Dortmunds Sieg gegen Leverkusen Ein Hauch von Zukunft

Borussia Dortmund fegt Leverkusen aus dem Stadion, feiert junge Helden wie Jadon Sancho und schöpft Zuversicht für den bevorstehenden Umbruch. Doch das Verhältnis zu den eigenen Fans ist angespannt.

AFP

Aus Dortmund berichtet


Die Südtribüne, Heimat der Gelben Wand, bebte nach langer Zeit mal wieder.

Gerade hatten die Fans von Borussia Dortmund mit Standing Ovations den Doppeltorschützen Marco Reus verabschiedet, sie hüpften, sangen und feierten einen rauschhaften und tabellarisch sehr kostbaren 4:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen. Doch plötzlich folgte ein Moment, der manchen Beobachter irritierte.

Die Spieler hatten keine große Lust auf das nach solchen Spektakeln übliche Fest mit der brodelnden Masse. Zögerlich, geradezu scheu näherten sie sich der berühmten Wand, um dann ganz schnell in der Kabine zu verschwinden. Stattdessen wurde wenig später mit Sven Bender ein ehemaliger Borusse gefeiert, der Leverkusener genoss die Feier sichtlich.

Manuel Akanji wiederum könne "auch nicht genau beschreiben", was da los war. Er habe sich noch mit Lukasz Piszczek unterhalten, da seien die Kollegen einfach "umgedreht und wieder zurückgelaufen".

Das war ein bisschen geflunkert, denn natürlich kannte Akanji die Gründe ganz genau.

Vor der Partie waren zwei gigantische Banner mit sehr eindeutigen Botschaften entrollt worden, die auf die Derby-Niederlage von Schalke aus der Vorwoche anspielten: "Den Stellenwert des Derbys nicht verstanden - Versager!", stand auf dem ersten Banner, und als die Teams einliefen wurde es noch härter: "Kein Wille, keine Leidenschaft, kein Mut, keine Mannschaft. Niemand verkörpert Borussia Dortmund so wenig wie ihr." Verletzende Worte - "natürlich nimmt man solche Riesenplakate wahr, aber wir müssen das ausblenden", sagte Maximilian Philipp.

BVB-Fans begrüßen ihre Spieler
imago/ DeFodi

BVB-Fans begrüßen ihre Spieler

Das ist ihnen dann erstaunlich gut gelungen, der BVB brannte ein Fußball-Feuerwerk ab, wie es das Publikum noch nicht erleben durfte, seit Peter Stöger das Team im Dezember übernommen hat. "Das war ein richtig gutes Spiel über 90 Minuten, wir waren kompakt, waren giftig, haben viele zweite Bälle gewonnen, haben den Mut gehabt", sagte der Trainer, der sich vor allem über seine umgebaute linke Seite freuen konnte.

Linksverteidiger Marcel Schmelzer, der auf Schalke so kraftlos spielte und ein Gegentor verschuldete, fehlte in der Startelf, nicht einmal im Kader war der Kapitän. Stöger wollte lieber Jeremy Toljan auf der Bank haben, der auf beiden Seiten spielen kann. Das war ein bemerkenswertes Zeichen. Akanji, der eigentlich zentral zum Einsatz kommt, gab einen großartigen Schmelzer-Vertreter. Zudem glänzte er als kongenialer Partner von Jadon Sancho auf dem linken Offensivflügel. Der junge Engländer traf zum 1:0, bereitete zwei weitere Treffer vor, und Marco Reus, der das 2:0 und das 4:0 erzielte, harmonierte halblinks im Mittelfeld ebenfalls prächtig mit den beiden Talenten.

Bestaunt wurde aber vor allem Sancho, der im vorigen Sommer für sieben Millionen Euro aus der Jugend von Manchester City nach Dortmund gewechselt war. Der 18-Jährige habe seine Chance "gnadenlos ausgenutzt", sagte Reus und Sancho selbst erklärte: "Ich bin sehr stolz, dass der Trainer mich in diesem Spiel in die Startelf gestellt hat, weil es ein Spiel war, das wir gewinnen mussten".

Allerdings schimmerten auch leise Zweifel hinter dem Lob hervor, das sich über Sancho ergoss. Am Trainingsgelände munkelt man seit Monaten, das Talent pendle im Alltag zwischen Genie und Wahnsinn. "Heute ging es deutlich mehr in Richtung Genie", sagte Stöger, aber "das ändert sich Woche für Woche". Auch Reus mahnte, Sancho sei zwar ein Spieler mit "viel Potenzial", aber nur "wenn er klar ist, wenn er sich nicht verzettelt, wenn er nicht zu viele Spielereien macht".

Wobei dieser Teenager durch eine besonders harte Schule geht. Er ist neu in einem fremden Land, in einer fremden Liga und erlebt gleich diese sagenhafte Serie immer neuer Konflikte und Ärgernisse in einer komplizierten Lage beim BVB. Nun war er Teil einer erstaunlichen Auferstehung, die nicht nur eine fußballerische Dimension hatte. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein größerer personeller Umbruch bevorsteht. Die Mentalität des Teams soll sich ändern, und an diesem Nachmittag deutete sich an, dass Teile des derzeitigen Kaders einen guten Nährboden für das Aufblühen eines neuen BVB-Geistes bilden könnten.

Akanji, Reus und Sancho spielten stark. Auch Julian Weigl erinnerte wieder an jenen fantastischen Fußballer, dem vor einiger Zeit eine Weltkarriere vorhergesagt wurde. Maximilian Philipp, der das 3:0 beisteuerte, ist ein weiterer Spieler mit Zukunft, der nicht unter der Last der Vergangenheit ächzt. Und deshalb lag Stöger falsch, als er sagte, Marcel Schmelzer sei "kein Verlierer", weil seine Nichtberücksichtigung "rein sportliche Gründe" gehabt habe.

Denn für den anstehenden Umbau müssen nicht nur Kaderplätze, sondern auch Anführerpositionen in der Hierarchie frei werden. Das junge Team, das Leverkusen besiegte, entwickelte eine Haltung und eine Gier, die in den Wochen zuvor mit den diesmal auf der Ersatzbank sitzenden Gonzalo Castro und Nuri Sahin oder eben Kapitän Schmelzer allenfalls in Ansätzen entstand.

Und das hatten am Ende auch die Menschen auf der Gelben Wand erkannt.

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Seite 1
Broko 22.04.2018
1. W
Wie wir alle wissen, pflegt Watzke seine "Juwelen" mit Ausstiegsklauseln zu versehen, weil er richtig erkannt hat, dass der BVB ein Ausbildungsverein ist! Wie viel Freude wird der BVB also an Sancho haben - zumal längst nicht gesichert, dass er konstant Leistung bringt?
deglaboy 22.04.2018
2. Beamtentum hat im Profifussball...
absolut nichts verloren. Wer meint, er ist es, war es schon. In dieser Hinsicht ist Schmelzer in eine Sackgasse geraten oder anders gesagt, er hat sich nicht wie ein Profi verhalten. Es USt ihm zu wünschen, dass er wieder in die Spur findet. Aufgrund seiner Geschichte hat er auf jeden Fall eine zweite Chance verdient.
d.b.licht 22.04.2018
3. Schmelzer, Sahin...
war da nicht was? In der Tat scheint Tuchel das nachlassende Potential der einstigen Größen schon vor einem Jahr erkannt zu haben. Schade um diesen Umweg; ich bin nicht der Einzige, der glaubt, mit Tuchel und dem wirklichen, ja vorhandenen BVB-Potenzial (einschl. Dembelé) wäre es in diesem Jahr an der Tabellenspitze mal so richtig spannend geworden.
Oihme 22.04.2018
4. Nein ...
Zitat von BrokoWie wir alle wissen, pflegt Watzke seine "Juwelen" mit Ausstiegsklauseln zu versehen, weil er richtig erkannt hat, dass der BVB ein Ausbildungsverein ist! Wie viel Freude wird der BVB also an Sancho haben - zumal längst nicht gesichert, dass er konstant Leistung bringt?
... das "wissen wir alle" ganz bestimmt nicht. Reus war vor mehreren Jahren der letzte BVB-Spieler mit einer Ausstiegsklausel, jetzt ist die auch Vergangenheit. Und in den Zeiten der Scheich-Millionen kann in D nicht einmal mehr der FC Bayern sicher sein, seine Leistungsträger halten zu können.
huelin 22.04.2018
5. Mitnichten
Zitat von BrokoWie wir alle wissen, pflegt Watzke seine "Juwelen" mit Ausstiegsklauseln zu versehen, weil er richtig erkannt hat, dass der BVB ein Ausbildungsverein ist! Wie viel Freude wird der BVB also an Sancho haben - zumal längst nicht gesichert, dass er konstant Leistung bringt?
Nach der Geschichte mit Götze hat er diese Praxis schon vor fünf Jahren aufgegeben, wie Sie hier sehen können: http://www.spiegel.de/sport/fussball/watzke-keine-ausstiegsklauseln-mehr-beim-bvb-a-898055.html Weder Lewandowski noch Dembelé noch Aubameyang hatten solche Klauseln. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Spieler nicht trotzdem verkauft werden können. Aber eben zu einem angemessenen Preis, der auch die jüngsten Entwicklungen berücksichtigt.
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