Sicherheitsdienst im Stadion: Borussia Dortmunds Nazi-Problem

Von Rafael Buschmann

Heute entscheidet die Liga über das DFL-Sicherheitskonzept. Darin geht es auch um die Stadionordner. Das ist bitter nötig, wie die Probleme von Borussia Dortmund zeigen. Der Sicherheitsdienst des Meisters ist von Rechtsextremen unterwandert, die rassistische Parolen verbreiten und Gästefans verprügeln.

Umstrittener BVB-Ordner: Rechte Prahlerei bei Facebook Fotos

Marco B. ist groß, kräftig. Der Handwerker sitzt in einem Café am Domplatz in Münster, seine Hände sind spröde, voller Schwielen. Auf den rechten Fingerknöcheln hat er das Wort "Born" eintätowiert, auf den linken steht "Ugly". Es ist die Überzeugung, zur Hässlichkeit, zum Unangepassten geboren zu sein, die B. damit offen zur Schau trägt. Der 40-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt, ist kein Kind von Traurigkeit, Gewalt ist ihm nicht fremd.

Doch das, was B. während des Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 nach eigener Aussage erlebte, hat selbst ihn verstört zurückgelassen. Denn die Geschichte, die sich an jenem 20. Oktober dieses Jahres laut B. abgespielt hat, rührt an einer Urangst des Menschen: Dass an einem vermeintlich sicheren Ort plötzlich das eigene Leben in Gefahr geraten kann.

B. erinnert sich, wie er während der Partie zwischen den beiden Lokalrivalen, kurz vor der 60. Spielminute, die Gästetoilette im ehemaligen Westfalenstadion aufgesucht habe. Er ist Schalke-Fan, seine Kumpels, mit denen er sich das Spiel anschaute, blieben im Fanblock zurück. Sie fuhren nach dem Schlusspfiff auch ohne B. nach Hause, denn der lag zu diesem Zeitpunkt blutend in einer kleinen Zelle im Dortmunder Stadiongefängnis. Später wurden festgestellt: eine Gehirnerschütterung, Rippenbrüche, Hämatome am ganzen Körper und eine Kieferprellung.

"Ich will die Toilette verlassen und werde von einem Typen angerempelt. Ich drehe mich um, will ihn fragen, was das soll und spüre direkt einen Schlag", erzählt B. Auf dem Boden liegend habe er den Schwall an Schlägen und Tritten, gegen seinen Kopf, in seinen Unterleib, über sich ergehen lassen. Irgendwann sei er bewusstlos geworden. "Ich dachte, die machen mich alle."

Die, das waren nach Lage der Dinge keine Dortmunder Fans - sondern Ordner des BVB. Die Männer, ein Polizeibeamter spricht von dreien, zogen B. schließlich aus der Toilette, riefen die Polizei und stellten Anzeige wegen versuchter Körperverletzung. Gegen B.

Rassistische und sexistische Beschimpfungen

B., das Opfer, ist kein Pazifist, die Dortmunder Polizei verortet ihn im nahen Umfeld einer Schalker Hooligan-Gruppe. Vorbestraft ist er nicht. Trotzdem ist es möglich, dass er seine Sicht auf die Dinge verharmlost darstellt, dass er den Ordnern deutlich mehr Anlass zum Eingreifen gegeben hat, als er zugeben möchte. Und es wäre am Ende wohl nur ein weiterer der derzeit diskutierten Gewaltvorfälle im Fußball, wenn B. nicht solche unverhältnismäßigen Verletzungen davongetragen hätte.

Und wenn einer der Ordner, Sascha N., nicht einschlägig vorbestrafter Hooligan wäre, ein Mitglied der rechten Schlägergruppe "Northside".

Seit Jahren halten sich hartnäckige Gerüchte, die dem BVB eine Unterwanderung des eigenen Ordnungsdienstes durch rechte Kader nachsagen. Beim Revierderby wurden Schalker Fans von BVB-Ordnern mit rassistischen und sexistischen Beschimpfungen angefeindet. "Wir vermuten schon länger, dass es auch Nazis und Hooligans im BVB-Ordnungsdienst geben könnte", sagt ein Dortmunder Polizist, der seit Jahren in der Fußballszene aktiv ist.

In einer alten, rustikalen Kneipe am Stadtrand von Dortmund sitzt Markus. Breite Schultern, Glatze, vor sich einen Cappuccino. Seit 2002 arbeitet er für den BVB als Ordner. "Ich weiß von mindestens acht Personen in unserem Ordnungsdienst, die stramm rechts und gewalttätig sind", sagt er. Vier davon sollen der Ultra-Gruppe "Desperados" angehören, die anderen sind Hooligans der "Northside". "Das sind die, die das Kommando haben. Sie kontrollieren etliche andere, jüngere Ordner. Keiner von uns würde der Gruppe widersprechen, das wäre nicht gesund", sagt Markus.

Facebook-Profil als offene Agitationsplattform

Die Ordner mit der rechten Gesinnung sollen demnach in Dienst- und Einsatzpläne eingreifen und sich strategische Punkte für Personenkontrollen sichern. In Personalgesprächen, so Markus, sei dieses Problem angesprochen worden. Wirkliche Veränderungen habe es aber nicht gegeben. SPIEGEL ONLINE konfrontierte Reinold Schiller, den Leiter des Ordnungsdienstes, mit den Vorwürfen. Doch der BVB verzichtete auf eine dezidierte Antwort und übermittelte ein allgemeines Kommuniqué.

Einige der rechten Ordner scheinen sich mittlerweile sogar so unangreifbar zu fühlen, dass sie vollkommen offen mit ihrer Gesinnung umgehen. Sascha N., der mutmaßliche Toiletten-Schläger, der mit Unterbrechungen seit 1998 für das Wachpersonal des BVB arbeitet, nutzte sein Facebook-Profil, welches er im Zuge der SPIEGEL-ONLINE-Recherche löschte, als offene Agitationsplattform. Völlig unbeeindruckt von der Tatsache, dass zu seinem Netzwerk auch der BVB-Fanbeauftragte Jens Volke zählte, der aber auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE jeglichen persönlichen Kontakt zu N. abstreitet, postete N. unter dem Pseudonym Charly Z. zahlreiche Fotos aus seiner BVB-Ordnertätigkeit.

Auf seinem Startprofil nannte er unter "Ausbildung" die "Northside", unter "Arbeitgeber" die Borussia. Mehrere seiner Postings zeigten Verherrlichungen des Hitlergrußes. Auf einen von SPIEGEL ONLINE erstellten Fragebogen, der N. übermittelt wurde, antwortete Borussia Dortmund im Namen des Ordners: "Der Ordner streitet diese (Vorwürfe des Rassismus, d. Red.) ab und schon aufgrund familiärer Wurzeln im Ausland auch generell eine ausländerfeindliche Gesinnung."

Fragen von SPIEGEL ONLINE, ob der BVB gemäß der Richtlinien des Deutschen Fußball-Bundes das polizeiliche Führungszeugnis des Ordners eingefordert und -gesehen habe oder ob er gewusst habe, dass N. ein einschlägig bekannter Hooligan ist, lässt der Deutsche Meister unbeantwortet. Dabei soll N. nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bereits mehrfach im Stadion zugeschlagen haben. In der vergangenen Saison soll es bei Spielen gegen den 1. FC Köln und Bayern München zu ähnlichen Vorfällen gekommen sein. Durchweg auf der Gästetoilette, wo es keine Zeugen oder Videoüberwachung gibt. In Hooligan-Foren wird N. seitdem mit Gewalt gedroht. In der Szene gilt er als eine Art Verräter, der seine Schlägereien mit einer Anzeige abrundet. Bislang war dies ein Vorwurf, den Hooligans gewaltbereiten Polizisten machten.

"Dann hättest du mich richtig hassen können"

Welches Gewaltpotential tatsächlich in N. steckt, zeigt ein Chat-Protokoll, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Dort droht der BVB-Ordner einem Schalker mit einem "Hausbesuch", kündigt an, dass er im Zweifel auch "mindestens 15 Jahre" ins Gefängnis gehen würde, sollte er selbst von jemandem zu Hause "besucht" werden. Zum Angriff auf B. äußert er sich darin allerdings nur ausweichend, schreibt aber abschließend: "Und dein Freund kann froh sein, dass ich in diesem Moment nicht wusste, dass er ein Blauer war. Glaube mir, dann hättest du mich richtig hassen können."* Der BVB erklärt dazu, der Ordner "sei zuversichtlich, diese Vorwürfe ausräumen zu können". Gleichzeitig einigte sich der Verein mit N., der von Marco B. ebenfalls angezeigt wurde, darüber, N. bis zum Verfahrensende nicht weiter als Ordner einzusetzen.

Doch der Verein, der seit Jahren mit einer Infiltrierung von rechts zu kämpfen hat und sich mit etlichen Arbeitskreisen, Projekten und sogar der Aufnahme einer ausdrücklichen Passage in die Stadionordnung, die jede Form von rechtem Gedankengut beim BVB verurteilt, zur Wehr setzt, wird sich vielen weiteren Fragen stellen müssen.

Insbesondere vor dem Hintergrund des neuen Sicherheitspapiers, das die DFL am Mittwoch beschließen möchte und darin eine Professionalisierung der Vereinsordnungsdienste fordert, wird vom Double-Sieger wohl eine intensive Überprüfung der eigenen Stadionsicherheit verlangt werden. Das reine Auswechseln von Personal im etwa 780 Personen starken Wachdienst scheint dabei nicht wirklich zu helfen. Denn genau das tat der BVB bereits vor der aktuellen Saison mit etlichen Ordnern.

Deren Nachfolger wurden aber bereits beim ersten Heimspiel der Saison von Personen mit einschlägig bekanntem, rechtem Hintergrund abfotografiert und, so sagt es Markus, "mit unschönen Worten auf Linie gebracht."

*SPIEGEL ONLINE korrigierte die Rechtschreibung.

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insgesamt 89 Beiträge
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    Seite 1    
1. Dfb
Pende 12.12.2012
Uns was sagt der DFB dazu? Wahrscheinlich nix, sind ja an der richtigen Stelle beheimatet.
2.
MarkusW77 12.12.2012
Zitat von sysopHeute entscheidet die Liga über das DFL-Sicherheitskonzept. Darin geht es auch um die Stadionordner. Das ist bitter nötig, wie die Probleme von Borussia Dortmund zeigen. Der Sicherheitsdienst des Meisters ist von Rechtsextremen unterwandert, die rassistische Parolen verbreiten und Gästefans verprügeln. Borussia Dortmund: Probleme mit Nazis und Hooligans unter Ordnern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/borussia-dortmund-probleme-mit-nazis-und-hooligans-unter-ordnern-a-872213.html)
Als regelmaessiger BVB Besucher ist mir das zwar noch in keinster Weise aufgefallen, aber wenn dem so ist, gehoert da aufheraeumt. Nazi-Pack hat da nichts zu suchen.
3.
Rodri 12.12.2012
Nicht nur der BVB, die gesamte Stadt Dortmund ist voll von Nazis. Schade, dass der Verein sich auch noch schützend hinter solche Schläger stellt, statt diese vor Gericht zu bringen. Eines deutschen Meisters wahrlich unwürdig !
4. Propagandamache!
Käfer63 12.12.2012
Wenn man als nicht-fußballfan die letzten berichte über die Gewalt in Stadien so liest, könnte man glatt meinen es gäbe nichts auser Mord und Todschlag jeden Samstag. Die Deppen die sich prügeln wollen sind deutlichst in der Unterzahl und werden dies auch vermutlich nicht nach dem verabschieden von mehreren Gesetzten nicht unterlassen. Was ist denn mit den 40-50.000 die jeden Samstag in die Stadien gehen und ebenso unversehrt wieder nachhause? Wie man in den walt hineinruft, so schallt es heraus. Sprich, wenn ich als "normalo" ins Stadion gehe, einen "normalo" Sitzplatz einnehme dann wird mir in 100 Jahren nichts passieren. Gehe ich natürlich vollbehängt mit Kutte und Singend ins Satdion, stelle mich direkt an den Zaun zu den Ultras ist die Chance eine Abzukriegen schon deutlich erhöht. Gehe ich dann noch gröhlend und pöbelnd an Gästefans vorbei liegt die wahrscheinlichkeit bei 100%. Also, wie gesagt, nicht immer nur über die paar hundert Berichten als wären sie das nonplusultra sondern auch mal darüber das Woche für Woche 50.000 im Statdion sind die mit Gewalt nix am Hut haben und unversehrt seit Jahren die Spiele kucken. Die, die sich über erhöhte Sicherheitsmaßnahmen beschweren sind alle irgendwo nicht "sauber", sprich hatten garantiert schon des ein- oder anderen disput mit der Polizei. Ich, als "normalo" begrüße jede Form von erhöhten Sicherhitskontrollen. Sollen sie mich doch filzen, mein Gewissen und meine Taschen sind rein.
5.
Martin_M 12.12.2012
In der ganzen von Aktionismus geführten Debatte ist dies der vermutlich einzige sinnvolle und diskussionswürdige Vorschlag: Eine Professionalisierung des Ordnerdienstes. Wobei ich dazu sagen muss: Ich habe derartige Vorkommnisse noch nie erlebt.
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