. Bvb
Den Anschlag, den die Spieler von Borussia Dortmund erleben mußten, schüttelt man nicht so einfach aus den Klamotten. Von außen kann man immer leicht sagen: Das sind doch Profis. Nee, es sind junge Menschen. Diejenigen, die traumatische Erfahrungen erlebt haben, können es nachvollziehen. Jeder Spieler wird das Erlebte unterschiedlich auf seine Art wegzustecken versuchen und zu verarbeiten. Das braucht Zeit.
dirk.resuehr 20.04.2017
4. Trauma
ist verständlich. Warum treten sie dann überhaupt an? Ist das Prinzip Geld über Vernunft? Das war schon peinlich, Pässe, Flanken, Zweikampf, Abwehr,war das Bundesligaklasse?Oder doch eher Kreisklasse? Si non lusisses, philosophus mansisses!
germ 20.04.2017
5. Bleiben
Bleiben wir sachlich: Die Spieler von Monaco waren individuell einfach besser. Technisch und auch körperlich. Natürlich musste dieser Quatschkopf Bela Rehty die Knall-Attacke wieder mit ins Spiel bringen als Entschuldigung. Nein, Monaco war einfach besser und die BVB-Abwehr einfach gruselig.
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