BVB gegen den FC Bayern Beinahe auf Augenhöhe

Borussia Dortmund verlangte dem FC Bayern beim 0:0 im Spitzenspiel alles ab. Der BVB hat aufgeholt. Doch die Partie zeigte auch, was die Bayern dem einzigen Verfolger voraushaben.

Von und , Dortmund


Eine Stunde war das große Spiel nun zu Ende, und Thomas Tuchel war pflichtbewusst von Kamera zu Kamera gehetzt, was bei Bundesligatrainern die Stimmung meist merklich verschlechtert. Erst recht, wenn sie wie Tuchel nicht gewonnen haben.

Doch der Dortmunder Trainer war immer noch blendend aufgelegt, regelrecht berauscht vom großen Glück einer erfolgreichen Arbeit. "Mein Wunsch war, dass meine Mannschaft genauso spielt, wie sie gespielt hat, es war ein Genuss, dieses Spiel zu coachen, wir haben abgeliefert ohne Ende", sagte Tuchel. "Und deswegen interessiert mich das Ergebnis überhaupt nicht."

Es war die pure Fußballbegeisterung, die den Trainer in diesem Moment zu erfüllen schien, oder um es mit der Dortmunder Marketingrhetorik zu sagen: "Echte Liebe" zu seiner Mannschaft und zu seinem Werk.

Hätte am Ende nicht dieses 0:0 gestanden, sondern ein Sieg für Borussia Dortmund, wäre Tuchel vermutlich vor Freude explodiert. Dieser Sieg war zwar möglich, aber er wäre keinesfalls verdient gewesen, darin waren sich alle Beteiligten einig. Bei genauer Betrachtung waren die Bayern einen Hauch besser, das gab auch Tuchel zu, als er gefragt wurde, was zum ganz großen Coup gefehlt habe. "Von allem ein bisschen", sagte er.

Fotostrecke

10  Bilder
Bundesliga: Viel Klasse, keine Tore
Und das war eine gute Antwort. Denn der BVB hatte gegen hervorragend aufgelegte Bayern gespielt wie ein Spitzenteam. "Dieses Jahr haben wir einen großen, großen Gegner", sagte Bayern Münchens Trainer Josep Guardiola zum Duell um die Meisterschaft.

Die Trainer improvisieren

Aber noch wirken die Bayern etwas stärker, man kann das an vielen Details erkennen. Marco Reus zum Beispiel hätte zum strahlenden Helden werden können, aber wie so oft in wichtigen Spielen vergab er schon in der Anfangsphase zwei wunderbare Gelegenheiten, und als Tuchel monierte, sein Team hätte "aus vielen Halbchancen echte Chancen machen können", meinte er besonders die Ungenauigkeiten des Nationalspielers, der immer noch auf seinen ersten Titel wartet.

Überzeugender als Reus war die vollkommen unerwartete Ordnung, die Tuchel für seine Abwehrkette ausgetüftelt hatte. Der Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek spielte den rechten von drei Innenverteidigern, und der Linksverteidiger Erik Durm agierte in der Rolle, die sonst Piszczek zufällt, mit der Spezialaufgabe, Douglas Costa unter Kontrolle zu halten. "Wir haben defensiv nie die Ordnung verloren und sehr mutig nach vorn verteidigt", sagte Tuchel, während Guardiola die Dortmunder Anfangsoffensive stoppte, indem er Xabi Alonso zurückzog. Nun spielten die Bayern ebenfalls mit einer Fünferkette. Und zwar ohne klassischen Innenverteidiger.

Solche Variationen meint Tuchel, wenn er seine derzeitige Lieblingsfloskel von den "Grenzen" verwendet, die es zu "verschieben" gelte.

Fotostrecke

13  Bilder
Einzelkritik Bayern München: Aufgedrehter Vidal, taktvoller Alonso
Es war auch ein Abend der Trainerimprovisationen. Es gibt nicht viele Kollegen, die einen Spieler wie Joshua Kimmich kurzerhand zum Innenverteidiger umfunktionieren und damit auch noch Erfolg haben. Der U21-Nationalspieler spielte überragend, die Statistiker hatten am Ende eine sagenhafte Quote von 94 Prozent gelungener Passaktionen und einer für einen Innenverteidiger bemerkenswerten Laufleistung von elf Kilometern ermittelt.

Gewolltes Risiko

"Das war ein unfassbar hart umkämpftes Spiel auf höchstem taktischem Niveau", sagte BVB-Kapitän Mats Hummels. Wobei in diesem Spiel für so viel Schwärmerei und Lobpreisungen erstaunlich viele Fehler passierten. Aber das ist kein Widerspruch, denn beide Mannschaften agierten extrem riskant. Besonders die Aktionen von Dortmunds Torhüter Roman Bürki kosteten die Dortmunder Anhänger einige Nerven, weil er komplizierte Flachpässe in enge Räume spielte, die bisweilen auch zu Ballverlusten führten.

Aber Tuchel wollte genau dieses Risiko haben. "Es geht nicht anders. Du kriegst das Spiel nur dann beruhigt, wenn der Torhüter so mitspielt." Wäre aus dieser Spielweise ein Gegentor gefallen, hätte Tuchel die Verantwortung auf sich genommen.

Auch Manuel Neuers etwas souveränere Spieleröffnung zählt zu den kleinen Anzeichen der größeren Reife der Bayern, die sich aber keineswegs sicher fühlen können im Titelrennen. "Es sind noch neun Spiele, das ist ein langer Weg", sagte Philipp Lahm, und Thomas Müller ergänzte anerkennend: "Wir haben weiterhin einen echten Gegner um die Meisterschaft."

Fotostrecke

13  Bilder
Einzelkritik Borussia Dortmund: Heute mal ein Lebensretter

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
MarkusW77 06.03.2016
1.
Geiles Spiel, überragende Stimmung, fast gerechtes unentschieden, ein 1:0 für Bayern wär evtl auch gerecht gewesen, ein 1:0 für unseren BVB aber auch möglich gewesen. Reus taucht mir in großen Spielen zu sehr ab. Und Kompliment an Robbens Ehrgeiz, dieser Biss fehlt unserem Reus oder Auba. Als Stadion Besucher war es jedenfalls trotz Torlos ein Genuss.
nummer50 06.03.2016
2. Angsthasen
Für mich hat der BVB in der Situation (Sieg - 2 Punkte Rückstand) zu sehr "Angsthasenfußball" gespielt. Nur hinten rein zu stehen und auf Konter zu lauern ist für eine Mannschaft die DM werden will etwas zu wenig. Wahrscheinlich hatten die BVB-Spieler noch das Vorrundendebakel in München im Kopf. Bayern hat im Rennen um die Meisterschaft nun eindeutig wieder die Nase vorne.
romeov 06.03.2016
3. Der BVB
Vordergründig wird dann der Gegner ein bisschen gelobt, dabei wollten sie gestern unbedingt gewinnen. Die Tatsache ist dann weit profaner: Man wir in der zweiten Halbzeit im Heimstadion an die eigene Wand gedrückt.
Woknower 06.03.2016
4. Riesenchance verpaßt
Wenn ich als Tabellenzweiter im EIGENEN Stadion die Chance habe, die deutsche Nr. 1 zu schlagen und wenigstens in die Nähe der Spitze zu gelangen, dann muß die Luft brennen. Dazu war Dortmund nicht in der Lage bei Weitem nicht. Der Abstand bleibt wohl.
Bueckstueck 06.03.2016
5. Überhöhung
Um fast auf Augenhöhe zu kommen, müsste man mehr anbieten als nur auf Konter zu spekulieren. Man müsste in der Lage sein den Bayern den Ball auch konsequent wegzunehmen, so wie sie es mit allen Gegnern immer tun, und ihn dann auch vorwiegend selbst zu behalten. Das kann auch Dortmund derzeit nicht. Hätte Dortmund etwas mehr Glück gehabt, hätten sie 1:0 gewinnen können. Hätten die Bayern etwas mehr Glück gehabt, hätten diese mit 3 oder 4 Toren gewonnen. Das ist der Unterschied.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.