Dortmunds suspendierter Top-Stürmer Gefährdeter Zusammenhalt 

Pierre-Emerick Aubameyangs Suspendierung war die Folge vieler Vergehen. Andere Spieler sollen sich über den BVB-Stürmer beschwert haben. Die Entwicklung erinnert an den FC Bayern unter Ex-Coach Ancelotti.

imago/ DeFodi

Dass Pierre-Emerick Aubameyang sich umgehend wehrte, statt seinen Fehler einzugestehen, wird sicher nicht zum Betriebsfrieden beitragen. "Dieses Mal verstehe ich es wirklich nicht, ich wollte nicht zu spät kommen", lautete der via "Bild"-Zeitung verbreitete Rechtfertigungskommentar des Stürmers, der am Donnerstag den Beginn des Abschlusstrainings verpasst hatte und daraufhin "aus disziplinarischen Gründen" suspendiert wurde. Er habe sich schlicht mit der Uhrzeit vertan, lautete Aubameyangs Entschuldigung.

Die Dortmunder werden das Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart also ohne ihren erfolgreichsten Torjäger bestreiten, mindestens ebenso bedrohlich ist allerdings, dass das Alltagsklima beim Revierklub offenbar äußerst gereizt ist. Es kursieren unwidersprochene Gerüchte, dass Aubameyang in den vergangenen Wochen immer wieder unpünktlich gewesen sei, und dass Teile der Mannschaft sich schon früher beim Trainerteam darüber beschwert haben. Das Fass sprichwörtlich zum Überlaufen gebracht haben soll ein privater Videodreh mit Red-Bull-Freestyler Sean Garnier, der auf dem Trainingsgelände des BVB und unmittelbar nach dem Abschlusstraining stattfand. Vor diesem Hintergrund bekommt ein kleiner Satz, den Chefcoach Peter Bosz am Mittwoch formulierte, eine ganz neue Dimension: Der BVB müsse in Stuttgart "als eine richtige Mannschaft auftreten", hatte der Niederländer gefordert, die Zweifel am Zusammenhalt sind also schon älter als der Eklat vom Donnerstagabend.

Im BVB-Kader rumort es

Diese Schäden im Kollektiv sind bemerkenswert, schließlich ist gerade mal ein Spieltag vergangen, seit Hans-Joachim Watzke vom Dortmunder Binnenklima schwärmte. "Die persönliche Zusammenarbeit aller Beteiligten mit Peter Bosz ist außergewöhnlich gut, es ist ein sehr großes Vertrauensverhältnis", hatte der Geschäftsführer des Klubs vor der 1:3-Niederlage gegen den FC Bayern versichert. Doch die Güte von Bosz hat eine Schattenseite: Offenkundig begriffen Spieler wie Aubameyang das Laisser-faire-Credo ihres Trainers als Einladung, die Sache mit der professionellen Arbeit etwas lockerer zu sehen.

So lange ein Spieler in jeder Partie zwei Tore schießt, ist so etwas verkraftbar. Frühere Eskapaden wie eine Reise nach Mailand oder Jubeltänzchen mit Superheldenmasken haben sie dem Gabuner immer schnell verziehen. Wenn sich aber der Eindruck verfestigt, dass der Star mit den Extrawürsten auch auf dem Platz keine echte Hilfe ist, wird es gefährlich. Gewiss dachte Raphaël Guerreiro auch an Aubameyang als er Anfang dieser Woche die Arbeitshaltung des Teams kritisierte: "Wir hatten vielleicht zu wenig Motivation, zu wenig Leidenschaft in den Duellen eins-gegen-eins und haben zu viele Zweikämpfe verloren", sagte der Portugiese. Kapitän Marcel Schmelzer sagte im "Kicker": "Wir Spieler sollten uns nicht in der aufgeregten System- und Taktikdiskussion verstecken, die in der Öffentlichkeit geführt wird."

Ähnlichkeiten zur Causa Ancelotti in München

Das komplexe Pressingspiel, das Bosz vorschwebt, funktioniert nämlich nur, wenn auch die Stürmer mit hoher Intensität verteidigen, wenn sie die gegnerischen Aufbauspieler auch ohne Chance auf direkte Ballgewinne anlaufen. Das ist zermürbend und war noch nie Aubameyangs Stärke. "Wir haben eine klare Spielweise, und diese Spielweise müssen wir wirklich zu 100 Prozent darstellen, wenn wir erfolgreich sein wollen", sagte Bosz wohl auch in Richtung Aubameyang. Der Niederländer wehrt sich derzeit entschlossen gegen eine Entwicklung, die Parallelen zu den Vorgängen beim FC Bayern unter Carlo Ancelotti aufweist.

In München wurde kollektiv aufgeatmet, als der anstrengende Optimierungsfanatiker Pep Guardiola weg war und der gemütliche Italiener den Trainingsalltag bestimmte. Doch nach und nach schlichen sich Disziplinlosigkeiten ein, das Team war nicht mehr so fit und zerbrach in einen Teil von Spielern, die die neue Gemütlichkeit genossen und eine Fraktion, die spürte, dass man so keine großen Titel gewinnen kann.

Beim BVB musste der schwierige Thomas Tuchel gehen, die Erleichterung wirkte befreiend, doch seit einigen Wochen kursieren Gerüchte, dass es ein wenig zu locker zugehe und dass unter Bosz weniger Wert auf die Fitness gelegt werde. Experten haben bereits Daten zusammengetragen, die diesen Verdacht stützen, im Vergleich zur Vorsaison läuft die Mannschaft weniger, sie sprintet seltener und foult öfter, was ebenfalls ein Indiz für körperliche Defizite sein kann.

Allerdings sind solche Werte stark abhängig von Spielverläufen oder der Taktik, und dass der zuletzt häufig eingesetzte Nuri Sahin im zentralen Mittelfeld nicht so schnell ist wie Julian Weigl, der im Vorjahr meist spielte, hat nichts mit dem Training zu tun. Insofern lassen sich aus solchen Veränderungen kaum verlässliche Schlüsse auf den tatsächlichen körperlichen Zustand der Profis ziehen. Dass es in der Gruppe kräftig rumort, lässt sich hingegen kaum noch bestreiten.



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B. Hoffrich 17.11.2017
1. Deshalb steht der BVB auch auf der 3. Stelle der Tabelle.
"Das komplexe Pressingspiel, das Bosz vorschwebt, funktioniert nämlich nur, wenn auch die Stürmer mit hoher Intensität verteidigen, wenn sie die gegnerischen Aufbauspieler auch ohne Chance auf direkte Ballgewinne anlaufen." Ein Stürmer, der verteidigen soll, wird mental zum Verteidiger. Er ist als Stürmer nicht mehr auf seine eigentliche Aufgabe konzentriert genug. Er kann vorne stören, aber nicht tackeln, um sich n i c h t zu verletzten. Und muss seien Kräfte für den alles entscheidenden Torschuss sparen. Abwehren können die Spezialisten im Mittelfeld besser. Arbeitsteilung hat sich -seitdem die Menschheit existiert- als die effektivste Methode der Zusammenarbeit erwiesen. Bosz liegt falsch.
ProbeersEinfach 17.11.2017
2.
Die letzen Jahre schlingert der BVB gewaltig und man hat mit der Entlassung von Tuchel einen gravierenden Fehler gemacht. Mit der Ernennung von Bosz diesen Fehler sogar noch verschlimmert. Trainerglücksgriffe wie der Jürgen haben über die Hauptursache, das schlechte Management von Borussia Dortmund, hinweggetäuscht. Selbst wenn ich bei den Schwatz-Gelben Foren vorbei schaue, Watzke wirkt bei den Fans angezählt. Die Schmähungen in der gelben Wand brauchen wir nicht zu diskutieren, da ist der Mann schon lange gehasst. Mir als Nicht-Dortmundfan könnte es recht sein, dass der BVB weiter kräftig an einer dauerhaften Selbstschwäung arbeitet, allerdings wäre eine dritte starke Fußballmacht in Deutschland wichtig. Die Bullen aus Leipzig können nicht genug Druck auf Bayern machen um diese genügend zu pushen. Auch wenn der BVB Lichtjahre vom Leistungsvermögen von Leipzig entfernt scheint, so hoffe ich doch, dass sie sich wieder fangen werden.
Muttimörkel 17.11.2017
3. Falscher Ansatz!
Trainer Bosz versucht auf Teufel komm raus sein primitives Pressing System durchzudrücken. Abgesehen von dem offensichtlichen Manko gegen Spielstarke Teams damit nichts ausrichten zu können, fehlt es eindeutig an tatktischer Flexibilität. Man kann über Tuchel denken was man will, aber er hat stets sein Spielsystem dem Gegener und dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Wenn ein Auba nicht der größte im Gegenpressing ist, er es aber dennoch machen soll, dann hat der Trainer in Aufstellung und Taktik versagt! Gleiches gilt für diese abenteuerlichen Aufstellungen in der Defensive die Bosz in den letzten Wochen auf den Platz geschickt hat. Wenn ich keine Außenverteidiger mehr habe, macht es wenig Sinn im 4-4-3 einen Innenverteidiger außen aufzustellen, der damit hoffnungslos überfordert ist. Da muss man dann halt mal flexibel in der Birne sein und ein anderes System spielen...
TheHitch 17.11.2017
4.
Zitat von MuttimörkelTrainer Bosz versucht auf Teufel komm raus sein primitives Pressing System durchzudrücken. Abgesehen von dem offensichtlichen Manko gegen Spielstarke Teams damit nichts ausrichten zu können, fehlt es eindeutig an tatktischer Flexibilität. Man kann über Tuchel denken was man will, aber er hat stets sein Spielsystem dem Gegener und dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Wenn ein Auba nicht der größte im Gegenpressing ist, er es aber dennoch machen soll, dann hat der Trainer in Aufstellung und Taktik versagt! Gleiches gilt für diese abenteuerlichen Aufstellungen in der Defensive die Bosz in den letzten Wochen auf den Platz geschickt hat. Wenn ich keine Außenverteidiger mehr habe, macht es wenig Sinn im 4-4-3 einen Innenverteidiger außen aufzustellen, der damit hoffnungslos überfordert ist. Da muss man dann halt mal flexibel in der Birne sein und ein anderes System spielen...
Du bist bestimmt der beste Trainer in deinem Wohnzimmer, oder? Der ist aber auch dumm, der Bosz…
Oskaraus der Tonne 17.11.2017
5. So sehr
ich den BVB und den Medienhype darum verachte - hier muss ich zugeben, das nötigt mir einen gewissen Respekt ab. Aubameyang ist ein Selbstdarsteller ohne Ende und stellt sich und seine Socialmediapossen über alles. Umso wichtiger von der KGaA, ihm die Grenze aufzuzeigen und die Mannschaft nicht komplett zu spalten. Auch wenn es in diesem Fall um den mit Abstand besten Stürmer des Konstruktes (trotz Torflaute) geht.
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