Match des Jahres zwischen BVB und VfB: "Geiles Spiel"

Von Felix Meininghaus, Dortmund

Acht Treffer, drei dramatische Wendungen, ein fulminanter Endspurt: Das 4:4-Remis zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart war das bislang beste Spiel dieser Bundesliga-Saison. Da hatten selbst erfahrenste Profis hinterher Probleme, ihre Begeisterung in Worte zu fassen.

Dortmund vs. Stuttgart: Das beste Spiel der Saison Fotos
DPA

Als der Schlusspfiff ertönte an diesem denkwürdigen Abend im Dortmunder Stadion, fiel Ivan Perisic im gegnerischen Strafraum um wie ein Baum. Borussia Dortmunds kroatischer Angreifer hätte kurz vor dem Spielende mit seiner herrlichen Direktabnahme in den Winkel zum strahlenden Helden werden können. Doch weil dem VfB Stuttgart in der Nachspielzeit auch noch ein Tor gelang, war Perisic nur noch ein Protagonist unter vielen in einem Spektakel, das so viel mehr war als ein normales Fußballspiel.

Die 80.000 Besucher sahen acht Tore und dazu noch einen Latten- und zwei Pfostentreffer in dieser verrückten Begegnung. Zwei Mannschaften rannten, grätschten und schossen sich in einen wahren Rausch: vier Tore für Dortmund, vier für Stuttgart. Weil es eine solch unglaublich rasante Achterbahnfahrt gewesen war, hatten alle Beteiligten erst einmal Mühe, das Erlebte vernünftig einzuordnen. Stuttgarts Trainer Bruno Labbadia hatte ein "irres" oder auch wahlweise ein "geiles Spiel" gesehen.

BVB-Coach Jürgen Klopp wusste nicht, ob er als Fußball-Liebhaber oder als Fachmann urteilen sollte: "Für Fans war das heute der reine Wahnsinn, als Trainer muss ich sagen, ich hatte nicht komplett durchgehend Spaß an diesem Spiel." Dieses 4:4 (1:0) war die mit Abstand spektakulärste Begegnung dieser Bundesliga-Saison. Am Ende gab es keinen Sieger und doch viele Gewinner: das Publikum, das großen Sport und noch größere Emotionen geboten bekam; die Dortmunder, die zwar einen sicher geglaubten Sieg aus der Hand gaben, aber aus dem Erlebten dennoch moralische Kraft für den Saisonendspurt ziehen dürften; die Stuttgarter, ohne die dieses prickelnde Abenteuer nicht möglich gewesen wäre.

VfB dreht die Partie innerhalb von acht Minuten

Schließlich war es dem Aufbäumen der Gäste zu verdanken, dass es eine kuriose Schlussviertelstunde zu bestaunen gab. "Es gibt Tage, in denen du dich als Trainer fragst, warum machst du das?", sagte Labbadia und lieferte die Antwort gleich mit: "An solch einem Abend wie heute weißt du es."

Dabei hatte es 70 Minuten lang so ausgesehen, als wäre der Auftakt des 28. Spieltags nur eine gewöhnliche Partie. Der BVB führte durch die Tore von Shinji Kagawa (33. Minute) und Jakub Blaszczykowski (49.) komfortabel, kontrollierte das Spielgeschehen und zeigte den für Dortmund typischen Erlebnisfußball, der von Laufbereitschaft und Leidenschaft lebt. Nichts deutete darauf hin, dass sich in den letzten 20 Minuten am Kräfteverhältnis etwas ändern würde. Schließlich verfügte der BVB bis dato über die beste Abwehr der Liga.

Doch dann drehten die Stuttgarter das Spiel innerhalb von nur acht Minuten dank Vedad Ibisevic (71.) und den beiden Treffern des überragenden Julian Schieber (77./79.). Wie das passieren konnte, darüber dürfen die Dortmunder in den kommenden Tagen rätseln. "Nach dem 2:0 gab es eine Phase, die wir seit drei Jahren nicht erlebt haben", sagte Klopp: "Solche Fehler passieren uns normalerweise nicht."

Diese Wendung allein wäre schon spektakulär genug gewesen - doch es war erst die vorletzte. Mit Willen und einem Publikum, das selbst für Dortmunder Verhältnisse ungewöhnlich laut war, schlug der BVB zurück: Ein Flachschuss von Mats Hummels (81.), die Direktabnahme von Perisic (87.), plötzlich stand es 4:3. Im Stadion herrschte kollektive Hysterie, am Seitenrand flippte Klopp aus - wäre nun Schluss gewesen, hätten alle vom Dortmunder Meisterstück gesprochen. "Was diese Mannschaft leistet", lobte Labbadia, "ist einfach sensationell." Und Nationalspieler Hummels ergänzte: "Nach dem 2:3-Rückstand haben wir alles gezeigt, was den Fußball so schön macht. Wir haben ein wahres Feuerwerk abgeliefert."

Bayern kann den Druck auf den Meister deutlich erhöhen

Und doch reichte es nicht zum Sieg. In der Nachspielzeit sorgte der eingewechselte Christian Gentner für den fulminanten Schlussakkord, weil Hummels und Marcel Schmelzer sich gegenseitig behinderten, anstatt den Ball aus der Gefahrenzone zu befördern. "Der VfB hat ein Mörderspiel gemacht", sagte Klopp, "sie sind immer gefährlich geblieben. Das ist nur möglich, wenn ein Gegner richtig Qualität auf den Platz bringt."

Wie dieses Remis zu bewerten sei, darüber waren sie sich beim Tabellenführer uneinig. Torhüter Roman Weidenfeller sprach von einer "gefühlten Niederlage", Klopp hielt dagegen, für ihn sei das 4:4 ein Punktgewinn. Derweil bekräftigte Hummels, er sei "schon mal nervöser" gewesen: "Wir haben in der Rückrunde 29 von 33 möglichen Punkten geholt und bleiben nach diesem Spieltag immer noch mindestens drei Punkte vor den Bayern. Es gibt schlechtere Ausgangslagen sechs Spieltage vor dem Ende."

Fakt ist aber auch, dass der Verfolger aus München den Druck auf den Meister mit einem Sieg in Nürnberg deutlich erhöhen kann. Aber mit so schnöden Dingen wie Zahlen und Tabellen wollte sich ohnehin niemand ernsthaft beschäftigen an einem Abend, an dem sich der Fußball als mitreißendes Drama inszenierte. Und ganz nebenbei Werbung in eigener Sache machte. "Es geht ja im Moment um die Fernsehrechte", sagte Klopp, bevor er in die Nacht verschwand: "Jetzt wissen wieder alle, die am Verhandlungstisch sitzen, warum sie so viel blechen sollen."

Borussia Dortmund - VfB Stuttgart 4:4 (1:0)
1:0 Kagawa (33.)
2:0 Blaszczykowski (49.)
2:1 Ibisevic (71.)
2:2 Schieber (77.)
2:3 Schieber (79.)
3:3 Hummels (81.)
4:3 Perisic (87.)
4:4 Gentner (90.+2)
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan (67. Sven Bender), Kehl - Blaszczykowski, Kagawa (81. Barrios), Großkreutz (79. Perisic) - Lewandowski
Stuttgart: Ulreich - Sakai, Maza, Niedermeier, Boka (61. Molinaro) - Kvist, Kuzmanovic - Harnik, Hajnal (70. Gentner), Schieber (84. Bah) - Ibisevic
Schiedsrichter: Weiner
Zuschauer: 80.720 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Lewandowski (4), Perisic - Kuzmanovic (4)

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Danke BVB, danke VfB ...,
surselva-29 31.03.2012
... für dieses irre Fussballspiel. Nun kommt evtl. auch noch einmal etwas Spannung in die Meisterschaft, obwohl ich den BVB (auch aufgrund der gestrigen Leistung) in der klaren Favoritenrolle sehe. Danke auch an Schiedsrichter Weiner: hätte dieser in der 1. Hälfte beim Stand von 0:0 dem VfB den eigentlich fälligen Elfer gegeben und dem BVB-Torwart Weidenfeller wg. dessen Notbremse gg. Ibisevic vom Platz gestellt, wäre das Spiel wohl anders verlaufen und wir hätten nicht diese Klasse und Dramatik erlebt.
2. Spielchen
Querspass 31.03.2012
Zitat von surselva-29... für dieses irre Fussballspiel. Nun kommt evtl. auch noch einmal etwas Spannung in die Meisterschaft, obwohl ich den BVB (auch aufgrund der gestrigen Leistung) in der klaren Favoritenrolle sehe. Danke auch an Schiedsrichter Weiner: hätte dieser in der 1. Hälfte beim Stand von 0:0 dem VfB den eigentlich fälligen Elfer gegeben und dem BVB-Torwart Weidenfeller wg. dessen Notbremse gg. Ibisevic vom Platz gestellt, wäre das Spiel wohl anders verlaufen und wir hätten nicht diese Klasse und Dramatik erlebt.
Die Spielchen an der VFB-Ecke kurz vorm Abpfiff, hat dem BVB den Sieg gekostet!
3.
mannilli 31.03.2012
Zitat von QuerspassDie Spielchen an der VFB-Ecke kurz vorm Abpfiff, hat dem BVB den Sieg gekostet!
Nicht nur das. Auch die vielen unnötig vertanen Chancen, wo ich schon sagte "Wollen die den Ball ins Tor tragen" ... Aber, schönes Spiel/Spannung :)
4.
stefansaa 31.03.2012
Zitat von surselva-29... für dieses irre Fussballspiel. Nun kommt evtl. auch noch einmal etwas Spannung in die Meisterschaft, obwohl ich den BVB (auch aufgrund der gestrigen Leistung) in der klaren Favoritenrolle sehe. Danke auch an Schiedsrichter Weiner: hätte dieser in der 1. Hälfte beim Stand von 0:0 dem VfB den eigentlich fälligen Elfer gegeben und dem BVB-Torwart Weidenfeller wg. dessen Notbremse gg. Ibisevic vom Platz gestellt, wäre das Spiel wohl anders verlaufen und wir hätten nicht diese Klasse und Dramatik erlebt.
und das klare Faul an Kehl vor dem 2:2 oder 2:3 war dann auch nichts? Mit dem Elfer war schon ok. Was soll der Torwart auch machen? Dem Spieler aus dem Weg gehen und das Tor offen stehen lassen? War definitv ein dramatisches Spiel und dortmund wird wieder mal für die schlechte Chancenauswertung bestraft.
5. In der Tat
intermezzo 31.03.2012
Zitat von sysopAPAcht Treffer, drei dramatische Wendungen, ein fulminanter Endspurt: Das 4:4-Remis zwischen Borussia Dortmund und dem VfB Stuttgart war das bislang beste Spiel dieser Bundesliga-Saison. Da hatten selbst erfahrendste Profis hinterher Probleme, ihre Begeisterung in Worte zu fassen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,824928,00.html
"Geiles Spiel" triffts ausnahmsweise tatsächlich. Ich hatte das Spiel für Stuttgart schon abgehakt als sie mit dem letzten Treffer noch den Punkt geholt haben. Da kann man nur seinen Hut ziehen. Die haben das echt bis zuletzt ernsthaft weitergespielt. Die zwei Tore direkt hintereinander waren in meinen Augen allerdings ein wenig fahrlässig. Trotzdem ein hochspannendes Spiel. :) Am Ende bleibt mir ein fader Beigeschmack von einem recht arroganten Hummels im Interview bei Sky, der das Tor kurz vor Schluss als einen dreckigen Ausgleich bezeichnet hat. Der Treffer kam ja nicht von ungefähr, von einer Schiedsrichter Fehlentscheidung oder Ähnlichem. Da wurde einfach die Schläfrigkeit und dieses siegessichere Gefühl nochmal eiskalt bestraft in einer ganz normalen Angriffsszene. So was passiert wenn man nicht bis zum Abpfiff bei der Sache ist und das ist deswegen auch nicht dreckiger als jedes andere Tor auch. Gegen manche Teams kann man halt nicht auf Sparflamme zuende spielen und das Ergebnis halten. Herr Hummels sollte sich, wenn er dieser Ansicht ist, mal lieber fragen lassen wie mehr oder minder dreckig das Weiterkommen im Pokal war. Konsequenterweise müsste er seinen Club dann ja zu unrecht im Finale sehen.
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