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31. August 2018, 16:58 Uhr

Dortmunder Mittelfeld unter Favre

Kampf statt Kreativität

Von Tobias Escher

Mario Götze auf der Bank, Shinji Kagawa außen vor: Trainer Lucien Favre stellt das Dortmunder Mittelfeld um. Der Stilwechsel hat seinen Preis.

Kein Spieler verkörpert den neuen BVB so sehr wie Thomas Delaney. Eine Szene aus dem Bundesligaauftakt hat das besonders deutlich gemacht. Nach dem 2:1-Führungstreffer gegen RB Leipzig scharrte er seine Mitspieler in einem Kreis um sich und hielt eine Ansprache, mitten auf dem Rasen. Es reifte der Eindruck: Da steht ein Team auf dem Platz, das intakt ist. Am Ende gewann die Borussia 4:1.

Delaney kam erst im Sommer aus Bremen nach Dortmund, er steht für einen Strategiewechsel im Klub, den BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke vor der Saison eingefordert hatte. "Wir müssen im Bereich Mentalität, Führungsstärke und positiver Aggressivität zulegen", sagte er dem Fan-Magazin Schwatzgelb.de.

Und tatsächlich: Mehr Kampf statt reiner Schönspielerei, das scheint der neue Trainer Lucien Favre umzusetzen. Insbesondere das zentrale Mittelfeld steht dafür. Dort hat Favre eigentlich kreative Profis zur Auswahl. Mario Götze aber blieb in Leipzig auf der Bank, Julian Weigl kam (allerdings aufgrund seines Trainingsrückstands) bei der zweiten Mannschaft zum Einsatz, Shinji Kagawa, Sebastian Rode schafften es gar nicht erst in den Dortmunder Kader. Die Idee dahinter: mehr Kompaktheit, mehr Zweikampfstärke im Spiel gegen den Ball. Das geht jedoch auf Kosten der Spielstärke.

Gegen RB, wo Favre im Mittelfeld konsequent auf die Neuen setzte, war das noch kein Problem. Axel Witsel, seit gerade einmal drei Wochen in Dortmund, stand direkt in der Startaufstellung, ebenso Delaney. Mahmoud Dahoud, den Favre bereits in Gladbach trainiert hatte, komplettierte das Dreier-Mittelfeld.

Favre ist ein Ordnungsfanatiker, der vor allem im Spiel gegen den Ball Disziplin erwartet. Er gibt seinen Profis simple, klare Anweisungen mit. So kennzeichnet auch das Dortmunder Mittelfeld eine schlichte Aufgabenteilung.

Witsel sollte als tiefster Mittelfeldspieler den Sechserraum sichern. Im Aufbau ist er vor der Abwehr der zentrale Spielgestalter. Gegen Leipzigs aggressives Pressing bot er sich immer wieder tief in der eigenen Hälfte an, forderte die Bälle von seinen Innenverteidigern. 90 Prozent Passgenauigkeit und ein SPIX-Wert im Bereich Spielaufbau von 75 deuten an: Witsel könnte zum Schlüsselspieler im Aufbau werden.

Dahoud soll als Verbindungsspieler seine Laufstärke einbringen. Gegen RB holte er sich die Bälle mal tief in der eigenen Hälfte ab, mal sprintete er in den gegnerischen Strafraum. Der SPIX zeigt: Dahouds Werte in der Balleroberung waren überdurchschnittlich. Dazu trug vor allem sein aggressives Pressing auf zweite Bälle bei (fünf Ballsicherungen).

Delaney agiert etwas offensiver als seine Kollegen. Er soll aus dem Mittelfeld nach vorne stoßen, um hinter dem gegnerischen Mittelfeld anspielbar zu sein. Vor allem aber soll der Däne nach Ballverlusten sofort die Rückeroberung einleiten. Kein Dortmunder fing gegen Leipzig mehr Pässe ab (vier). Seine Defensivstärke ist der Grund, dass er den Vorzug vor Götze erhält.

Erst am Ball werden Delaneys Defizite offenbar. Nicht immer gelang es ihm, die Bälle zu behaupten, die Witsel ihm zuspielte. In der gegnerischen Hälfte setzte er kaum Akzente. Nur eine Torschussvorlage und mehrere Fehlpässe zeigen sich in der Kategorie Chancenkreation.

Delaney steht exemplarisch für die Schwachstelle des neu formierten Dortmunder Mittelfelds: Alle Spieler haben ihre Stärken in der Mentalität und im Kampf gegen den Ball. Wenn es darum geht, kreativ zu werden, haben sie Schwächen. Niemand aus dem Trio kann im finalen Drittel den tödlichen Pass spielen.

Vielleicht setzt Favre künftig auf jene spielstarken Profis, die gegen Leipzig außen vor blieben. Mit Götze und Kagawa bietet der BVB-Kader zwei Akteure mit der Fähigkeit, den tödlichen Pass zu spielen. Gerade Götze könnte mit Witsel harmonieren: Witsel baut das Spiel aus der Tiefe auf, Götze bringt den Ball per Dribbling oder Pass in den Strafraum. Diese Aufgabenteilung würde zum direkteren Spiel nach vorne passen, das Favre anstrebt.

Vorne war bislang Marco Reus mit seinen Sprints in die Tiefe Dortmunds wichtigste Offensivwaffe. Am ersten Spieltag stürmte er in die SPON11 . Unter der Woche verpflichtete der BVB Paco Alcácer aus Barcelona.

Ein Transfer, der dringend benötigt worden war. Denn aller neu gewonnenen Mentalität zum Trotz: Der BVB wird sich im Mittelfeld und Angriff spielerisch steigern müssen, wenn er auch gegen defensive Teams bestehen will. Solche, die sich am eigenen Strafraum verbarrikadieren. Ob das klappt, dürfte sich bereits an diesem Abend zeigen. Dann ist Dortmund bei Hannover 96 zu Gast (20.30 Uhr, Stream: Eurosport Player; Liveticker SPIEGEL ONLINE).

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