Dortmunds Sieg gegen Tottenham Nah an der Perfektion

Täglich werden BVB-Spieler mit europäischen Top-Klubs in Verbindung gebracht. Doch warum sollten Aubameyang oder Gündogan überhaupt wechseln? Der beeindruckende Sieg gegen Tottenham ist ein Signal.

Aus Dortmund berichtet

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Der Held des Abends zögerte, als er nach seiner eigenen Leistung gefragt wurde. Nein, schwärmen mochte Marco Reus nicht nach diesem beeindruckenden 3:0 gegen Tottenham Hotspur. "Teils, teils", erwiderte er nach ein paar Augenblicken des Abwägens auf die Frage, ob er mit seiner eigenen Leistung zufrieden sei. Das war eine ziemlich zurückhaltende Antwort für einen Mann, der als zweifacher Torschütze in einer begeisternd spielenden Mannschaft geglänzt hatte.

Er habe eben "hohe Ansprüche", erläuterte Reus dann, und man konnte ihm ansehen, dass er innerlich ernsthaft haderte mit der Kluft zwischen seiner starken Leistung und dem unerreichbaren Zustand der fußballerischen Perfektion. Der Nationalspieler hatte ein paar hochkomplizierte Dinge probiert, Ballmitnahmen in hohem Tempo, Pässe in winzig kleine Räume - nicht alles war ihm gelungen. An Reus' Reaktion lässt sich erkennen, auf welchem Niveau die Dortmunder inzwischen angekommen sind. Wie groß der Hunger nicht nur nach Erfolg sondern auch nach einem möglichst vollkommenen Spiel ist.

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Europa League: BVB dominiert B-Elf der Spurs
Tottenham Hotspur, die Mannschaft, die in den Augen vieler Experten den modernsten Fußball Englands spielt, war ganz und gar chancenlos an diesem Abend. "Wir haben die Partie komplett dominiert", sagte Sportdirektor Michael Zorc. Und Trainer Thomas Tuchel ergänzte: "Wir haben sehr frisch, sehr griffig gewirkt, sehr entschlossen in der Zweikampfführung und der Kompaktheit."

Vor allem strategisch war der BVB Tottenham auf allen Ebenen überlegen. Zunächst versuchten die Engländer, deren Trainer wegen des Titelkampfs in der Premier League einigen Stammspielern eine Erholungspause gegönnt hatte, mit ihrem gefürchteten Pressingspiel Dortmunder Fehler zu provozieren. Doch der Bundesligist befreite sich souverän mit Risikobereitschaft und Selbstvertrauen. Ersatztorwart Roman Weidenfeller glänzte als Anspielstation und Passgeber, die Dreierkette hatte den Mut, jede Situation spielerisch zu lösen - das war beeindruckend.

Und als die insgesamt enttäuschende B-Elf der Spurs sich dann irgendwann zurückzog, weil sie merkte, dass dieser BVB im Spielaufbau einfach keine Bälle verliert, zerlegte Tuchels Ensemble eben einen tief stehenden Gegner mit klug durchdachtem Ballbesitzfußball. Henrich Mchitarjan spielte überragend, Erik Durm wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil des Teams, Julian Weigl lenkte die Partie mit seinem High-End-Passpiel und niemand vermisste Ilkay Gündogan, der wegen einer Fußprellung pausierte und auch in der Bundesliga gegen Mainz fehlen wird. "Es ist ein tolles Gefühl, dass unser Team alle drei Tage so eine Leistung zeigen kann, egal, wer der Gegner ist", sagte Tuchel.

Im Video: Aubameyang zu den Real-Gerüchten: "Bullshit"

Pierre-Emerick Aubameyang, der nach einer halben Stunde per Kopf zum 1:0 getroffen hatte, sprach sogar von einem "perfekten Spiel". Und dann äußerte der Stürmer sich natürlich zu den Meldungen aus den vergangenen Tagen, denen zufolge er sich bereits mit Real Madrid über einen Wechsel einig sei. Angeblich wollen die Spanier 100 Millionen Euro für den Stürmer bieten, dessen Vertrag beim BVB allerdings bis 2020 läuft. "Bullshit" seien solche Berichte, erklärte der 26-Jährige.

Als Tuchel dann auf die Zukunft des Torjägers angesprochen wurde, hielt der Trainer einen kleinen Vortrag über seine mittelfristigen Pläne, der sehr heilsam auf die Dortmunder Anhänger gewirkt haben dürfte. Es kursiert ja eine latente Angst vor dem Zerfall dieser Mannschaft, die ihren Zenit noch längst nicht erreicht hat. Aubameyang habe "einen langfristigen Vertrag ohne Ausstiegsklausel", sagte Tuchel, "und wir wollen diesen Kader zusammenhalten, wir wollen diese Mannschaft weiter entwickeln". Der BVB hat kein Interesse daran, wichtige Leute abzugeben, auch nicht für irgendwelche Mondsummen.

Die Spieler, deren Vertrag 2017 ausläuft (Gündogan, Mats Hummels, Mchitarjan) und deren Berater sich daher mit unterschiedlichen Zukunftsoptionen beschäftigen müssen, werden genau zugehört haben bei diesen Sätzen. Jenseits der Verlockungen aus England und Spanien, deutet nämlich vieles darauf hin, dass auch die Dortmunder am Beginn einer neuen Erfolgsphase stehen. Zumindest in diesem einen Spiel war der Tabellenzweite der Bundesliga dem Tabellenzweiten der Premier League auf allen Ebenen überlegen. Manches deutet darauf hin, dass in England vielleicht die besseren Profis unterwegs sind, den moderneren Fußball spielen allerdings die deutschen Spitzenmannschaften.

In den goldenen Dortmunder Jahren des Jürgen Klopp feierte das renommierte englische Fußballmagazin "FourFourTwo" den BVB einmal als "heißesten Klub Europas". Tuchel ist nun auf dem Weg ein ähnlich spannendes Projekt auf die Beine zu stellen. Reporter von der Insel konstatierten jedenfalls, dass sie in dieser Saison keine bessere Mannschaft gesehen haben, als den BVB in seiner gegenwärtigen Verfassung - mit Ausnahme des FC Barcelona.

Borussia Dortmund - Tottenham Hotspur 3:0 (1:0)
1:0 Aubameyang (30.)
2:0 Reus (61.)
3:0 Reus (70.)

Borussia Dortmund:
Weidenfeller - Piszczek, S. Bender (58. Subotic), Hummels - Durm, Schmelzer, Weigl, Castro, Mchitarjan, Reus (81. Kagawa) - Aubameyang (82. Ramos)
Tottenham Hotspur: Lloris - Trippier, Alderweireld, Wimmer, B. Davies - Mason, T. Carroll, Onomah, Son (76. Kane), Eriksen (65. Lamela), Chadli (58. Dembele)
Zuschauer: 65.851 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Gelbe Karten: Carroll, Lamela



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insgesamt 117 Beiträge
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Currie Wurst 11.03.2016
1. Kurzes Gedächtnis
"Reporter von der Insel konstatierten jedenfalls, dass sie in dieser Saison keine bessere Mannschaft gesehen haben, als den BVB in seiner gegenwärtigen Verfassung - mit Ausnahme des FC Barcelona." Haben die denn vergessen, wie ihr Tabellendritter Arsenal in München eingegangen ist...? Und das sage ich als alter Bayernhasser :-)
Hank Hill 11.03.2016
2. Dortmund
spielt Fußball mit Herz und Seele. Angriffsfußball, schnell und mit Risiko. Dagegen sind die Bayern Spiele Schlafmittel, ähnlich wie Schäfchen zählen.
rilleralf 11.03.2016
3. b-elf
war ja auch nur die b elf von tottenham gegen bayern hats trotzdem nur gerade so zu nem 0:0 gereicht...
Svenner80 11.03.2016
4. Deutsche Liga vs englische
Well done, Dortmund. Ja, da kommt schon ein bisschen Schadenfreude auf, wenn man die doppelt oder was auch immer teureren Kader der englischen Mannschaften derzeit in Europa sieht, obwohl Schadenfreude keine allzu schöne Reaktion ist ... ;-) Und hinter Dortmund und den Bayern klafft in D ja auch eine gewisse Lücke. Die Messlatte ist Spanien. Noch 3 Vereine in der CL, davon 2 Top Titelkandidaten. 4 Vereine in der EL (na zum Glück gibt es ein innerspanisches Duell, da sind's in der nächsten Runde nur noch 3). Auch hier haben einige viel Geld, aber die 2. Reihe nach Real und Barca gewinnt seit Jahren _alles_. Die machen da irgendwas noch richtiger als die anderen.
C-MC 11.03.2016
5. Zwei Fliegen...
und wenn Gündogan gestern abend beim Zusehen zu dem Schluss gekommen sein sollte, dass die PL auch nicht das Nonplusultra ist, könnte der Sieg noch mal so schön sein.
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