Peter Stöger nach 0:6-Debakel "Dann muss man schauen, wer kann das"

Sie hatten so gehofft, dass Peter Stöger doch der richtige Mann für den BVB sein könnte. Das 0:6-Debakel in München zeigte: Er ist es nicht. Der Trainer selbst sprach nach Abpfiff bereits über einen Nachfolger.

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Von Florian Kinast, München


Nach dem letzten Interview des Abends war Peter Stöger auf dem Weg zurück Richtung Kabinentrakt, da drehte er sich noch einmal um. "Danke, ebenfalls", entgegnete er einem Journalisten, der ihm schöne Ostern gewünscht hatte. Dann verschwand Stöger hinter einer Glastür.

Es waren Minuten, in denen sich der Österreicher nicht nur in die Feiertage zu verabschieden schien, sondern von Borussia Dortmund insgesamt. Dass ein Bundesliga-Trainer nach dem Ende eines Spiels so offen seinen Arbeitsplatz in Frage stellt und bereits über einen Nachfolger sinniert, hat man im Fußball lange nicht erlebt. Es war das letztlich konsequente Fazit eines bemerkenswerten und für Borussia Dortmund desaströsen Abends.

Das 0:6 in München bedeutete mehr als die höchste Liga-Pleite seit 1991, damals ein 0:7 gegen den VfB Stuttgart. Und es war mehr als nur der schonungslose Beleg, dass der BVB dem alten Rivalen aus München in keiner Hinsicht mehr gewachsen ist. Die Demütigung zeigte vor allem, dass Peter Stöger seine Mannschaft nicht mehr erreicht - und er daher auch selbst am besten weiß, dass es für ihn wohl keine Zukunft mehr geben wird in Dortmund.

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Dabei hatten die Dortmunder in München zuvor noch so stark gekämpft. Kurz vor Weihnachten im DFB-Pokal, wenige Tage, nachdem Stöger als Nachfolger von Peter Bosz verpflichtet worden war. Beim knappen 1:2 war die Borussia nahe am Ausgleich und einer Verlängerung. Hoffnung machte sich damals breit, dass Stöger der richtige Mann sei, um das Team wieder auf Kurs zu bringen.

Gute drei Monate später zeigte sich an gleicher Stelle: Er ist es nicht.

Meist reglos und fast apathisch verfolgte Stöger die desolate erste Halbzeit auf der Bank. Selbst sein Trainer-Kollege Jupp Heynckes zeigte mehr Regung: Als seine Bayern 3:0 führten, sprang er immer wieder von der Bank auf, wirkte mit einzelnen Spielzügen gar unzufrieden. Stöger hingegen blieb sitzen - eine Reaktion zeigte er nur nach Spielende. Die hatte es dafür in sich.

"Weniger Entsetzen, mehr Enttäuschung"

"Es ist weniger Entsetzen, dafür haben wir zu viel falsch gemacht, eher Enttäuschung", begann Stöger sein Resümee vor den Kameras. Von mangelnder Zielstrebigkeit sprach er, von einem Gegner, der die Fehler "beinhart ausgenutzt" habe. Und dass das Auftreten dem Anspruch auf die dauerhafte Nummer zwei im Land oder vielleicht sogar mal wieder auf mehr nicht gerecht wurde.

Dann wurde er deutlich: "Vielleicht ist es eine gute Situation, mal so eine Klatsche zu bekommen, damit man alle Steine mal umdreht. Welche Rädchen muss man drehen? Und es sind nicht nur Rädchen, sondern Räder, die man angehen muss." Und weiter: "Da gehört auch die Position des Trainers dazu. Dann muss man schauen, wer kann das."

Dortmunds Trainer Peter Stöger
DPA

Dortmunds Trainer Peter Stöger

Die spielerischen Fortschritte? Marginal

Auch wenn es Stöger nicht als Abgesang verstanden wissen wollte, genau so hörte es sich an. "Es geht nicht um meine Person, ich bin froh und stolz, hier arbeiten zu dürfen. Aber mein Leben definiert sich nicht darüber, dass ich beim BVB an der Seitenlinie stehe. Ich habe schon so viele Sachen in meinem Leben gemacht, ich bin ein relativ aufgeräumter und glücklicher Mensch."

Auch wenn die Pleite in München seine erste Bundesliga-Niederlage im 13. Spiel mit Dortmund war: Schon in den vergangenen Wochen waren großen Defizite zu erkennen. Die spielerischen Fortschritte? Marginal. Oft wirkte die Mannschaft konzeptlos wie beim verdienten Aus in der Europa League gegen Salzburg, ohne Idee und ohne Struktur, mit verunsicherten Spielern, die sich grobe individuelle Patzer leisteten, wie Gonzalo Castro und Julian Weigl am Samstag in München.

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Sportdirektor Michael Zorc ging auf die Trainerpersonalie nicht ein, sprach allgemein von nicht vorhandenen Grundtugenden und der "fehlenden Bereitschaft, sich der Niederlage entgegenzustemmen".

Noch etwas rätselhaft wirkt unterdessen die Aufgabe von Matthias Sammer, der am Freitag als neuer externer Berater vorgestellt wurde. "Etwa alle zwei Wochen bin ich mit vor Ort, der Verein will sich austauschen", erklärte der frühere Sportdirektor des FC Bayern. "Aber dann bin ich auch wieder weg." Was das wirklich bringen kann in dieser Krise, bleibt abzuwarten.

"Gut, wenn man sich zusätzlich Kompetenz ins Haus holt", sagte Stöger dazu schlicht und ergänzte, dass er noch keinen Kontakt zu Sammer gehabt habe. Viel Gelegenheit wird es dafür auch nicht mehr geben, ab Sommer dürfte Stöger nicht mehr in Dortmund sein, sondern irgendwo anders. Als glücklicher und aufgeräumter Mensch.

Bayern München - Borussia Dortmund 6:0 (5:0)
1:0 Lewandowski (5.)
2:0 James (13.)
3:0 Müller (23.)
4:0 Lewandowski (44.)
5:0 Ribéry (45.+1)
6:0 Lewandowski (87.)
Bayern München: Ulreich - Rafinha, Jérôme Boateng, Hummels, Alaba (46. Kimmich) - Martínez - Robben (69. Rudy), Müller, James (65. Thiago), Ribéry - Lewandowski
Borussia Dortmund: Bürki - Piszczek, Sokratis, Akanji, Schmelzer - Dahoud, Castro (29. Weigl) - Pulisic (75. Philipp), Götze (78. Sahin), Schürrle - Batshuayi
Schiedsrichter: Bastian Dankert
Gelbe Karten: Ribéry / Weigl
Zuschauer: 75.000 (ausverkauft)

insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
Fata Morgana 01.04.2018
1. Danke Herr Watzke
Für die faulen Ostereier, die Sie den BVB Fans mit der Entlassung Tuchels letztes Jahr ins Nest gelegt haben.
helmipeters 01.04.2018
2. ein Watzke-Problem
Das BVB-Problem heißt Watzke. Wegen seiner persönlichen Eitelkeit hat er den erfolgreichen Trainer Tuchel rausgeschmissen. Die angeblichen Klagen der Spieler über Tuchel dienten ihm dabei als Vorwand. Ich hoffe der BVB landet bestenfalls im Verliererwettbewerb Euroliga.
frickartist 01.04.2018
3. Her mit Heynckes/Hoeness
Wenn ich Dortmund waere,wuerde ich das Duo Heynckes/Hoeness abwerben.Man koennte es eventuell auch mal mit einer Namensänderung probieren,vielleicht hilft das etwas:FC Bayern Dortmund.
pansenhans75 01.04.2018
4. Stöger
Der Trainer ist unumstritten ein guter Mann, er hat Köln zu dem gemacht was es heute ist....trotz desolater Saison ein Europapokalteilnehmer.....wir Kölner werden ihn als Trainer und als Menschen immer im Herzen behalten, weil er sich in dem Umfeld stark bewährt hat...... die Umstände der aktuellen Saison haben ihn raus gedrängt, das Feuer war irgendwann aus.....in Dortmund ist er nie angekommen, die Mannschaft trägt nicht seine Handschrift, er arbeitet auf Abruf........ so kann man nur scheitern , aber er wird wieder kommen und zeigen das er einer der Guten ist
Levator 01.04.2018
5. Stöger
Nicht erst seit gestern ein völlig desillusionierter Trainer. Seine grotesk überschätzte Mannschaft ist auch noch beratungsresistent und kaum in der Lage, dem Trainer zuzuhören. Kein Wunder, dass er bei diesem Verein nicht mehr weitermachen möchte. Einen weiteren Imageschaden an seiner Person will er wohl offenbar vermeiden und niemand kann es ihm übel nehmen, wenn er sich nicht gleichermaßen mit dem Nasenring durch die Manege ziehen lassen will wie seine "Spieler"....
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