Dortmunds Heimsieg Eine Frage der Perspektive

Nach dem 2:1 des BVB gegen 1899 Hoffenheim wird leidenschaftlich über die Fehler der Schiedsrichter debattiert. Der wichtigste Grund für den Sieg der Dortmunder liegt aber woanders.

Von , Dortmund


Besonders gut gelaunt sah Alexander Rosen nicht aus, als er am späten Samstagnachmittag in den Gängen des Westfalenstadions auftauchte, aber seinen Humor hatte er nicht verloren. "Am liebsten hätte ich zur Halbzeit ein Loch ins Netz geschnitten, das hatten wir ja noch nicht", sagte der Manager von Hoffenheim nach dem 1:2 beim BVB und ließ seine Worte wirken.

Rosen war ein listiger Scherz geglückt, denn der Schiedsrichter Dr. Felix Brych, dessen Arbeit nach dieser Partie im Mittelpunkt der Debatten stand, war schon der verantwortliche Unparteiische gewesen, als die Hoffenheimer 2013 ihr legendäres Phantomtor durch ein defektes Netz gegen Bayer Leverkusen kassierten.

In Dortmund hatten sie nun ähnlich gute Gründe, sich betrogen zu fühlen: Das 1:0 durch Marco Reus war ein klares Abseitstor (4. Minute). Der BVB erhielt einen unberechtigten Elfmeter, den Pierre-Emerick Aubameyang allerdings verschoss (14.) und die beste Hoffenheimer Chance wurde durch einen ungerechtfertigten Abseitspfiff zerstört (45.). Das waren nur die spektakulärsten unter vielen strittigen Szenen. "Ich habe keine Großchance des BVB gesehen, die nicht von den Schiedsrichtern eingeleitet wurde", zürnte dann auch Trainer Julian Nagelsmann, der sich besonders über den vierten Offiziellen ärgerte.

Der Unparteiische zwischen den Trainerbänken sei nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, für Ruhe am Spielfeldrand zu sorgen, statt seinem Chef auf dem Platz zu assistieren. "Ich kriege ein paar Euro auf mein Konto, damit ich meine Mannschaft besser mache und er bekommt ein paar Euro, damit er da hinschaut, wo der Ball ist, das ist sein Job", schimpfte Nagelsmann. Torhüter Oliver Baumann resümierte trocken: "Man fühlt sich schon ein bisschen beschissen."

Dortmund siegt dank defensiver Stabilität

Damit ist eine mögliche Sichtweise auf diese Partie dargestellt. Die 90 Minuten waren voller kleiner und mittelgroßer Fouls, voller Provokationen und Sticheleien, die Brych nie in den Griff bekam. Mit Wucht brach die über Jahre kultivierte Abneigung zwischen dem Emporkömmling aus dem Kraichgau und dem angeblich so anders funktionierenden Traditionsverein aus dem Revier hervor, und nicht einmal Aubameyangs 2:0 (82.) beruhigte die Partie.

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BVB-Sieg über Hoffenheim: Angriff abgewehrt

Selbst eine Stunde nach dem Abpfiff kochten die Emotionen noch immer hoch, wobei dieses Fußballspiel auch einen anderen Interpretationsansatz bot: Denn mehr als am Schiedsrichtergespann scheiterten die Hoffenheimer an einer funktionierenden Defensive des BVB. Thomas Tuchel sprach von einer "herausragenden Verteidigungsleistung", und lobte "den Geist", den seine Mannschaft gezeigt habe. Noch in der Nachspielzeit grätschte Aubameyang tief in der eigenen Hälfte Bälle ins Aus. Der Wille, diese Partie zu gewinnen, war enorm. Bis auf den Elfmeter hatte Dortmund keine Hoffenheimer Torchance zugelassen.

Fußballästheten im Publikum durften sich enttäuscht fühlen. Die Partie war keinesfalls so hochklassig, wie man es sich von diesem Duell um die direkte Qualifikation für die kommende Champions-League-Saison erhoffen konnte. Das große Offensivspektakel blieb aus, dafür zeigten sich die Dortmunder mal von einer weniger bekannten Seite.

Keine TSG-Torchance aus dem Spiel heraus

Die prägenden Akteure an diesem Tag waren nicht Ousmane Dembélé, Aubameyang, Reus oder Shinji Kagawa, sondern Matthias Ginter, Sokratis und Julian Weigl. Wo sich in den vergangenen Monaten immer Fehler eingeschlichen hatten, erzeugte der BVB gegen Hoffenheim eine Stabilität, die zum spielentscheidenden Faktor wurde. Die TSG wurde in keiner Phase wirklich gefährlich- und das Anschlusstor war das Resultat einer weiteren umstrittenen Entscheidung.

Ginter hatte seinen Arm am Körper von Sandro Wagner, woraufhin Brych Elfmeter pfiff. Wie die Dortmunder ihren kostbaren Vorsprung danach über die Zeit spielten, war dann ein Zeugnis großer Reife. Der junge Trainer Tuchel hatte den noch jüngeren Kollegen Nagelsmann besiegt.

Als die Sonne unterging, debattierte Nagelsmann immer noch über die Tücken der Schiedsrichterei, während Tuchel beim Wesentlichen blieb und verbal den Zeigefinger hob. "Das war kein Endspiel, die Saison ist nicht vorbei, Platz drei ist nicht gesichert, es ist elementar wichtig für uns, nicht die Spannung zu verlieren", sagte er.

Offenbar fürchtet der Trainer, dass die Mannschaft oder Teile des Umfelds sich jetzt zurücklehnen könnten, insofern dürfte Tuchel sich über das Schlusswort von seinem Verteidiger Sokratis gefreut haben: "Jetzt müssen wir die nächsten beiden Spiele gewinnen. Und den Pokal."



insgesamt 40 Beiträge
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weissallesbesser 06.05.2017
1. Katastrophale Schiedrichterleistung
Auf beiden Ssiten Fehlentscheidungen, keine klare Linie (bei ähnlichem Foulspiel bekam ein Spieler gelb, das andere mal nicht). Es ging um viel und so bleibt ein Geschmäckli, das kann im Profifußball nicht sein. Das Spiel war die beste Werbung für den Videobeweise.
alaba27 07.05.2017
2. BVB-Fan ?
Anders ist diese Sichtweise nicht zu erklären. Natürlich hat der BVB eine starke Defensivleistung abgeliefert. Aber wenn das Spiel genauso gelaufen wäre und die Spieler hätten statt schwarz-gelben Bayerntrikots angehabt ... Das Geschrei hätte ich gerne mal gehört. Da wäre "Bayern-Dusel" und "Rolex-Kalle" wahrscheinlich noch das harmloseste.
verruca 07.05.2017
3. ...
Zitat "Der junge Trainer Tuchel hatte den noch jüngeren Kollegen Nagelsmann besiegt." Zitatende Hat er im Resultat tatsächlich. Das hatte allerdings weniger mit taktischer Finesse als mit schiedsrichterlicher Willkür zu tun. Oder Blindheit? Oder Unfähigkeit? Ich kann's echt nicht erwarten bis endlich der Videobeweis solche völlig überforderten Selbstdarsteller in ihre Schranken verweist. Es ist einfach unerträglich wie die Leistung einiger angeblich neutraler Entscheider freihändig über die Saisonziele und Zukunft von Vereinen entscheidet. Hätte bei halbwegs korrekten SR Entscheidungen dann Hoffenheim gewonnen? Nö! Nicht zwingend. Eher nicht. Oder vielleicht doch? Aber bereits in der 4. Minute eine solche Posse zu beginnen, erübrigt die Frage nach einem "was wäre gewesen wenn" ... Die Frage macht einfach keinen Spaß weil hier Beschiss (gegen beide Seiten) im Spiel war.
uli-schmitt 07.05.2017
4. ich vermisse in diesem Artikel
die Szene, in der Sokratis im Strafraum seinen Gegner quasi entkleidete....
theexpertspeaks 07.05.2017
5. Manchmal hat man eben Glueck mit dem Schiri, manchmal nicht....
Ich kann die Hoffenheimer verstehen, dass sie sauer sind, aber es gaab sicher auch schon Situationen in der Saison, wo es andersherum lief.Die Borussia wird sich in den letzten beiden Spielen ganz sicher nicht mehr die Butter vom Brot nehmen lassen und Fussball-Deutschland freut sich, die Dortmunder wieder in der Champions.eague zu sehen. Mit dem sicheren Erreichen der Championsleague-Quali ist es trotzdem die erfolgreichste Saison fuer 1899 - Glueckwunsch!
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