BVB-Pleiten in der Bundesliga Klopp und die Systemkrise

In der Champions League zaubert Borussia Dortmund, in der Bundesliga gelingt dem Klub kaum etwas. Trainer Jürgen Klopp sieht mehrere Gründe für die Krise. Einer ist sein ständiger Systemwechsel.

Aus Dortmund berichtet


Die Spieler von Borussia Dortmund standen vor der Südtribüne und saugten Zuneigung auf. Gerade hatten sie ihr Bundesligaspiel gegen den Tabellenletzten, den Hamburger SV, 0:1 verloren. Nach der schmerzhaften Derbyniederlage gegen Schalke aus der Vorwoche der nächste Tiefschlag. So etwas würde bei Fans anderer Klubs womöglich Wut oder sogar Aggressionen provozieren. In Dortmund aber sangen und applaudierten Zehntausende, minutenlang.

Es war einer dieser Augenblicke, in denen der BVB-Marketing-Slogan "Echte Liebe" mit Leben gefüllt wurde. Kapitän Sebastian Kehl, der in zwölf Jahren bei der Borussia schon eine Menge erlebt hat, sagte danach, dass er "nur ganz selten so eine Gänsehaut" gehabt habe wie in diesem erstaunlichen Moment nach der Pleite gegen den HSV. Auch Trainer Jürgen Klopp hatte sich unter die Spieler gemischt und genoss die Zuneigung im Moment der sportlichen Depression.

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BVB-Niederlage gegen den HSV: Und schon wieder eine Pleite

Der BVB steht nur noch zwei Punkte vor einem direkten Abstiegsplatz und der Rückstand auf den FC Bayern ist auf satte zehn Punkte angewachsen. Dass die Fans trotzdem derart deutlich und bedingungslos zu dieser Mannschaft stehen, bezeichnete Klopp als "außergewöhnliche Reaktion, die uns helfen wird".

Tatsächlich haben die Dortmunder mit ihren Erfolgen der Vergangenheit, aber auch mit ihrer relativ transparenten Arbeitsweise und dem fast immer überzeugenden Kommunikationsstil eine Grundlage geschaffen, auf der ein großes Verständnis für die Probleme in dieser ersten Saisonphase gedeiht. Denn Kommunikation ist ein wichtiger Faktor im Moment.

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Bundesliga-Überraschungen: Wenn Favoriten stolpern
Klopp berichtete, dass er schon nach der Rückreise vom verlorenen Derby von einer Gruppe Fans empfangen worden war, die den Verdacht hegte, es mangele dem Team an der richtigen Einstellung. Tatsächlich ist schwer nachvollziehbar, wieso dieselben Spieler, die in der Bundesliga Woche für Woche enttäuschen, in der Champions League so wunderbare Leistungen hervorzaubern wie beim 2:0 gegen den FC Arsenal und erst vor wenigen Tagen beim 3:0 gegen den RSC Anderlecht.

"Wer sich für uns interessiert, sich aber nicht in uns reinversetzen kann, was niemand kann, der nicht in unserer Situation ist, der kommt relativ schnell zu dem Schluss, dass mit der Einstellung etwas nicht in Ordnung ist", versuchte Klopp in einem ziemlich verschachtelten Satz Verständnis für kritische Betrachter zu zeigen. In Wahrheit gehe es aber weder "um Qualität, noch um Einstellung, es geht im Moment um Form", so der Coach.

Verunsicherung und zu wenig Geduld beim BVB

Einige Spieler könnten ihre Leistung derzeit eben "an manchen Tagen abrufen und an anderen nicht". Und da gebe es "unterschiedliche Gründe, die viel mit der individuellen Situation der Spieler zu tun haben", sagte Klopp. Einige Akteure lassen sich zu schnell verunsichern, andere verlieren im Kampf um ihren Status im Team das Auge für den Mitspieler. Grundsätzlich mangelt es an Geduld und Automatismen, erst recht nach einem Rückstand.

Möglicherweise gibt es aber auch noch Probleme, die Klopp nicht so offen anspricht. So hat er in den vergangenen Monaten angefangen, das System seines Teams zu variieren. In den Erfolgsjahren mit Meisterschaften, Doublesieg und Champions-League-Final-Teilnahme spielte der BVB fast durchgehend in einem 4-2-3-1-System. Nun probiert Klopp darüber hinaus mal ein 4-4-2 mit Raute, mal ein 4-4-2 mit zwei Defensivspielern im Mittelfeldzentrum, mal ein 4-1-4-1. Oft wechseln die Systeme auch während des Spiels.

Klopp hat wie Pep Guardiola beim FC Bayern angefangen, die Fähigkeit zur Flexibilität zu forcieren. "Wir suchen immer das richtige System für die beste Elf", hat er in der vorigen Woche gesagt. Möglicherweise ist einer der Mosaiksteine der "kleinen Krise in der Bundesliga" (Marcel Schmelzer), dass die vielen noch mit sich selbst und ihren körperlichen Defiziten beschäftigen Spieler mit dieser immer neu geforderten Anpassungsfähigkeit überfordert sind.

Entscheidender bleibt allerdings die nach wie vor massiv störende Verletztenmisere unter den Kreativspielern (Reus, Gündogan, Blaszczykowski, Mchitarjan). "Sobald es 25, 30 Meter vor das Tor ging, konnten wir keinen entscheidenden Pass mehr spielen", sagte Schmelzer. Die Folge: Torchancen hatten die Dortmunder gegen den HSV kaum.

Immerhin konnte Klopp am Ende noch eine gute Nachricht an diesem aus BVB-Sicht gebrauchten Tag verkünden: "Ilkay Gündogan wird ab der nächsten Woche ganz normal trainieren und nach der Länderspielpause zum Kader gehören."

Borussia Dortmund - Hamburger SV 0:1 (0:1)
0:1 Lasogga (35.)
Dortmund: Weidenfeller - Durm (68. Piszczek), Sokratis, Hummels, Schmelzer - Sven Bender (46. Jojic), Kehl - Aubameyang, Kagawa, Großkreutz (78. Immobile) - Ramos
Hamburg: Drobny - Diekmeier (66. Stieber), Djourou, Westermann, Ostrzolek - Behrami, Arslan - Nicolai Müller (87. Rudnevs), Holtby, Jansen - Lasogga (83. Jiracek)
Schiedsrichter: Zwayer
Zuschauer: 80.667 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Sokratis (3), Jojic (3) - Holtby (2), Nicolai Müller (2), Drobny (2), Ostrzolek

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insgesamt 151 Beiträge
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neuronenuser 05.10.2014
1. Sehr guter Bericht!
Zu erwähnen wären aber noch die gravierenden individuellen Fehler, die dem BVB gegen Mainz, Stuttgart, Schalke und den HSV den Sieg bzw. ein Unentschieden gekostet haben. Die zusammen mit den im Artikel aufgezeigten Problemen erklären erst den miesen Tabellenplatz des BVB.
frank_w._abagnale 05.10.2014
2. BVB-Fans werden ungeduldig.
Es gab gestern lautstarke "Klopp raus"-Rufe von der legendären Dortmunder Osttribüne, wo die "echten" Fans stehen. Es wird eng für Jürgen Klopp, wenn sich jetzt die Fans gegen ihn wenden. Erst sein umstrittener Verschleißfußball mit den vielen Verletzten und nun der sportliche Offenbarungseid. Jürgen Klopp wandelt auf den Spuren eines Christoph Daum und entzaubert sich selbst.
paul-48 05.10.2014
3. In dem Artikel wird vieles angesprochen, jedoch....
eines nicht und das ist die "VERLETZUNGSSEUCHE" die den BVB wieder heimgesucht hat! Verletzte wie Kagawa, Gündogan, Mkhitaryan, Kuba, Sahin, Reus und das sind noch nicht alle, dazu der Verlust von Lewandowski, sind nicht so einfach zu kompensieren! Wenn dazu im Artikel geschrieben, "nur noch zwei Punkte von direktem Abstiegsplatz entfernt" halte ich das für eine Provokation der Medien und Effekthascherei! Der "verschachtelte" Satz zum momentanen Zustand bei BVB von Klopp verständlich für DIE, die Aussage verstehen wollen! MEDIENGEIER die versuchen Unruhe in Mannschaft und Umfeld zu bringen - wie das Woche für Woche bei >S04< passiert - sollten sich woanders versuchen!
andi/// 05.10.2014
4. Kopf hoch
Locker bleiben, liebe Dortmunder, Bayern könnte auch schon nicht gegen den HSV gewinnen!
thunderstorm305 05.10.2014
5. Das sind wahre Fans!
Wenn man an Nürnberg denkt deren Ultras die Trikots ihrer Spiele aus falsch verstandenem Ehrgefühl herausfordern, muss man den Hut ziehen vor den Fans des BVB`s. Es ist erstaunlich dass der BVB mehr Probleme nach der gewonnenen WM hat im Vergleich zu Bayern München. Vermutlich hätte der BVB noch einige weitere Spieler einkaufen müssen. Aber es werden wieder bessere Zeiten für den BVB kommen.
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