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17. Februar 2013, 11:04 Uhr

BVB-Sieg gegen Frankfurt

Dortmund braucht keinen Stürmer

Von Bernd Schwickerath, Dortmund

Für den einen war es die lang erhoffte Chance und wurde zum Debakel, der andere überstrahlte alles: Julian Schieber und Marco Reus waren die bestimmenden Akteure des Dortmunder Sieges gegen Frankfurt. Die wichtigste Erkenntnis des Spiels war die Effizienz des falschen Neuners.

Als Julian Schieber ins Tor traf, applaudierte Sebastian Kehl ganz laut. Der Dortmunder Kapitän beklatschte den ausgesprochen wuchtigen Schuss des Stürmers kurz und heftig, dann gingen beide in die Kabine. Das Aufwärmen war beendet.

Kehls Jubel war der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Motivationsmaßnahmen für Julian Schieber vor dem wichtigen Spiel gegen Eintracht Frankfurt. Jeder Pass, den Mario Götze spielte, landete bei Schieber. Jede gelungene Aktion des Stürmers beim Warmmachen wurde mit einer motivierenden Geste quittiert. Die Botschaft war klar: Du bist wichtig, du schaffst das, du kannst Robert Lewandowski vergessen machen in diesem Duell gegen den Verfolger aus Frankfurt.

Was folgte, war das ganz persönliche Drama des Julian Schieber. Statt Toren, Torchancen und gewonnenen Zweikämpfen gab es zwei gelbwürdige Fouls, einen Platzverweis nach nur 31 Minuten und ganz viel Kopfschütteln. "Es ist wie in einem schlechten Film", sagte Schieber, der so lange auf diese Chance gewartet hatte. Am Abend zuvor hatte Trainer Jürgen Klopp seiner Nummer 23 noch mitgeteilt, dass er spielen würde. "Ich wollte das Vertrauen zurückzahlen, ich hatte ein sehr gutes Gefühl", erklärte Schieber später in der Mixed Zone.

"Unheimliches Kompliment an die Mannschaft"

Doch dann ereilte ihn dasselbe Schicksal wie vor Wochenfrist Robert Lewandowski im Spiel gegen den HSV. Auch der Pole musste nach 31 Minuten vom Platz. Der Mann, den er eigentlich hatte ersetzen sollen. Weil die Dortmunder aber im Gegensatz zum 1:4 gegen Hamburg dieses Mal trotzdem die drei Punkte einfuhren, durfte Schieber nach dem Spiel ein "unheimliches Kompliment an die Mannschaft" verteilen.

Gerettet hatte den Abend und Schiebers Laune ebenfalls ein Offensivmann: Marco Reus, 23, Nationalspieler, erzielte seine Saisontore neun bis elf und sorgte dafür, dass der Spielberichtsbogen des 3:0-Erfolgs sich hinterher ziemlich eintönig las. Und wo Schieber einen Tiefpunkt seiner BVB-Zeit erlebte, bewies Reus einmal mehr, dass er der derzeit variabelste deutsche Offensivspieler ist. Ob auf dem Flügel, hinter den Spitzen oder als "falsche Neun", wo er sich nach Schiebers Ausfall mit seinem kongenialen Partner Mario Götze abwechselte - was Reus anpackt, gelingt ihm.

Schon in der vierten Minute tauchte er erstmals allein vor Eintracht-Torhüter Kevin Trapp auf, scheiterte aber knapp. Keine vier Minuten machte er es nach einem Traumpass von Götze besser und schob souverän zum 1:0 ein, um nur zwei Minuten später nach einem Hummels-Pass locker zum 2:0 zu treffen. Sein drittes Tor nach der Pause, wieder vorbereitet von Götze, entschied das einseitige Top-Spiel des Zweiten gegen den Vierten dann endgültig.

"Im Abschluss ist Marco überragend, er lässt dem Torwart kaum eine Chance", sagte Ilkay Gündogan, der ein "sensationelles Spiel von Marco" gesehen hatte und damit nicht nur die Tore meinte. "Wir sind alle sehr froh, dass wir ihn haben."

Das falsche Neuner-Spiel

Das dürfte auch Trainer Klopp so sehen, der Reus' Treffer "sensationell, richtig gut und überragend" nannte. Bereits im Vorfeld hatte Klopp darüber nachgedacht, sein Team ohne Stoßstürmer auflaufen zu lassen. Letztlich entschied er sich dann doch für Schieber, wohl auch, um diesem zu zeigen, dass er zur Mannschaft gehört und gebraucht wird. Nach dem Platzverweis bekam Klopp dann unfreiwillig den endgültigen Beweis, dass er gar keinen echten Stürmer braucht.

Weil in der nächsten Partie - ausgerechnet bei Reus' ehemaligem Club Mönchengladbach - beide Stürmer gesperrt sind, kann der BVB das falsche Neuner-Spiel unter Wettkampfbedingungen weiter testen. Sorgen scheint das ohnehin keinem zu bereiten. "Wir haben offensiv ganz, ganz viel Qualität. Alle können mehrere Positionen spielen", sagte Neven Subotic, der sein Team zwar nicht direkt mit dem FC Barcelona oder der spanischen Nationalmannschaft vergleichen wollte, aber systemische Parallelen sah.

Das "spanische System", in dem Reus auch in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw eine zentrale Rolle in der Spitze einnimmt, ist in Dortmund eine grundsätzliche Option für die Zukunft. Zumal es Robert Lewandowski ohnehin nach München zieht, wie SPIEGEL ONLINE bereits seit November immer wieder berichtet hatte.

Reus' größte Leistung an diesem Abend gegen Frankfurt waren am Ende aber nicht seine drei Tore. Er hatte es geschafft, dass selbst Pechvogel Julian Schieber wieder gute Laune hatte: "Nach diesem Spiel kann ich fast schon wieder schmunzeln."

Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt 3:0 (2:0)
1:0 Reus (8.)
2:0 Reus (10.)
3:0 Reus (65.)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan (89. Sahin), Sven Bender - Blaszczykowski (66. Großkreutz), Götze (82. Leitner), Reus - Schieber
Frankfurt: Trapp - Jung, Zambrano, Anderson, Oczipka - Schwegler, Rode (80. Celozzi) - Aigner (60. Occean), Inui - Lakic (78. Matmour), Meier
Schiedsrichter: Brych
Zuschauer: 80.500
Gelb-Rote Karten: Schieber wegen wiederholten Foulspiels (31.) - Inui wegen wiederholten Foulspiels (74.)
Gelbe Karten: Subotic (3), Hummels - Lakic (2)

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