Vor Bundesliga-Spitzenspiel in München Borussia Dilemma

Der BVB ist ein zerrissener Klub. Ein halbes Jahr ohne attraktiven Fußball scheint den Verein zu vergiften. Dabei gibt es andere Ursachen. Dortmund braucht eine Neuausrichtung - sonst lacht am Ende der FC Schalke.

Sokratis (l.) und Nuri Sahin
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Sokratis (l.) und Nuri Sahin

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Die Rivalität von Borussia Dortmund und dem FC Schalke hat viele Facetten. Man kann sich nicht leiden. Manche sprechen sogar von Hass. Umso wichtiger ist es, neben Erfolgen in den direkten Duellen, am Ende einer Saison vor dem Feind zu stehen. Das war in den vergangenen Jahren meist dem BVB vergönnt, selbst 2015 in der letzten Klopp-Saison holte S04 nur zwei Punkte mehr - obwohl Dortmund zwischenzeitlich sogar Letzter war.

Was das alles mit dem Top-Spiel am Samstag zwischen dem FC Bayern und dem BVB (18.30 Uhr Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) zu tun hat? Ein Blick auf die aktuelle Tabelle zeigt: Bei einer - sehr wahrscheinlichen - Niederlage in München könnte die Borussia bis auf vier Punkte hinter Schalke zurückfallen. Zwei Wochen später steht das Revierderby an. Und bei dem Restprogramm könnte am Ende der Saison auch der fünfte Platz herausspringen. Freunde des BVB sollte das aber nur am Rande interessieren.

Es geht um viel mehr.

Wenn in Dortmund in den kommenden Wochen und Monaten nicht einige richtige Entscheidungen gefällt werden, wird Königsblau vorbeiziehen. Nicht für ein Jahr. Sondern langfristig.

Spieler von Borussia Dortmund
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Spieler von Borussia Dortmund

Wann das Dilemma bei Borussia Dortmund seinen Ursprung gefunden hat, ist im Nachhinein schwer zu sagen.

  • Da ist Ex-Trainer Thomas Tuchel, der neben exzellentem Fußball auch Risse im Mannschafts- und Vereinsgefüge zu verantworten hat.
  • Da ist eine Erwartungshaltung im Klub, die so ungesund wie unrealistisch ist.
  • Da ist Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, der Strömungen im Klub zu spät oder noch gar nicht erkannt hat.
  • Da ist Manager Michael Zorc, der auch aus sentimentalen Gründen einen Kader im Ungleichgewicht zusammengestellt hat.
  • Da sind Watzke und Zorc im Zusammenspiel, die es bei den lukrativen, aber umstrittenen Transfers von Ousmane Dembélé und Pierre-Emerick Aubameyang verpasst haben, die Anhänger des Klubs mitzunehmen.
  • Und da ist der Anschlag auf den Mannschaftsbus, der die sportliche Bewertung des Teams so unglaublich schwierig macht. Die Aussagen der Spieler im Prozess gegen den mutmaßlichen Täter haben gezeigt, wie herausfordernd die Verarbeitung auch heute, fast ein Jahr nach der Tat, immer noch ist.

Aus dieser Gemengelage ist im gesamten Verein eine Stimmung entstanden, die das Potenzial für Langlebigkeit hat. Als der BVB vor wenigen Wochen in der Bundesliga gegen Eintracht Frankfurt in der 94. Minute einen 3:2-Sieg herausgeschossen hat, hätte sich die Euphorie im Tollhaus Westfalenstadion in früheren Zeiten wie ein Gegengift in der gesamten Mannschaft verbreitet. Stattdessen war es ein kaum beachtetes Intermezzo, vier Tage später schieden die Dortmunder nach einer apathischen Leistung in Salzburg aus der Europa League aus.

Hört man sich im Fanlager des BVB um, was sich in der kommenden Saison ändern muss, so lautet die häufigste Antwort: "Wo soll ich anfangen?"

Hilfreich wäre aber auch ein Umdenken bei den Anhängern. Proteste gegen RB Leipzig, die 50+1-Regel oder die Preispolitik bei Eintrittskarten sind ehrenwert, sollten aber nicht das Herzstück der Fankultur sein. Denn parallel zum fußballerischen Verfall der Mannschaft hat auch die Stimmung im Stadion massiv gelitten. Wer sich, ganz subjektiv, rühmt, die besten Fans der Liga zu haben, sollte anders auf eine Serie von schwachen Spiele reagieren. Ja, Borussia Dortmund spielt derzeit wie eine durchschnittliche Bundesliga-Mannschaft. Aber der BVB ist nicht der FC Bayern. Solche Phasen gehören einfach dazu.

Der neue Trainer ist wichtig, aber nicht das Wichtigste

Nichtsdestotrotz braucht der achtfache Deutsche Meister einen Umbruch. Das hat auch Manager Zorc erkannt. "Es muss und wird Veränderungen geben, was den Kader angeht", sagte er vor dem Spiel gegen Hannover bei Eurosport, wenige Tage bevor er selbst seinen Vertrag bis 2021 verlängerte. Eine richtige Entscheidung, denn auch wenn Watzke und Zorc zuletzt einige Fehler begangen haben, ist Kontinuität in der Vereinsführung wichtig.

Peter Stöger
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Peter Stöger

Die brisanteste Personalie ist allerdings die des Trainers. Peter Stöger hat in der Bundesliga mit defensiv geprägtem Fußball noch kein Spiel verloren, in fast vier Monaten aber auch keine andere Spielidee vermitteln können. Eine Weiterbeschäftigung des Österreichers wäre eine Überraschung. Bei der Suche nach einem Nachfolger sollte es nicht um Namen sondern um eine langfristige Planung gehen.

Was für ein Fußball soll Borussia Dortmund in Zukunft spielen? Wenn Watzke und Zorc diese Frage beantworten können, sollte die Suche beginnen. Das kann dominanter Ballbesitzfußball sein. Das kann auch riskanter Pressingfußball wie unter Kurzzeittrainer Peter Bosz sein. Oder Konterfußball. Wichtig ist eine zum Konzept passende Kaderstruktur, die die sportliche Leitung gemeinsam erarbeitet.

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Trainer bei Borussia Dortmund

Wen sollte der BVB verpflichten, wenn Peter Stöger im Sommer aufhört?

Es laufen nur die Verträge der Torhüter Roman Weidenfeller und Dominik Reimann aus, Stürmer Michy Batshuayi muss im Sommer zurück zum FC Chelsea. Alle anderen Spieler haben gültige Arbeitspapiere. Wer dann auch immer den Verein verlassen muss, der BVB benötigt: einen Torwart, der Roman Bürki unter Druck setzt; ein bis zwei passstarke Innenverteidiger, die den Spielaufbau mitprägen können; einen zweikampfstarken defensiven Mittelfeldspieler; ein bis zwei Außenverteidiger, die für Torgefahr sorgen können; einen Mittelstürmer, der die Vorlagen der vielen talentierten Außenbahnspieler verwerten kann.

Der Wunschzettel ist lang und Zorc muss sich daran messen lassen, dass er einst Spieler wie Robert Lewandowski, Ilkay Gündogan oder Dembélé nach Dortmund geholt hat. Der BVB braucht aber vor allem neue Impulse für die Hierarchie der Mannschaft. Als Führungsspieler gelten Marcel Schmelzer und Nuri Sahin. Der eine spielt durchschnittlich, der andere gar nicht.

Zu einem Umbruch gehören auch unpopuläre Entscheidungen.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
roulaison 30.03.2018
1. Apropos
unpopuläre Maßnahmen: Wer spricht noch von Kapitän Höwedes? Tedesco, alles richtig gemacht
Oihme 30.03.2018
2. Ganz so lang ...
... wie im Artikel beschrieben ist die Liste der notwendigen Veränderungen nun auch nicht. Zumal die sportliche und personelle Haben-Seite des BVB dabei etwas zu kurz kommt. Auch unter Stöger hat die Mannschaft phasenweise schon Klassefußball gespielt, um dann aber fast von einer Sekunde auf dei andere wieder in diese seltsame, von Selbstzweifeln diktierte Lethargie zurückzufallen. Sie können es also, und Stöger offenbar auch, die unbedingte Dringlichkeit der Trainerfrage sehe ich deshalb nicht. Auch auf der Torwartposition sehe ich keinen unmittelbaren Handlungsbedarf, da reicht sicherlich die Verpflichtung eines Nachwuchstalents. Dass für den in die Jahre gekommenen Pischu (AV) und für Aubameyang/Michy (Sturm) Ersatz her muss, war vorher schon klar, man kann nicht ewig lange auf die Wiedergenesung von Durm warten, und man sollte auch von einem 18jährigen Isak heute noch keine Wunderdinge erhoffen. Für Schmelzer steht jedoch Guerriero längst in den Startlöchern, und wenn sich Akanji als neuer IV weiter so gut entwickelt, wie bisher, gibt es auch hinten schon eine Baustelle weniger. Wirklich dringlich ist tatsächlich ein gestandener Spieler für das defensive Mittelfeld. Dass sich eine Mannschaft nach der Saison auf drei, vier Positionen verstärken muss, bleibt durchaus im Rahmen, andere Vereine haben da sicherlich weniger Geld und viel mehr Baustellen als der BVB.
markus.pfeiffer@gmx.com 30.03.2018
3. Überraschung
Von den im Voting genannten ist aus meiner Sicht der mit den bisher wenigsten Stimmen der Beste für Dortmund: Zu der Art Fußball, die Ralph Hasenhüttl spielen lässt, würden einige aktuelle Dortmunder Spieler, die zuletzt - aus verschiedenen Gründen - zu kämpfen hatten, aber eigentlich mehr können, perfekt passen. Ich nenne nur Reuß, Schürrle, Götze und Gündogan. Und man könnte mit einer zügigen Hasenhüttl-Verplichtung zwei Coups auf einmal landen: 1. den Bayern einen weiteren potentiellen Trainer-Kandidaten vor der Nase wegschnappen und 2. einen direkten Konkurrenten um die Championsleague-Teilnahme schwächen.
KatastrophenUlli 30.03.2018
4. Der BVB ist nur mit einer Personalie zu retten
Und zwar mit Watzke! Der Mann sollte gehen, mit ihm kann es eigentlich nur bergab gehen. Er hat mit Tuchels Rausschmiss dem BVB unglaublich geschadet. Nicht nur dass er Tuchel selbst entlasen hat, er hat damit auch jedem guten Trainer der Welt verklickert, dass beim BVB gute Arbeit nicht geschätzt wird, solange man nicht nach der Pfeiffe des Chefs tanzt. Zudem bin ich absolut überzeugt, dass Schalke den BVB überholen wird, sportlich wie finanziell. Jetzt haben sie mit Tedesco und Heidel fantastische Leute an den entscheidenen Positionen, dazu ein Tönnies der sich angenehm zurückhält. Auch wenn die ablösefreien Abgänge sehr weh tun, für die Zukunft sehe ich nur Positives. Schalke hat sich in der Vergangenheit ja selbst fertig gemacht, mittlerweile sehe ich diese Tendenzen eher bei Dortmund.
markus.pfeiffer@gmx.com 30.03.2018
5. Sorry
Zitat von markus.pfeiffer@gmx.comVon den im Voting genannten ist aus meiner Sicht der mit den bisher wenigsten Stimmen der Beste für Dortmund: Zu der Art Fußball, die Ralph Hasenhüttl spielen lässt, würden einige aktuelle Dortmunder Spieler, die zuletzt - aus verschiedenen Gründen - zu kämpfen hatten, aber eigentlich mehr können, perfekt passen. Ich nenne nur Reuß, Schürrle, Götze und Gündogan. Und man könnte mit einer zügigen Hasenhüttl-Verplichtung zwei Coups auf einmal landen: 1. den Bayern einen weiteren potentiellen Trainer-Kandidaten vor der Nase wegschnappen und 2. einen direkten Konkurrenten um die Championsleague-Teilnahme schwächen.
Gündogan ist ja gar nicht mehr da - verdrängt, denn er würde der Mannschaft gut tun; und hat zuletzt auch unter seinen Möglichkeiten gespielt - hallo Freud..
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