Dortmunds Remis gegen Hannover Verblüffend harmlos

Nach dem Spektakel vom ersten Spieltag präsentierte sich der BVB gegen Hannover wie ein Durchschnittsteam. Ein Thema der anschließenden Diskussion mal wieder: Mario Götze. Dabei hatte der gar nicht gespielt.

Marco Reus
FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Marco Reus

Aus Hannover berichtet


Sein Akzent verniedlicht mitunter viele Dinge, ob und wie sauer Lucien Favre nach einem Rückschlag ist, lässt sich oft nur erahnen. "Wir haben viel gelitten", sagte der Schweizer nach dem enttäuschenden 0:0 von Borussia Dortmund bei Hannover 96.

Er klang ernüchtert. Am 2. Spieltag der neuen Saison einen ersten Dämpfer hinnehmen zu müssen, ist eigentlich noch nicht tragisch. Da der ehrgeizige Favre aber von seiner neuen Mannschaft viel verlangt, fiel seine Analyse deutlich aus. "Wir haben den Ball viel zu früh verloren. Wir müssen das Spiel viel mehr beherrschen", meint der Cheftrainer einer Mannschaft, die ein Titelanwärter werden möchte, aber am Freitagabend in Hannover wie ein Durchschnittsteam gespielt hat.

"Ich habe erwartet, dass sie mehr pressen", sagte auch Hannovers Cheftrainer André Breitenreiter. Sein Team hatte sich mit taktischem Geschick und hoher Laufbereitschaft gegen eine Niederlage gestemmt. Dass Borussia Dortmund im gesamten Spiel lediglich zu acht Torschüssen gekommen war, lag an Problemen im Spielaufbau und an der Stärke des Gegners. "Hannover war sehr gut organisiert und gefährlich", gestand BVB-Boss Favre. Seine späten Korrekturen an der Startaufstellung, die er erst in der 79. und 86. Minute vornahm, blieben wirkungslos.

Stammplatz auf der Bank

Dass sich nach dem 4:1-Heimsieg zum Saisonstart gegen RB Leipzig die erste Euphorie schon wieder verflüchtigte, lag an einer verblüffenden Harmlosigkeit in der Offensive - vor allem in der 1. Halbzeit. "Wir haben allgemein gut gearbeitet. Aber es war bitter, dass wir uns nicht belohnt haben", meinte Teamkollege Marius Wolf. An seinem Trikot ließen sich nach der umkämpften Partie noch diverse Blutspuren entdecken. Es war ja durchaus sehr viel gerannt und auch gekämpft worden. Aber der entscheidende Unterschied zwischen einer millionenschwer besetzten Mannschaft und einem Team für die untere Tabellenhälfte wollte sich nicht zeigen.

Für Diskussionen nach dem Abpfiff sorgte wieder einmal eine Personalie, die seit einem besonderen Tor im Finale der Weltmeisterschaft 2014 zum Königsthema taugt. Auch bei der Partie in Hannover hatte Mario Götze seinen Stammplatz auf der Ersatzbank.

Mario Götze
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Mario Götze

Ein Spielertyp wie Götze steht chronisch unter Verdacht, einer Begegnung ohne sehenswerte spielerische Momente eine neue Wendung geben zu können. Aber Favre verzichtete auf eine Einwechslung von Götze und mochte nicht genauer erklären, warum er den Offensivspieler gar nicht berücksichtigt hatte. "Wir haben ein 4-3-3-System gespielt. Es war sehr intensiv. C'est comme ca", sagte der Schweizer. So ist das also.

Auch auf konkrete Nachfragen zu Götzes Reservistenrolle gab Favre ausweichende Antworten. "Wir haben sehr viele Mittelfeldspieler. Man wird sehen", ergänzte der 60-Jährige. Versöhnliche oder gar aufmunternde Worte vom Trainer für den Spieler? Fehlanzeige.

Gesprächsbedarf in der Länderspielpause

Während der bevorstehenden Länderspielpause bleibt Borussia Dortmund genügend Zeit, um herauszufinden, wie gut die eigene Offensive wirklich ist. Mit dem Spanier Paco Alcácer, der vom FC Barcelona ausgeliehen worden ist und in Hannover noch nicht im Kader stand, gibt es einen prominenten Neuzugang zu integrieren. Dortmunds Verteidiger Manuel Akanji bildete mit dem Franzosen Abdou Diallo ein Innenverteidiger-Duo, das Hannovers Torjäger Niclas Füllkrug nicht zur Entfaltung kommen ließ.

Ein Auswärtsspiel zu null bestritten, als Team wie der Gegner in 95 Minuten rund 125 Kilometer gelaufen - das waren die Faktoren, die den neuen Hoffnungsträger von Borussia Dortmund zufriedenstellten. Was Favre störte, waren der mangelnde Zugriff auf das Geschehen und der harmlose Spielaufbau seines Teams. "Ich kann nicht sagen, dass wir das Spiel beherrscht haben. Aber das ist eben auch eine Frage von Bewegung", lautete eine Analyse, die nach Gesprächsbedarf klang.

Hannover 96 - Borussia Dortmund 0:0
Hannover
: Esser - Sorg, Anton, Wimmer, Albornoz (86. Ostrzolek) - Fossum, Walace - Bebou (89. Bakalorz), Maina - Asano (46. Wood), Füllkrug
Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Diallo, Schmelzer - Dahoud (86. Guerreiro), Witsel - Delaney - Wolf, Philipp (79. Sancho), Reus
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Zuschauer: 49.000 (ausverkauft)



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Oihme 01.09.2018
1. Ich befürchte schon ...
... dass die mediale Aufbereitung des BVB die gleichen, abstrusen Züge annimmt, wie in der letzten Saison. Letzte Saison wurde aus der anfänglichen Begeisterung der Sportjournalisten, dass wieder etwa Spannung in den Meisterschaftskampf kam und man in den Redaktionen nicht die jährlich immergleichen Artikel verfassen musste, mit dem Leistungseinbruch der Bosz-Elf bis Weihnachten pure Enttäuschung, die sich in fast schon überkritische Kommentaren zum BVB niederschlugen. Das frühe Unentschieden in Hannover hat dem diesmal wohl rechtzeitig einen Dämpfer verpasst. Leute, lasst dem BVB und dessen Trainer Zeit für den Umbruch und habt diesmal Geduld, bis da ein eingespieltes Team auf dem Platz steht.
sheggysen 01.09.2018
2. Kein Bayernjäger
Wie Gehabt, so wird es nichts mit dem Jäger. Aus altern Schläuchen schmeckt der Wein immer fade. Zur Zeit werden FCB und Schalke vor bvb Stehen in der Tabelle.
konterspieler 01.09.2018
3. Schlecht beraten...
war Mario Götze als er meinte unbedingt zu den Bayern wechseln zu müssen. Die ihm dazu geraten haben, hatten weniger die sportlichen Perspektiven für Götze im Blick, als ihren eigenen Vorteil. Noch bei der WM 2014 galt Götze als möglicher Nachfolger eines Messi. Dann kam die jahrelange Bayern-Bank und der stetige Abstieg für Götze. Heute spricht kaum noch jemand von ihm, es sei denn das sich wieder einer wundert, warum er auch bei Dortmund keinen Stammplatz hat oder nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen wird. Mario Götze ist zum Inbegriff eines Fussballers geworden, dessen sportliche Perspektiven durch falsche Beratung und zu frühes Wechseln zu den Bayern ruiniert worden sind. Zu einem internationalen Starensemble wechselt man besser erst, wenn man selbst ein voll etablierter internationaler Star ist, weil ein Spieler sich bei Bayern, Barcelona oder Real nicht mehr entwickeln kann, sondern nur noch Top-Leistungen abliefern muss. Spätestens dieser Fall von Götze, der nicht der erste dieser Art ist, sollte allen jungen Fussballern eine Lehre sein. Ob Mario Götze sich aus dieser selbst gestellten Falle noch einmal herausspielen kann, ist eine der spannendsten Fragen dieser Bundesligasaison. Man möchte es ihm wünschen.
nahatschalah 01.09.2018
4. Kein Dortmunder
hat den BVB vor der Saison als Titelanwärter gesehen. Das wollen die Journalisten, damit zumindest am Saisonanfang so getan werden kann, als sei die Buli spannend - ist aber nicht so. Und ob H96 ein Team für die untere Tabellenhälfte sein wird, ist auch noch nicht raus. Auch in Bremen hat H96 gegen eigentlich ein besseres Team ein Unentschieden geholt. Kurz: Ein Platz von 2-4 könnten mit der Leistung aus BEIDEN Spielen für Dortmund wieder drin sein - und damit wäre dann jeder in Dortmund zufrieden.
pjotrmorgen 01.09.2018
5. Nichts positives?
Jedenfalls kann man das 0:0 eher als Punktgewinn sehen. Nach der letzten Saison war der BVB stark verunsichert, sodass eine echte Stabilisierung der Defensive erstmal eine gute Grundlage ist. Stöger schien das zunächst zu schaffen, doch die vor allem Europa League zeigte da etwas anderes. Hannover brachte laut Statistik keinen Schuss aufs BVB-Tor, allerdings leistetn sich die Dortmunder viele Fehlpässe. Es ist doch klar, dass Favre nicht innerhalb weniger Wochen wie ein Messias ein neues Wunderteam formen kann. Auch der Spielplan in der CL-Gruppe A dürfte Favres Neuaufbau zugute kommen. Die wahrscheinlich schwersten Spiele gegen Atletico Madrid sind erst Ende Oktober (in Dortmund) und Anfang November (in Madrid). Ca. 10 Zugänge und Abgänge im Kader müssen auch verkraftet werden.
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