Fußball-Fans in Deutschland Warum Herr Sander für jedes BVB-Heimspiel 1400 Kilometer fährt

Jürgen Sander wurde in Dortmund geboren und floh in die DDR. Erst Jahrzehnte später konnte er seinen geliebten BVB wieder live sehen. Noch heute fährt er für die Borussia jedes Wochenende quer durch die Republik.

Jürgen Sander

Jürgen Sander

Aus Dranske berichtet


In einer ehemaligen Fahrschule im Ort Dranske auf Rügen hat Jürgen Sander seinen BVB-Fanklub eingerichtet. Alte Tickets, Trinkbecher, Schals - alles ist hier schwarz-gelb, sogar das Auto vor der Tür. Sander, Jahrgang 1951, hat nur ein Problem: Sein geliebter Verein ist 700 Kilometer entfernt. Im zweiten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle erzählt er seine Geschichte.

Neulich habe ich Norbert Dickel, den früheren BVB-Star und heutigen Stadionsprecher gefragt, ob er nicht zu einer Feier unseres Fanklubs kommen möchte. Er hat gesagt, dass er nicht kann, weil er an dem Tag tausend Kilometer von Dortmund entfernt unterwegs ist. Prima, hab ich geantwortet, das passt perfekt: Dann bist du ja schon auf Rügen.

Gut, es sind in Wahrheit nur etwa 700 Kilometer pro Strecke, die wir mit unserem Fanklub, den Inselborussen, von Rügen nach Dortmund zurücklegen. Wir fahren mit Kleinbussen zu jedem Spiel, auch auswärts. Langweilig wird uns dabei nicht: Wir singen unsere Vereinshymne "Vom Festland bis zum Bakenberg, steh'n wir für BVB" und andere Lieder und hängen unsere Fahnen aus den Fenstern. Morgens um sechs geht es los und meist sind wir erst nach Mitternacht zurück.

Ich bin 1951 in Dortmund-Huckarde geboren, Fußball gehörte damals einfach dazu. Zu den Spielen bin ich schon als Kind mit den Alten mitgegangen, damals noch ins Stadion Rote Erde. Wir haben an jedem Kiosk und in jeder Kneipe Halt gemacht, wir Kinder bekamen oft etwas zugesteckt. Doch als ich zehn Jahre alt war, mussten wir fliehen.

Flucht nach Leipzig

Mein Vater war glühender Sozialist, und als solcher oft auf Gewerkschaftsfahrten im Osten. Irgendwann wurde es ihm wegen seiner politischen Einstellung zu heikel in der BRD und da sind wir in die DDR geflohen, meine Mutter hat Rotz und Wasser geheult. Am Anfang kamen wir in einem Heim mit Mördern und Messerstechern unter, das war ganz schlimm.

Wir lebten dann in Leipzig, meine BVB-Leidenschaft verlor ich aber nicht. Zwar konnten wir kein Westfernsehen empfangen, doch ich hatte ein altes Kofferradio, mit dem ich mich über Spielstände der Borussia informiert habe. Ich habe sogar Fotos gekauft, die andere von alten Röhrenfernsehern abfotografiert haben. Obwohl man darauf nicht viel erkannt hat.

Ein Spiel habe ich dann doch im TV gesehen, das Europapokalfinale 1966 zwischen Dortmund und Liverpool wurde im Ostfernsehen übertragen. Ich habe nie Drogen genommen, aber so muss sich Highsein anfühlen. Ich war total fertig nach dem Spiel, das der BVB in der Verlängerung gewann. Mit einer DDR-Fahne bin ich die Straßen auf und ab gerannt.

Ein Bier im Strobels

Später sind wir dann nach Rügen gezogen, doch trotz der Wiedervereinigung hat es viele Jahrzehnte gedauert, bis ich wieder im Stadion, im Tempel, wie ich es nenne, ein Spiel der Borussia gesehen habe. Ein Angelfreund hatte Tickets und ich habe gesagt: Da komme ich mit. Das war vor fünf Jahren.

Seitdem bin ich immer wieder hingefahren, 2014 gründeten wir dann einen Fanklub. 50 Mitglieder haben wir schon, der Jahresbeitrag beträgt 19,09 Euro - logisch. An Spieltagen mieten wir die Busse, nicht alle kommen mit, mich zieht es aber immer wieder nach Dortmund, jetzt, wo ich die Zeit und das Geld habe - und wo die Mauer nicht mehr steht.

Ich habe immer hart gearbeitet und mir nie etwas gegönnt. Das hole ich nun nach. In Dortmund sind wir gut angesehen, unsere lange Anreise wird auch mal mit einem Bier bei Strobels, einer Kult-Kneipe, belohnt. Nach den Spielen müssen wir natürlich noch sieben Stunden zurückfahren. Aber das ist Ok, schließlich konnte ich fast fünfzig Jahre lang nicht zu meiner Borussia. Da kann ich jetzt auch ein bisschen im Auto sitzen.

SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle


insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
super-m 19.04.2017
1.
Nach dem Bremer Twitter Fanclub ein erfrischender Bericht. Bemerkenswerte, wahrscheinlich nahezu einzigartige Leidensgeschichte mit Happy End. Schön zu Lesen.
observerlbg 19.04.2017
2. Gratulation.
Das sind die Fans, die der Fußball braucht. Aber vor wem flieht man in den Fünfzigern in Dortmund? Mein Opa war im schwarzen Emsland Kommunist. Fliehen musste er nicht. Einige seiner Kinder sind geordnet in den Osten übergesiedelt.
tutnet 19.04.2017
3. 1961 mußte niemand in die DDR fliehen!
Die Grenze war noch relativ offen, die Mauer in Berlin kam erst zwei Jahre später. Das einfachste war eine Fahrt nach Berlin und dann mit der S-Bahn in den Osten.
matthias_b. 19.04.2017
4.
Dass der glühende Fan ständig riesige Strecken fährt für ein Fußballspiel ist interessant. Wirklich verrückt ist aber, dass jemand mit seiner Familie IN die DDR "flieht".
ahloui 19.04.2017
5. Dass man als glühender Sozi
in der BRD in den 60ern verfolgt wurde, ist mir neu!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.